Werner Walter Güttler: Steine auf dem Weg. Legende über einen Suchenden

Steine auf dem Weg. Legende über einen Suchenden

Verlag: Araki-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: historischer Roman
ISBN-13 978-3-936149-05-0

Preis: 24,80 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Das menschliche Wissen von der Welt, den Religionen und den je erstrebenswerten Lebensweisen ist oft die Welt selber - soweit dieses Denken und Wissen in die Wirklichkeit drängt. Mein Wissen wird zum Selbstbewußtsein, zu einer in sich selbst ruhenden Kraft der Erkenntnis meiner Außenwelt. Und so steht der Mensch oft auf seinem beschwerlichen Weg durch das Leben vor einer Wegegabelung: Entweder folgt er seiner Berufung und versucht seinem inneren Gefühl und seinen persönlichen Fertigkeiten gemäß einen Beruf, einen Ort der Lebensverwirklichung in Frieden zu finden, die zugleich der notwendigen Wechselhaftigkeit des Lebens gerecht wird, oder aber er liefert sich an den Fluss des Lebens ganz aus, sucht von Zeit zu Zeit nach vermeintlich erfüllenden Genüssen, steht aber nicht fest in seinem Denken, seinen Überzeugungen und seinem Wirken während seines Weges durch das Leben.

Unsere Welt ist eine sich wandelnden Welt. Steine sind in ihr das Sinnbild des Dauerhaften und Beständigen - innerhalb des Wechselhaften. Sie liegen entweder auf dem Weg, können umschifft und konstruktiv überwunden werden oder sie liegen im Weg, bringen uns zum scheitern, verzweifeln, treiben uns in den Suizid. Steine erfüllen eine Funktion, die ihnen allein der jeweilige Betrachter zukommen läßt, der sich damit selbst vor die beschriebene Wegegabelung stellt und eine Entscheidung fällt. Zu dieser Entscheidung können uns die Steine auf dem Weg drängen.

In einer existentiellen Krise und vor ähnliche Herausforderungen der Lebensbewältigung gestellt lebt die Hauptfigur des vorliegenden Buches Harun in den Felsenhöhlen von Petra. Eine Bruderschaft nimmt sich seiner an und rettet ihn vor dem Suizid. Nach seiner Initiation wächst er in eine völlig neue Welt, bestehend aus Menschen verschiedener Kulturen und Religionen. Harun hat mit seinem alten Leben abgeschlossen. Auf dem Höhepunkt der Krise entdeckt er in den Felsentempeln, in denen er haust, merkwürdige Gestalten. Sie entpuppen sich als eine Gruppe aus Archäologen und Einheimischen, die sich regelmäßig zu Ritualen und Zusammenkünften treffen.

Der Autor Werner Walter Güttler, Ehrenbürger des Staates Jordanien und wohnhaft in Hannover, bietet hiermit einen geschichts- und zugleich informationsgetränkten Traumroman dar, der in sich viele Geschichten beinhaltet, welche die ethnischen Hintergründe der vorderasiatischen Kultur und Religion beleuchten und in eine wunderschön lesbare Korrelation zu der Landschaft des vorderen Orients stellen. Zugleich kommt er dabei nicht umhin, auf Vergleiche dieser kulturellen Darstellung mit laufenden Traditionen gnostischer, alchemistischer und rosenkreuzerischer Strömungen in Europa einzugehen.

In dieser Erzählung, die nunmehr erweitert und gestrafft die Fassung einer bereits 1987 erschienenen Schrift wiedergibt, werden in spannenden Dialogen religiöse Unvereinbarkeiten überwunden. Aktuell ist das vorliegende Buch angesichts der unverändert aufbrechenden Bruchlinien zwischen dem Orient und dem Abendland nach dem letzten Irak-Krieg. Und so läßt Güttler mehrfach seine Hauptfiguren zu der Erkenntnis gelangen, daß Toleranz zuvorderst Verständnis für kulturelle Hintergründe braucht. Damit kann dieses Buch als zauberhaftes Plädoyer für eine Phänomenologie der jeweiligen Kulturen gelesen werden, als großartige denkerische und erzählerische Leistung, die in der Felsenwelt der alten Nabatäer-Hauptstadt Petra im heutigen Jordanien spielt.

Mit sorgfältiger Authentizität werden freimaurerische Ideen und Rituale dargestellt und in logischer Tiefe entwickelt. Der Hauptakteur Harun wächst innerlich von einem vorurteilvollen Eiferer heran zu einem toleranten und selbstbewußten Kosmopoliten. Kapitelüberschriften wie "Die Berufung zum Beruf" (166), "Die Erziehung des Zweiflers" (213), "Die Verträglichkeit des Seins" (357), "Die Fäule im Fleisch" (371) oder "Der Abschied des Lebens" (535) reizen förmlich den suchenden Leser dazu, ununterbrochen weiter zu lesen, weiter zu ergründen, der Frage nach dem Wie und Warum des Lebens über dieses Buch die individuelle Antwort zukommen zu lassen. Er erkennt zugleich, seinen eigenen Geist und sein Streben im Leben von dem trennen zu können, was andere von ihm als gut erachten. Der eigentlich lebende Mensch lebt und denkt auf individuelle Weise integral - sowohl auf kultureller als auch religiöser Ebene. Er findet diesen Weg selbst, über alle Hindernisse und selbst auferlegte Martyrien - über alle "Steine auf dem Weg" - hinweg und gelangt zu höherem Bewußtsein.

Dafür bietet Güttler schließlich sogar Lösungen im Umgang mit Religionen an: "Nenn ihn, wie du willst: Allah, Gott oder mit verschiedenen Namen aller Religionen und Philosophien der Menschen. Löse ihn zuerst von dem erfundenen Namen, verstehe ihn wirklich in seiner Macht, dann ist auch seine ordnende Kraft, das Väterliche, das uns helfend und dienend Zugestellte." Oder: "Gott ist nicht mit unseren Sinnen zu fassen. Gelingt es dir aber, von Allah so schlicht zu denken, dann bist du fähig, jeden anderen Menschen in seiner Religion zu würdigen." Ergänzt werden diese Lebensweisheiten durch bildliche Veranschaulichungen darüber, welche Vorstellungen aus Altägypten, Mesopotamien sich mit altsemitischen und hethitischen Philosophien vermischten. Was diese Traumlegende ausmacht, ist ihr Kenntnisreichtum altweltlicher Religion und Spiritualität. Sie ergibt das praktizierte Bild einer fruchtbaren Konvergenz von rationaler Wissenschaft und zugleich träumerisch-narrativer Leidenschaft, um schließlich als Meisterwerk des Denkens überhaupt eine Bastion menschlicher Lebens- und Realienkunde in Romanform zu werden, wie sie der eingeweihte Leser nur noch von dem Urtypus dieses Genres, nämlich von Baltasar Graciáns "Kritikon" (1651), kennt.

Ganz klar hierbei, daß existenzielle Lebenserkenntnisse konsequent auszuleben anempfohlen werden: "Unser Sein ist zwischen Entstehen und Vergehen eingefügt, darum kann es nicht verharren, sondern muß fortschreiten, Erwartung aufnehmen und Verzicht entlassen, bis es vor der letzten, höchsten Erwartung ankommt, dort, wo es dann auf alles verzichten muss, was es handelnd lebte, erlebte." Dieses Buch ist jenen Denkenden und Suchenden zu empfehlen, die sich endgültig von partikularer Bedrängnis im Geiste befreit haben und das Ganze konsequent selbst zu denken wagen.
Fazit
Umassende Lektüre, die sich aber durch ihren Effekt beim Leser rechtfertigt.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 04. Oktober 2007

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