Kong Fanhua aus dem kleinen Dorf Guanzhuang in der Provinz Henan weiß nicht, wo
ihr der Kopf steht. Ihr Mann Zhang Dianjun arbeitet in Shenzhen und macht sich
bei seinen seltenen Besuchen nicht gern die Hände schmutzig. Dianjun ist eher
Theoretiker, er träumt von der Wiedervereinigung seines Vaterlands mit Taiwan.
Fan Hua kümmert sich um ihre Eltern, ihre kleine Tochter Doudou und ihr Amt als
Dorf-Vorsteherin. Offiziell hat sie auch noch die Funktion einer
Parteizellensekretärin. Aus Fanhuas geplanter Wiederwahl zur Dorf-Vorsteherin
wird so bald nichts werden, wenn sie nicht das Problem mit Xuedais dritter
Schwangerschaft löst. Die Bäuerin Xuedai hat schon zwei Töchter, ist sogar im
Besitz einer ärztlichen Bescheinigung, dass sie gar nicht schwanger werden kann
- und trotzdem berichten die Klatschtanten des Dorfes von ihrer Schwangerschaft.
Xuedai hat sich vorsichtshalber versteckt, bis sich die Aufregung über ihren
Widerstand gegen die staatlich verordnete Geburtenplanung gelegt hat. Meng
Qingshui, als Mitglied des Komitees für öffentliche Sicherheit zuständig für
genehmigte und unplanmäßige Schwangerschaften, wird sein Gesicht verlieren und
mit ihm der komplette Gemeinderat, falls Xuedai vor der Geburt des Kindes nicht
wieder auftaucht. Fanhua wird ihren Posten verlieren und dieser oder jener ihrer
Günstlinge wird in Zukunft auf finanzielle Wohltaten direkt aus der Jackentasche
der Dorf-Vorsteherin verzichten müssen.
Große Aufregung herrscht auch über die Zukunft der heruntergekommenen Papierfabrik, auf deren Arbeitsplätze die Dorfbewohner dringend angewiesen sind. Weiter hat eine Delegation aus Amerika ihren Besuch in der Gemeinde angekündigt. Ob die Delegation tatsächlich kommt oder nicht, den ehemaligen kapitalistischen Papiertiger sollte man vorsorglich im Auge behalten. Mit dem Verkauf eines Stapels Lehrbücher "Englische Konversation in 300 Sätzen" an die Dorfbewohner kann sich derweil ein pfiffiger Kader schon mal eine goldene Nase verdienen. In Guanzhuang steht es zwar mit der Stabilität mancher Plumpsklos nicht zum Besten; doch wer die Bewohner für ordinäre Landeier hält, macht einen entscheidenden Fehler. Besonders die Frauen sind bauernschlau, handeln gewitzt und wissen Annehmlichkeiten wie Ultraschall und Internet souverän für ihre Zwecke zu nutzen. Fanhua laviert elegant zwischen dem Wunsch ihrer Gemeinde nach sicheren Arbeitsplätzen und Wirtschaftswachstum, den täglichen Querelen der Dorfgemeinschaft und ihren persönlichen Glücksvorstellungen. In der Hierarchie der Parteikader scheint sie zwischen allen Stühlen zu sitzen und beinahe den Überblick über ihren Herrschaftsbereich zu verlieren. Im komplizierten Beziehungsgeflecht misstraut der Bauer traditionell dem Kader, der Kader dem Landrat, doch der Bezirksregierung traut die Bevölkerung versuchsweise. Li Er zeichnet eine Gruppe bauernschlauer Figuren mit sehr drastischer Ausdrucksweise. Die Hauptstadt Peking ist weit und wichtig ist nur, dass die erwünschten Statistik-Zahlen dorthin übermittelt werden. Die geplante Bürgermeisterwahl in einem Dorf, das bisher nur feudalistische Traditionen kannte, wirkt wie eine Farce. Der Großgrundbesitzer von damals wurde vom Parteikomitee abgelöst, doch sonst hat sich kaum etwas verändert. Ein Granatapfelbaum, der Kirschen trägt, illustriert im gleichnamigen chinesischen Kinderreim eine verkehrte Welt. Wir verfolgen Fanhuas hohe Kunst der Schmeichelei an der richtigen Stelle, bewundern, mit welcher Eleganz sich alle Beteiligten stets völlig schuldlos an den geschilderten Ereignissen darstellen und wie Gespräche auf zahlreichen Umwegen in vorsichtigen Umschreibungen zum Ziel kommen. In den 15 Jahren, seit Hei Ma in seinem Buch "Verloren in Peking" Schlendrian und Vetternwirtschaft tragikomisch entlarvte, scheint sich wenig geändert zu haben in China. Die Dorfbevölkerung hat Anteil an den Annehmlichkeiten des technischen Fortschritts, der Informationsfluss ist etwas flotter geworden, aber sonst ist alles beim Alten geblieben. Fazit
Der Kontrast zwischen Li Ers drastischem Spott und der in Asien gepflegten
Kunst der höflichen indirekten Kommunikation ist für westliche Leser
gewöhnungsbedürftig. Als einer der wenigen zeitgenössischen chinesischen
Autoren, der in seinen Büchern die Gegenwart beschreibt, kann Li Er sich der
Aufmerksamkeit westlicher Leser sicher sein.
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