Wolfram Pyta: Hindenburg

Hindenburg

Verlag: Siedler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-88680-865-6

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Wolfram Pyta: Hindenburg: Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler

Immense Forschungsleistung, aber wo bleibt der "Wald vor lauter Bäumen?"

Wolfram Pyta hat mit seiner Hindenburg-Biographie eine enorme Forschungsleistung erbracht und sicherlich die Biographie vorgelegt, die wirklich alle verfügbaren - auch neuen - Quellen zu Hindenburg erarbeitet hat. Besonderen Wert erhält die Biographie dadurch, dass sie nicht nur geschichtliche, sondern auch politikwissenschaftliche Forschungsansätze - insbesondere zur Diktatur- und Charismaforschung - berücksichtigt. In Anlehnung an seinen Aufsatz: "Paul von Hindenburg als charismatischer Führer der deutschen Nation" in Frank Möllers: "Charismatische Führer der deutschen Nation" aus dem Jahr 2004 gelingt es Pyta, Hindenburgs Popularität, seinen Mythos darzustellen und auf dieser Basis zu erklären, warum Hindenburg Hitler im Jahre 1933 mit der Kanzlerschaft beauftragte. Im Herbst 1932 hatte die charismatische Herrschaft Hindenburgs ihren Zenit erreicht. Weite Teile der deutschen Gesellschaft warteten - so Pyta in dem erwähnten Aufsatz in Möllers Sammelband - geradezu darauf, dass Hindenburg unter Ausnützung der in der Weimarer Verfassung steckenden Möglichkeiten das politische System in ein auf ihn zugeschnittenes Präsidialsystem umwandelte. Insbesondere der letzte Reichskanzler vor Hitler, der von Hindenburg gegen seinen Willen ernannte Kurt von Schleicher, hat Hindenburg zu einer solchen Lösung, welche sich auf die aktive Unterstützung der Reichswehr hätte verlassen können, gedrängt. Warum hat Hindenburg diese Lösung abgelehnt? Zunächst aus persönlichen Gründen: Hindenburg hatte bereits Brüning unter anderem deswegen entlassen, weil er spürte, dass die unpopulären Notverordnungen, die unter seinem Namen erfolgten, nicht nur Brünings Ansehen auf einen Tiefpunkt gebracht hatten, sondern auch eine Gefahrenquelle für seine Popularität, seinen Mythos und sein Charisma gewesen sind. Hindenburg hatte zwar Geschmack am Regieren und Herrschen gefunden - und er war - wie es Pyta zeigt - eben keine Marionette seiner Berater, sondern traf letztlich alle Entscheidungen - auch diejenige der Ernennung Hitlers - selber. Aber Hindenburg wollte in erster Linie seinen Mythos und seine Popularität erhalten. Eine Entscheidung zugunsten der präsidialen Republik hätte Hindenburg in Konflikt mit der politischen Rechten in Gestalt der Nationalsozialisten gebracht. Und es hätte vor allen Dingen aus seiner Sicht die Gefahr bestanden, dass durch die Führung der NSDAP alles, was ihm lieb und teuer geworden war, einer öffentlichen Auseinandersetzung unterzogen worden wäre.

Zweitens erkannte er, dass er zu einer zum Konflikt mit dem Reichtstag entschlossenen Präsidialregierung die Reichswehr als machtpolitischen Rückhalt benötigte. Wenn dieser ausfiel, konnte Hindenburg keinen Bürgerkrieg riskieren und den Staatsnotstand nicht wagen.

Drittens war Hindenburg im Januar 1933 mit 85 Jahren ein alter Mann. Zwar war er weit von einer ihm oft zugesprochenen Senilität entfernt, aber er spürte sehr wohl ein Schwinden seiner Kräfte und war auch von daher nicht länger bereit, das amt des Reichspräsidenten als Verpflichtung zu einer politischen Kraftprobe zu interpretieren. Hindenburg sehnte sich danach, sich auf seine rein repräsentativen Aufgaben zurückziehen zu können und so Konflikten, die zur Minderung seines Charismas und seines Mythos hätte führen können, aus dem Weg zu gehen. Hindenburg scheute davor zurück, sich politisch so zu exponieren, dass sein Mythos, dessen Pflege und Bewahrung ihm zur Lebensaufgabe geworden war, irreparablen Schaden erleiden konnte. Hindenburg gestand sich mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler indirekt ein, dass sein Charisma lediglich geborgt war und auf einer Fremdzuschreibung durch die deutsche Gesellschaft beruhte. Es war daher ein viel zu zerbrechliches Gut, als dass er eine existentielle Krisensituation mit dessen Einsatz hätte meistern können. Hindenburg verdankte seine charismatische Herrschaft in erster Linie der politischen Instrumentalisierung seines Mythos - und daher schreckte er vor einer möglicherweise mythenzerstörenden Politik zurück.

Drittens war Hindenburgs Ziel, das deutsche Volk zu Einigkeit und einer Volksgemeinschaft zu führen. In diesem programmatischen Ziel sah er sich mit Hitler einig, wie Hitlers erste Regierungserklärung vom 1. Februar 1933 bewies. Spätestens mit dem Tag von Potsdam - von Pyta als "endgültiger Durchbruch" im persönlichen Verhältnis Hindenburgs zu Hitlers bezeichnet (S. 824) - gingen Hitler und Hindenburg eine Symbiose ein, von der beide Seiten profitierten. Hindenburg zog sich auf die charismatischen Grundlagen seiner Herrschaft zurück - seinen Feldherrenruhm, dem ihm niemand mehr streitig machte. Sein potentieller Nachfolger würde auch nach Hindenburgs Tod dessen Mythos nicht antasten und ihn als unentbehrlichen Wegbereiter für die innere Einheit der Nation preisen. Hitler konnte den Hindenburg-Mythos nutzen, um ihn als Rechtfertigungsinstanz für seine Politik zu nutzen und von dem Ruhm Hindenburgs zu profitieren, so dass ihm bei Hindenburgs Tod niemand den Anspruch auf dessen Nachfolge würde streitig machen können. Mit seinem Testament vom Mai 1934 designierte Hindenburg Hitler zu seinem "unmittelbaren" Nachfolger, wie es Hindenburgs Sohn Oskar in einer Rundfunkansprache im August 1934 - unmittelbar vor der Volksabstimmung über die Nachfolge Hindenburgs - auch bestätigte.

So weit zum Inhalt dieser monumentalen Biographie. Wie oben angedeutet, fasziniert die Anwendung des Charisma-Begriffes auf Hindenburg, der geeignet ist, die Ereignisse, die zur Ernennung Hitlers führten, zu erklären und somit politikwissenschaftliche Ansätze der Charisma- und Diktaturforschung für die historische Forschung über das Ende der Weimarer Republik gewinnbringend zu nutzen.

Dennoch bin ich mit dieser Biographie nicht hundertprozentig zufrieden. Ich vermisse eine zusammenfassende Wertung der Rolle Hindenburgs in der deutschen Geschichte und habe das Gefühl, den "Wald vor lauter Bäumen" nicht mehr zu erkennen. Wie kommt es, dass ich das Gefühl habe, von einem Drei-Seiten-Essay Heinrich Augsut Winklers: "Hindenburg, ein deutsches Verhängnis" (in seinem neuen Werk: "Auf ewig in Hitlers Schatten?) mehr über Hindenburgs Rolle in der deutschen Geschichte zu erfahren als in Pytas monumentalem Werk? Wie kommt es, dass ich nach wie vor in der Methode von Horst Möller, der seine Geschichte über die Weimarer Republik mit einer vergleichenden Gegenüberstellung der beiden Reichspräsidenten Ebert und Hindenburg beginnt, mehr Erkenntniswert über die Wirkung beider Persönlichkeiten und ihrer Rolle als Stabilisator bzw. Totengräber der Weimarer Republik abgewinnen kann als in Pytas Werk?

Dies liegt daran, weil Pyta den Leser mit Material überfrachtet, ohne dem Leser zu erklären, warum heute noch eine Biographie über Hindenburg notwendig ist und was das Wesentliche in seiner Rolle in der deutschen Geschichte ist. Paul Sethe hat dies - in Anlehnung an Karl-Dietrich Bracher - einmal sehr prägnant auf den Punkt gebracht: "Dreimal hat Paul von Hindenburg eine verhängnisvolle Entscheidung getroffen: er hat dem Kaiser geraten, nach Holland zu gehen; er hat die Doclhstoßlegende in die Welt entsandt; er hat den letzte fähigen Staatsmann von Weimar [Sethe bezog sich hier auf Brüning] entlassen." Nicht umsonst nennt Winkler Hindenburg in seiner oben zitierten neuen Essay-Sammlung: "Ein deutsches Verhängnis". Hindenburg hat mit seinen Entscheidungen zum Ende der ersten demokratischen Republik beigetragen und Deutschland an Hitler ausgeliefert; er war der "Totengräber" Weimars. Dies hätte Pyta durchaus deutlicher herausarbeiten müssen. wie vor das wichtigste Werk
Fazit
Insofern bleibt die - hervorragende und leider vergriffene - Biographie Andreas Dorpalens über Hindenburg in der Geschichte der WEimarer Republik aus dem Jahre 1966 nebst dem oben erwähnten Buch von Horst Möller das nach wie vor wichtigste Werk für denjenigen, der verstehen möchte, warum die Weimarer Republik gescheitert ist.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 14. Oktober 2007

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