Peter Deussen, Peter Michel: Die Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda

Die Upanishaden. Die Geheimlehre des Veda

Verlag: Marix-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-86539-090-5

Preis: 24,98 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Selbsterkenntnis als Gotteserkenntnis

Das Eigene, das Subjektive, das Ich ist in der traditionellen deutschen Philosophie zunächst immer unabhängig von der wahrgenommen Objektivität. Dieser Umstand veranlaßte Kant dazu, zu meinen, daß durch ein Subjekt in seiner Abgeschiedenheit von der Objektivität niemals die Wahrheit erkannt werden kann. Vielmehr kann infolge der Vermittlung durch die Sinnesorgane als Mediatoren nur ein bewußtseinsimmanenter Widerspruch zur Objektivität wahrgenommen werden. Es gibt kein Ding an sich. Das Bewußtsein eines Dinges außer mir ist absolut nichts weiter, als ein Modus meines eigenen Vorstellungsvermögens und meiner Gedanken, die nur ich beim Betrachten eines Dinges habe. Wenn der Tisch sich bewegt, hin und her schwingt, so tut er dies, weil mir selbst gerade schwindlig ist und ich den Tisch in meinem Gehirn als sich Bewegender vorgesetzt bekomme.


Ich selbst bin also der Initiator meiner Seins-Realität. Sie ist räumlich und zeitlich immer gleich, auch wenn mir im Tode mein Sein als solches der Wahrnehmung zu entfallen scheint. Mein Sein ist also ein Moment der Dauer, mit mir selbst gleich zu sein, sich abzuheben vom Anderen, als Nation oder als Volk. Das Nichts ist dabei z.B. für Hegel ebenso existent wie das Sein. Es hat dieselben Bedeutungsqualitäten wie das Sein, und es ist auf derselben Ebene existent, kein Gegensatz, denn das Sein ist ja nur durch das Nichts vorhanden. Allein in meiner eigenen Wahrnehmung existiert der Unterschied zwischen Leben und Tod. Damit existiert allein in meiner Wahrnehmung die Disposition dazu, den Tod und das Leben zugleich zu besitzen, zu erfahren. Sterben tue ich nur für die Anderen.


Um die Upanishaden zu verstehen, gilt es, diese soeben in Kürze abgehandelten Fragen zum Sein und Nicht-Sein, wie sie oft gerade den deutschen Sprachraum prägten, voranzuschicken, denn Selbsterkenntnis als Gotteserkenntnis und als Erkenntnis des Ewigen im Menschen selbst, der Leben und Tod transzendieren kann, sind immer auch zugleich Kern des Anliegens der upanischadischen Schriften. Diese bestehen aus Entsprechungen und Wechselbeziehungen zwischen Kosmos, menschlichem Körper und Geist, zwischen Makro- und Mikrokosmos - bis hin zu den höchsten Entsprechungen. Da die Upanishaden die europäische Geistesgeschichte eminent beeinflußten und textgeschichtlich vorher aus den Brahmanas (Ritualtexten) in Fernost hervorgingen, ist es umso erfreulicher, nunmehr wieder die vorliegende meisterhafte deutsche Übersetzung derselben von Paul Deussen in neuer nahezu unveränderter Edition vorliegen zu haben. Sie sind im Marix-Verlag herausgegeben und eingeleitet von Peter Michel und stellen mit ihren 1088 Seiten nicht nur ein umfassendes Lektüreerlebnis dar, dem jeder etwas abgewinnen kann, wenn er richtig sucht, sondern bieten zudem auch Hinweise zur Sanskrit-Literation und zur Aussprache der charakteristischen Wörter dieser fernöstlichen Weisheitslehre.


Wörtlich bedeutet "Upanishaden" das "Sich-in-der-Nähe-Niedersetzen" und meint damit ein "sich zu Füßen eines Lehrers (Guru) setzen". Die vorliegende Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus sind Bestandteil des Veda und lassen sich auf 2000-1500 Jahre v. Chr. datieren. Die vedische Offenbarung betont im Rahmen der indischer Auffassung, daß die Dinge nur deshalb existieren, weil sie in den Veden sind, denn diese weisen keinen Verfasser auf und haben eine zeitlose Gültigkeit. Bei unvoreingenommener Lektüre wird dem Leser deshalb auch deutlich, daß die upanischadische Erfahrung weniger etwas mit Religion zu tun und auch weniger etwas mit Logik und Erkenntnistheorie, sondern vielmehr gehört sie einer anderen Ordnung an, einer überhistorischen Dimension, die aufzeigt, welchen fortschreitenden Weg zur Weisheit eine bewußt erkannte menschliche und gelebte Erfahrung machen kann. Dies dient der Entdeckung des letzten Grundes des Seins und des Selbst. Dieser ist - so die Upanishaden - für alle erreichbar. Jeder solle zudem seinen eigenen Weg finden - auch hier offenbart sich ein entdogmatisierter im bisherigen Verständnis von Religion eigentlich nichtreligiöser Anspruch. Dieser ist niemals rein intellektuell verständlich, sondern agiert transrational, aber nicht irrational.


Die Upanishaden beschäftigen sich also mit dem Wesen von Brahman, der universellen Weltenseele, von der Atman eine Reflexion in jedem Wesen ist, die innerste Essenz eines jeden Individuums. Die Überlegenheit des Geistes über die Materie ist dabei das treibende Kern-Axiom. Brahman - und damit auch Atman - ist unvergänglich, unsterblich, unendlich, ewig, rein, unberührt von äußeren Veränderungen, ohne Anfang, ohne Ende, unbegrenzt durch Zeit, Raum und Kausalität, ist reines Sat-Chit-Ananda (Sac-Cid-Ananda), reines Sein, Existenz an sich. Der zentrale Zielpunkt ist die Nicht-Zweiheit (A-dvaita) - die nicht dualistische Wirklichkeit, die automatisch die uralte philosophische Frage nach Transzendenz und Immanenz sowie ihrer Einheit, der Einheit zwischen Mensch und Gott, der potentiellen Göttlichkeit des Menschen aufwirft, ohne freilich damit die spinozistische Einmündung in einen Pantheismus vorzunehmen.


Die Erleuchtungserfahrung ist die pure Selbsterkenntnis als Gotteserkenntnis, denn Erkenntnis ist Bewußtsein und dieses identifiziert sein Selbst mit allen anderen Selbsten. Es betrachtet den Stoff, der mit jedem Selbst verbunden ist, auch als das Nicht-Selbst. Das Bewußtsein kennt sich selbst und die anderen - und geht darüber hinaus: Am Ende sieht es die anderen als sich selbst. Erkenner, Erkennen und Erkenntnis sind eines. "Ich bin ich" bedeutet dann auf dieser Stufe höherer Erkenntnis: "Ich bin er oder es". Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) - hier die Parallelität zur deutschen Geistesgeschichte - empfand deshalb die Upanishaden als "belohnendste und erhebendste Lektüre, die [...] auf der Welt möglich ist: Sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein." Und in der Tat, seine Metaphysik proklamiert, daß der Mensch allein ruhiges Subjekt des Erkennens, alleinige Bedingung allen Objekts und Träger seiner Welt ist, die in gewisser Weise nur durch ihn ist, denn sie ist seine Vorstellung. Alle Geschehnisse der Welt sind für Schopenhauer nur unsere Vorstellungen, Modifikationen des ewigen Subjektes. Und so erklärt sich, wie Schopenhauer aus seinem zunächst cholerischen Wesen im hohen Alter die reflektierte Gelassenheit eines Philosophen erwarb, der ahnte, daß seine zunächst verschmähte Philosophie bald Erfolg haben würde: Nach seiner Erkenntnis ruht die Größe der Welt in uns selbst - man wird eines mit ihr und gewinnt einen ausgelassenen Charakter.


Die Upanishaden der Veden haben dieses gefühlte Bewußtsein immer wieder ausgesprochen. Mit Schopenhauers angewandten Worten: Alle anderen Geschöpfe insgesamt bin ich, und außer mir ist kein anderes Wesen da. So schreibt er in seinem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung". (1819/1844) Seine Mitleidesethik sieht sogar den Unterschied zwischen mir und dem anderen aufgehoben, was zur Teilnahme am Leiden des Anderen führe und mich davon abhalte, andere zu verletzten, nicht weil ich mitleidend bin, sondern weil ich selbst der Andere bin. Kein kantischer Imperativ also kann für Schopenhauer Mitleid erwecken, sondern nur das In-der-Haut-des-Anderen-Stecken als moralische Triebfeder. Und so bietet Schopenhauer eine der fruchtbarsten Upanishaden-Rezeptionen für Deutschland, wie sie auch Sri Aurobindo in der jüngsten Gegenwart versuchte. Er vereinte östliches und westliches Gedankengut auf höherer Ebene: Der innere Mensch ist unsterblich; Tod bedeutet Übergang auf höhere Daseinsebenen; der Fortschritt der Menschheit folgt einem göttlichen Entwicklungsplan, bei denen die hoch entwickelten "Meister" ("Übermenschen") eine wesentliche Rolle spielen. Den Benediktinern hingegen lag viel am Dialog zwischen Vedanta und Christentum, denn auch Jesus habe die Erfahrung der Nichtdualität mit dem Vater gelebt. Es ist also erstaunlich, wie viele Denker auf welche Weise das im vorliegenden Band dargebotene Wissen der Upanishaden reflektierten und für sich praxisrelevant machten.


Eine zentrale Stelle, die dieses Wissen ausdrückt, ist die folgende: "Brahman, die universale Essenz, ist das Allem innewohnende Selbst. Es ist wahrlich die Wirklichkeit von Leben und Erleuchtung. Wenn der Mensch Brahman erkennt, wird er erleuchtet. Es gibt keinen Weiseren als den, der die innere Göttlichkeit erkannt hat. Er verrichtet alle täglichen Arbeiten als Ausdruck seines göttlichen Selbst. [...] Er ist [...] der Weiseste unter den weisen Menschen." (Hier S. 661 ff., Mundaka-Upanishad).

Die Lektüre der Upanischaden ist deshalb trotz ihres Umfanges zu bewältigen, da die vorliegende Ausgabe im Anhang die wichtigsten Vokabeln zum Verständnis aller Zusammenhänge ausführt. Es liegt damit eine der schönsten Leistung asiatischer aber auch europäischer Spiritualität vor, die seit jeher immer schon philosophischen Anklang in Deutschland hatte. Möge der geneigte Leser angesichts mit der Lektüre fortschreitender Selbsterkenntnis - so ja auch die Forderung der Upanishaden - selbst seine im Alltag nur ihm eigene und angewandte Praxis ähnlich wie Schopenhauer finden. Dieser schrieb noch mit viel Ironie:


"Du bist am Ende - WAS DU BIST.
Setz’ dir Perücken auf von Millionen Locken,
Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken:
DU BLEIBST DOCH IMMER WAS DU BIST."
Fazit
Zur Aneignung des Weges hin zur Selbsterkenntnis ein beeindruckendes Werk.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 15. Juli 2007

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