Gabriele Krone-Schmalz: Was passiert in Russland

Was passiert in Russland

Verlag: Langen-Müller Herbig Verlagsgruppe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-7766-2525-7

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Gabriele Krone-Schmalz hat mit ihrem neuen Werk ein sehr engagiertes und lesenswertes Buch über Russland unter Putin vorgelegt. Wurde Putin zunächst im Westen als neuer Präsident Russlands geschätzt, weil er Stabilität und Berechenbarkeit in dieses Land brachte, so muss mit dem Fischer-Weltalmanach 2008 korrekterweise konstatiert werden, dass die Beziehungen Russlands mit dem Westen seit dem Mord an Anna Politkowskaja und der Affaire Litwinenko auf einem Tiefpunkt angelangt sind. Deutlich wurde die veränderte Wahrnehmung auf beiden Seiten durch die Rede Putins auf der Münchener Sicherheitskonferenz 2007, die im Westen überwiegend als "Rückkehr zum Vokabular des kalten Krieges" interpretiert wurde.

Ganz offensichtlich hat es einen Wandel an Wahrnehmungen gegenüber Russland gegeben. Nach anfänglicher Skepsis gegenüber Gorbatschow 1985 herrschte zunächst Euphorie über Glasnost und Perestroika, die dann - schon am Ende der Regierungszeit Gorbatschows - gegenüber einer kritischeren Sichtweise abgelöst wurde. Dennoch protegierte der Westen Boris Jelzin, in dem er den "Garanten der Demokratie" gesehen hatte. Dass unter Jelzin Rechtsunsicherheit und eine skrupellose Herrschaft der Oligarchen einsetzte, wurde im Westen zwar - insbesondere seit 1993 - zunehmend erkannt, aber häufig ein "Auge" zugedrückt, weil der Westen Jelzin als "kleineres Übel" gegenüber einer Rückkehr der Kommunisten sah. Putin galt als undurchsichtig, wenn auch klug. Dass er Russland wieder stark machen und "Ordnung" schaffen wollte, galt als sein Programm; seine Äußerung, es solle die "Diktatur des Gesetzes" wieder hergestellt werden, hat zu unterschiedlichen Konnotationen im Westen wie in Russland geführt. Im Westen hörten politisch Interessierte das Wort "Diktatur" und damit die Rückkehr zur Diktatur heraus, in Russland (hoffnungsvoll) die Geltung von Recht und Gesetzen.

Gabriele Krone-Schmalz bemüht sich, die russische Sicht der Dinge darzustellen: "Wenn ich für jemanden Verständnis habe, dann heißt das noch lange nicht, dass ich sein Verhalten in allen Facetten akzeptiere und für gut befinde. Es heißt lediglich, dass ich diesen jemand respektiere, mich für seine Probleme interessiere und nicht versuche, mich selbst zum Maßstab aller Dinge zu machen." (S. 9). Krone-Schmalz gelingt es, Russland und die Politik Putins, für dessen politische Handlungen sie Verständnis bekundet und dessen persönliche und politische Integrität sie schätzt, aus einem differenzierten Blickwinkel zu betrachten, um das heutige Russland verstehbar zu machen. Nur so können Missverständnisse und neue Konfrontationen abgewendet und der Aufbau neuer Stereotypen und Feindbilder abgewendet werden. Sie zeichnet Entwicklungsprozesse - wie die Entstehung der "Bürgergesellschaft" (einen Begriff, den sie der definierbaren "Zivilgesellschaft" vorzieht) nach, wobei sie in Anlehnung an Michael Eggert die Funktion der "Gesellschaftskammer", einer von Putin geschaffenen Instanz, die zwischen Nicht-Regierungs-Organisationen, Bürgern und dem Staat vermitteln soll, minutiös nachzeichnet. Die Reizthemen Pressefreiheit, Tschetschenien, Wirtschafts- und Energiepolitik sowie Außenpolitik werden dargestellt, wobei Krone-Schmalz die Motive der russischen Sicht darlegt und insbesondere dem Westen vorwirft, sein Versprechen, die Nato nicht nach Osten zu erweitern (als Preis für die Zustimmung Gorbatschows zur Mitgliedschaft des vereinigten Deutschlands in der Nato) gebrochen zu haben. Putins Ängste vor einem amerikanischen Raketenschild in Polen und Tschechien seien daher nicht "lächerlich", wie es die amerikanische Außenministerin Rice gesagt habe, sondern durchaus nachvollziehbar.

In allen Bereichen wird das zentrale Anliegen von Krone-Schmalz deutlich: sie fordert differenzierte und aufrichtige Berichterstattung. Dies bedeutet für sie, die Standpunkte des anderen möglichst neutral darzustellen und Manipulationen, vorauseilender Gehorsam und schlampige Sprache und Recherche zu vermeiden.

Ich habe die Motive der russischen Seite durch die fesselnde Lektüre des Buches von Krone-Schmalz sehr viel besser verstanden als durch zahlreiche Bücher vor ihr. Manchmal scheint sie mir die Politik Putins zu sehr zu "verharmlosen", wenn sie etwa den Mord an Anna Politkowskaja lediglich dem tschetschenischen Präsidenten anlastet und Putins Betroffenheitsbekundungen in dieser Hinsicht mir nicht kritisch genug hinterfragt, während sie andererseits Jelzin unbesehen für den Mord an der Petersburger Politikerin Starowojtowa verantwortlich macht. Zum Verständnis - auch Putins - gehört für mich, seine zwiespältige Reaktion auf den Tod von Politkowskaja auch korrekt darzustellen, wenn ihre Feststellung, dass die Ermordung dieser Journalisten Putin und der Regierung mehr geschadet habe als Politkowskajas kritische Artikel, zutrifft. Auch Putins Motive kritischer zu hinterfragen, hätte dem Informationswert von Krone-Schmalz Buch sicher nicht geschadet.

Insgesamt aber ein hervorragendes Buch. Unbedingt dazu lesen - um eine Gegenmeinung zu erhalten und Einblicke in die Machtstrukturen des "Systems Putin" zu erhalten, sollte man das eben erschienene Werk: "Das System Putin" der Russlandexpertinnen Margareta Mommsen und Angelika Nußberger, die Putin und seine Politik wesentlich kritischer kommentieren als Krone-Schmalz.
Fazit
Ansonsten: ein wirklich engagiertes und lesenswertes Buch, welches den Mut hat, "gegen den Strom" zu schwimmen und stilitisch brilliant geschrieben und fesselnd zu lesen ist. Absolute Empfehlung!
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. September 2007

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