Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum

Der Einzige und sein Eigentum

Verlag: Area-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-89996-431-8

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Wenn der Staat ein Moloch ist


Erfolgt die Wertbestimmung des Menschen innerhalb einer Fassade seiner reinen Funktionsbestimmung, innerhalb seiner Reduzierung auf ein produktives Abstraktum, so wächst damit der Leerraum zwischen dem, was der Mensch gern tut, und dem, wovon er aber abhängt. Hob der Staat einst den freien und einzigen Menschen hervor, integriert in seine Gemeinschaft und wirkend an seiner ihm gemäßen Stelle innerhalb eines Ganzen, so wird der Einzelne heute zur strategisch steuerbaren Spielfigur, eingepaßt in ein politisches System, das mit begrifflichen Kategorien, Tarifen, Steuern und mit in sich parteilich rivalisierenden Gruppen operiert. Der Staat begegnet seinem Bürger in amtlichen Droh- und Forderungsbriefen. Der Einzelne als Bürger aber erkennt im Zeitalter verarmter kommunaler Finanzmittel kaum noch eine merkliche Gegenleistung, vielmehr zerstörte Straßen, beschmutzte Parks, beschmutzte Schulgebäude. Beschäftigung und sozialer Frieden - wenn auch nur konjunkturell, niemals strukturell gesichert - werden dabei über die finanzielle Abhängigmachung des Einzelnen vom Staate realisiert. Diese menschliche Reduktion durch den zugleich existenten Überhang an Lebensstandard bleibt zumeist trotzdem unbemerkt. Sie geht im Gewandt der Bereicherung einher, betäubt die innere Unruhe, wirkt als konsumgetränkter Tranquillizer gegen Depression und Angst. Der Einzelne gerät zur indifferenten Fabrikware des Staates.


Stirners Reflexion

Max Stirner, ein Pseudonym für seinen echten Namen Johann Caspar Schmidt (1806-1856), machte sich recht früh Gedanken über diese Tendenzen, die heute recht aktuell anmuten. Sein nunmehr wieder im Area-Verlag vorliegendes Hauptwerk, zuerst erschienen 1844, ist Ausdruck seiner Reflexion über den Zustand des Einzelnen in diesen Zeiten der Standardisierung menschlicher Bedürfnisstrukturen. Das Buch wurde einst, wie alle Beiträge der junghegelianischen Diskussion, schnell vergessen. Es erfolgten aber zwei Wiederentdeckungen. Die beiden Stirner-Renaissancen (1893 und 1968) erfahren hiermit erfreulicherweise eine erneute und wiederum völlig angebrachte Fortsetzung, war Stirner doch ein Denker, der zu allen Zeiten Intellektuelle als Fürsprecher fand. Dies waren zumeist die wenigen Erlesenen. Stirner selbst immatrikulierte sich 1826 an der Berliner Universität, wo er bei Hegel und Schleiermacher hörte und trat schließlich 1839 seine erste feste Stellung als Lehrer in Berlin an. Ab 1841 war er Gast einer Gruppierung von oppositionellen "Intellektuellen" um den Ex-Hegelianer und Ex-Theologen Bruno Bauer, dem neben Ludwig Feuerbach führenden Kopf der Junghegelianer.


Das Hauptwerk

Stirners Buch "Der Einzige und sein Eigentum" erregte für kurze Zeit ein von Verboten und Verbotsaufhebungen begleitetes Aufsehen, was die Lektüre heute umso spannender gestaltet. Sie mag freilich auch heute Zuspruch oder Ablehnung finden - lesenswert ist sie gerade deshalb. Selbst zur Zeit ihrer Erscheinung existierten kleinere Gegenschriften, von denen Karl Marx mit seinem Anti-Stirner in der "Die Deutschen Ideologie" bekannt wurde. Marx schrieb verächtlich zu Stirner: "Hätte Sankt Max sich die verschiedenen "Sachen" und "Eigner" dieser Sachen, z.B. Gott, Menschheit, Wahrheit etwas näher betrachtet, so wäre er zu dem entgegengesetzten Schluß gekommen, daß ein auf die egoistische Handlungsweise dieser Person basierter Egoismus ebenso eingebildet sein müsse wie diese Personen selbst." (Karl Marx, Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten, Bücherei des Marxismus-Leninismus, Bd. 29, "Sankt Max", S. 109.) Womöglich aber ging es dem bewußten Solipsisten (Einzelgänger) Stirner mit seinen Begriffen "Eigner", "Menschheit" und "Wahrheit" nicht nur darum, konventionelle Institutionen (Familie, Kirche, Staat) vor der zerschmetternden Macht des Einzigen ausschließlich als Konstrukte zu entlarven, als vielmehr darum, die Möglichkeit zu betonen, diese Institutionen nötigenfalls in Zeiten ihrer Degenereszenz aus innerer Unabhängigkeit des Geistes heraus transzendieren zu können. Stirner nämlich ließ im Zeitalter fortschreitender Dekadenz innerhalb der Institutionen diese vor der fruchtbringenden Würde des Einzelnen zur marginalen Nullität werden. Er selbst, wohl wissend, daß sein Staat ein Moloch war, lebte diese Haltung: Er verbrachte die restliche Zeit seines Lebens, literarisch kaum noch tätig, in zunehmender materieller Armut und verachtete den Staat.


Egoismus?

Stirner aber ist kein ausschließlicher Egoist, der behaupten würde, das einzige "Ich" und Subjekt zu sein, das überhaupt existiert. Er sagt lediglich - so ergibt sich aus der Lektüre des vorliegenden Buches -, daß der Einzelne nur bezüglich seines Bewußtseins von den anderen Menschen völlig getrennt sei, daß zum Beispiel der Schmerz des anderen mich nicht betreffe. Damit setzt er aber zugleich die Existenz des Anderen voraus. Der Leser hat also die Möglichkeit, erneut zu erforschen, was Stirner meinte: "Ich setze mich nicht voraus, weil ich mich jeden Augenblick überhaupt erst setze oder schaffe und nur dadurch ich bin, daß ich nicht vorausgesetzt, sondern gesetzt bin, und wiederum nur in dem Moment gesetzt, wo ich mich setze, d.h. ich bin Schöpfer und Geschöpf in einem." (162) Das Mitgeschöpf ist bei Stirner durchaus vorhanden, aber ähnlich wie bei Schopenhauer zunächst von der eigenen Vorstellung abhängig, die mit derjenigen des Anderen niemals kongruent sei. Der Einzige wird zu seinem eigenen Schöpfer, zum Herrn über seine Gedanken, jenseits massenmedialer Verunglimpfung und hedonistischen Stumpfsinns. "Wie ich mich hinter den Dingen finde, und zwar als Geist, so muß ich mich später auch hinter den Gedanken finden, nämlich als ihr Schöpfer und Eigner." (13) Damit trennt Stirner den fremden Geist vom eigenen Geist. Im gesamten Buch werden dabei die Begriffe "Eigner", "Einziger", "Einzelner" und "Egoist" synonym gebraucht und immer groß geschrieben. Dazu kommt, daß Stirner auch "unfreiwillige" oder "unbewußte" Egoisten kennt. Er scheidet den bewußt lebenden Egoisten dezidiert von jenem, der blind und geschäftig zwar egoistisch seinen tagesaktuellen Vorteilen hinterherhetzt, aber nicht selbst reflektiert, warum er diesen karrieristischen Weg geht. Der reflektierte Egoismus hingegen bleibt sich selbst treu, lebt nötigenfalls in Armut, um den Tag zu genießen und er weiß, warum er dies tut. "Wem alles darauf ankommt, sich als freier Geist zu wissen und zu rühren, der fragt wenig danach, wie kümmerlich es ihm dabei ergehe (...)" (19) Auch "freier Geist" und "bewußter Egoismus" verwendet Stirner synonym.


"Jeder Staat ist eine Despotie"

Das hier wieder vorliegende Buch Stirners "Der Einzige und sein Eigentum" blieb philosophiegeschichtlich oft unterschätzt. Daß es aber eine im Kontrast dazu stehende subversive Wirkung niemals verlor, spricht gerade für dieses Buch, für seine Leser, zu denen auch Nietzsche gehörte, der aus ihm seine Übermensch-Theorie schöpfte. Die geneigten Leser Stirners wissen nach wie vor, daß naiv bejahende absolute Staatsgläubigkeit potentiell unbewußtes Leben bedeutet. Dieses nimmt dann zu, wenn die Masse nach mehr Wohlstand strebt und trotzdem zugleich ein Maß an Unzufriedenheit immer wieder neu reproduziert - die Ansprüche steigen unermeßliche. Stirner mahnt: "Je freier ich indes werde, desto mehr Zwang türmt sich vor meinen Augen auf, desto ohnmächtiger fühle ich mich." (164) Die Freiheit des bewußt lebenden Egoisten müsse also zugleich einhergehen mit einer Reduzierung ökonomisch konstruierten oder politisch verordneten Zwanges durch den Staat, der immer auch - selbst im Gewand proklamierter Freiheit - auf die gleichsam potentiell tyrannische Ausmerzung seiner selbst konstruktiv motivierten Gegner bedacht ist. "Solange der Staat sich behauptet, stellt er (...) seinen stets anfeindenden Gegner als unvernünftig, böse usw. dar, und jener läßt sich das einreden, ja er ist es wirklich schon deshalb, weil er sich’s einreden läßt: Er ist noch nicht zu sich selbst und zum Bewußtsein seiner Würde gekommen, mithin noch unvollkommen, noch beschwatzbar. Jeder Staat ist eine Despotie." (206/207)


Bewußter Egoistmus als Freiheit

Die Logik des Staates bei Stirner tritt in der Mitte des Buches hervor: Solange der Staat das "Ich" ist, muß das einzelne "Ich" zum Teufel gemacht werden, ein Nicht-Ich sein - solange es dies mit sich machen läßt. Dies müsse man aber nicht mit sich machen lassen - meint Stirner und überträgt damit grandios den fichteschen transzendentalen Idealismus des freien "Ich" auf die Theorie des possessiven Individualismus John Lockes, des "unabhängigen Eigners" als Eigner über sich selbst, sein Eigentum und über seine Haltung zum Staat. Das "Ich" Fichtes wird bei Stirner absolut. Sein absolutes "Ich" ist weder gut noch böse. Sein bewußter Egoismus gilt Stirner hier als wahre Freiheit, während das unablässige vom Opportunismus geprägte Streben ins Nichts grenzenloser Genußansprüche als unbewußter Egoismus und damit als Knechtschaft gilt.

Bewußter Egoismus im Sinne Stirners läßt sich also durch die diskriminierende Terminologie des Staates nicht beeindrucken, während die Knechtschaft des Opportunismus sich um vordergründiger Vorteile willen abduckt. (270) Die Bewußten aber wissen als "Waldgänger" (Ernst Jünger), daß der Staat an den vielen bewußt lebenden und denkenden und damit zugleich würdevoll bleibenden Einzigen scheitern kann, selbst wenn er diese in Permanenz zu kategorisieren und zu bekämpfen trachtet, ihr Wesen damit aber niemals sinnvoll erfassen kann. Lassen wir abschließend Stirner aus seinem durchaus lesenswerten Hauptwerk selbst zu Wort kommen: "Kein Begriff drückt mich aus, nichts, was man als mein Wesen angibt, erschöpft mich; es sind nur Namen." (400)
Fazit
Stirners Buch "Der Einzige und sein Eigentum" erregte für kurze Zeit ein von Verboten und Verbotsaufhebungen begleitetes Aufsehen, was die Lektüre heute umso spannender gestaltet. Sie mag freilich auch heute Zuspruch oder Ablehnung finden - lesenswert ist sie gerade deshalb.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 04. August 2007

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