André Gorz: Brief an D. - Geschichte einer Liebe

Brief an D. - Geschichte einer Liebe

Verlag: Rotpunktverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-85869-353-2

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Heldentum und Leiden sowie das Ertragen und praktische Ausleben beider Elemente mit entsprechenden Konsequenzen im Leben gehören für den Philosophen wohl zu leitenden Maximen des Daseins. Und so schrieb der Vermittler zwischen Hegel und Schopenhauer ("Phänomenologie des Willens") Julius Bahnsen (1830-1881) in einer noch vor dem Wirken des Charakterologen Ludwig Klages erschienenen charakterologischen Studie "Es hat ja nämlich jedes Heldenthum irgendwie sein Correlat an einem Leiden - Abwehr oder Ertragen eines Leidens ist die Probe des Helden - das vergangene Leid muss er überstanden haben - das gegenwärtige aushalten - das zukünftige nicht scheuen." (Julius Bahnsen: Mosaiken und Silhouetten. Charakterographische Situations- und Entwicklungsbilder, hrsg. von W.H. Müller-Seyfarth, 1995 [1877], Berlin, S. 18) Gegenwärtig mag dergleichen am besten wohl auf das Leben des Philosophen André Gorz zutreffen.


"Du wirst zweiundachtzig. Du bist sechs Zentimeter kleiner geworden, du wiegst nur noch fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je." So beginnt seine neu im Rotpunkt-Verlag erschienene "Geschichte einer Liebe", die der 83-jährige Philosoph und Sozialtheoretiker in Form eines langen Briefes über sich, sein Leben und vor alledem über seine Frau als gleichsam geistiges Testament verfaßte. "Ich schreibe Dir, um zu verstehen, was ich erlebt habe, was wir zusammen erlebt haben." - So heißt es dort, womit er 58 Jahre des Zusammenlebens mit D., seiner Frau, auf wenigen Seiten einschlägig und mitreißend wiedererstehen läßt. Der Leser hat hier eine Schrift vorliegen, die der Spiegel eines Lebens ist und welche, soweit man selbst philosophisch veranlagt ist, als Spiegel für das eigene Schaffen, Leben, Beisammensein und Lieben geeignet ist.


Gorz blickt zurück auf ein gutes halbes Jahrhundert philosophisch-politischer und publizistischer Arbeit, bei der D. ihm immer zur Seite stand, ihm seine Selbstzweifel nahm, ihm als Initiator des eigenen Schreibens den Sinn dessen, was er schrieb, und den Sinn seiner publizistischen Projekte immer wieder klarzumachen versuchte. Dieses Buch ist kurz. Es zeigt aber ein komplexes Beziehungsgefüge auf, eine Liebe, ein gemeinsames Schaffen, eine schriftstellerische Ambition, die ohne das Beisammensein zweier Menschen nicht dergleichen gediehen wäre, wie bei Gorz. Er arbeitete mit Jean-Paul Sartre an dessen Zeitschrift "Les Temps modernes", später als Redakteur bei "L'Express" und "Le Nouvel Observateur". Seine Schriften wie "Abschied vom Proletariat" (1980) und "Wege ins Paradies - Thesen zur Krise, Automation und Zukunft der Arbeit" (1984) waren einflußreiche Schriften für die politische und ökologische Linke.


Hinter den Kulissen jedoch erkennt der Leser nunmehr einen recht labilen Mann, der des Zuspruchs für sein Schaffen erst noch bedurfte: "Du warst die ideale Ergänzung des ununterbrochenen Schreibens (...). Du machtest es mir möglich, die bedrohliche Welt auszuklammern, (...)." Eine unnachahmliche Dialektik von Selbstbewußtsein und Selbstzweifel, eine "Realdialektik" (Julius Bahnsen) des in sich zerrissenen Menschen scheint auf, welche oftmals gerade Ansporn philosophischen Schaffens ist und ohne diese Spannung, dieses Mühsal, niemals ihre energetischen Früchte treiben würde. Das Leid eines Philosophen beschreibt Gorz selbst: "Die Mühsal verlieh Dir Flügel. Mich dagegen deprimierte sie." Mühsal und Schaffenskraft gehören offenbar zusammen - keine synthetische Aufhebung, sondern ein annehmendes Ausleben der Konflikte - das ist der Schlüssel des Autors in seinem Leben gewesen. Dieses Leben vermag wohl erst am Ende die geistige Abstraktionsfolie für eine schließlich nur im Tode erreichbare und abschließende Synthese des Widerspruchs abzugeben. Mit diesem Schlüssel öffnet Gorz im vorliegenden Buch die Tür zu seiner Lebensphilosophie, die immer auch eine Liebesphilosophie war.


Das vorliegende Büchlein ist sein letztes Werk. Während des Schreibens dieser Buchbesprechung geht die Nachricht um die Welt, daß er und Dorine sich am 24. September 2007 gemeinsam in ihrem Haus in Vosnon/Frankreich das Leben nahmen. Eine Konsequenz des Handelns, die den eigenen philosophischen und schriftlich fixierten Überzeugungen entspricht und wie wir sie nur seitens des scheinbar vergessenen Philipp Mainländer und seiner "Philosophie der Erlösung" (1876) kennen. Bei beiden scheint folgendes Bild auf: Ein Philosoph, der freiwillig in den Tod geht, der das irdische Leiden, die ihm zugrunde liegende Metaphysik der Entropie und des körperlichen Verfalls - auch in der Ehe zweier Menschen - transzendiert. Die letzten Worte des von der absoluten Virginität überzeugten Mainländer lauten: "Der Weise blickt fest und freudig dem absoluten Nichts ins Auge." Die hier nun lesbaren letzten Zeilen von Gorz muten als Äquivalent auf der Ebene der einander Liebenden an: "Ich lausche auf Deinen Atem, meine Hand berührt Dich. Jeder von uns möchte den Anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamer Weise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten." Er handelte zu diesem Zwecke mit seiner Frau im Sinne der einzigen Möglichkeit, die ihm blieb.


Für den Realdialektiker Bahnsen hätte Gorz womöglich gar nicht anders agieren können: Die Abwehr oder das Ertragen eines Leidens ist für ihn, wie einleitend beschrieben, die Probe des Helden, die Gorz absolvierte. - Er ertrug das zweifelnde Leiden des frühen Philosophen, überstand es, hielt es mit Hilfe seiner geliebten Frau immer wieder aus, scheute das zukünftige Leiden nicht, und er wehrte es durch den konsequent ausgeführten Entschluß gemäß seiner letzten Verheißung im vorliegenden Buch, einander nicht überleben zu wollen, entschlossen ab. Ob nun also philosophisches Heldentum oder nicht - dieses Buch hinterläßt einen bleibenden Eindruck!
Fazit
Dieses Buch spricht beim verständigen Leser für sich selbst.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. September 2007

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