Ernst Niekisch: Die dritte imperiale Figur

Die dritte imperiale Figur

Verlag: Uwe Berg-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-922119-26-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Ernst Niekisch und die dritte imperiale Figur


Der Nationalrevolutionär Ernst Niekisch (1889-1967) ist eine interessante Gestalt der Konservativen Revolution, welche die Grenzen zwischen dem, was "links und rechts" ausdrücken soll, recht früh sprengte. Zeit seines Lebens zog es den Nationalrevolutionär zur Arbeiterklasse aber auch zur Nation hin. Begonnen hatte sein Weg in der Münchner Räterepublik, er führte über den Hofgeismarkreis der Jungsozialisten bis in die DDR. Nur einmal, im Widerstandskreis, einer Vereinigung, die sich dem "nationalen Befreiungskampf" widmete, fand Niekisch eine politische Heimat jenseits der deutschen Arbeiterbewegung.


Die imperiale Figur

Seine bedeutsame Schrift "Die dritte imperiale Figur", die 1935 im Widerstands-Verlag erschien, konnte nicht mehr zur Entfaltung kommen, da sie kurz danach eingestampft und Niekisch selbst verhaftet wurde. Niekischs Entwurf ist seine letzte Veröffentlichung vor der Inhaftierung und vor dem Ende des noch legalen Widerstandskreises. Ihr kommt damit ein besonderer, wenn nicht sogar einmaliger Rang zu. Deshalb ist es begrüßenswert, daß der in Toppenstedt angesiedelte Uwe Berg-Verlag ein Reprint dieses sonst sehr schwer zu findenden Buches neu herausgegeben hat. Das Buch erscheint in der noch viel umfassenderen Reihe "Quellentexte zur Konservativen Revolution" unter der Rubrik "Nationalrevolutionäre, Band 6" und ist exklusiv mit einem Bild des Verfassers versehen, welches auf einem Gemälde von A. Paul Weber beruht.

Die dritte imperiale Figur ist bei Ernst Niekisch der Arbeiter, den er in einer Zeit sieht, die zugleich entortende Tendenzen, den Individualismus und die herrschsüchtige Ideologie des Demokratismus gegenüber den entmündigten Massen in sich birgt. "Wer die Welt beherrschen will, kann nicht in der Bindung einer ‚Scholle’ ruhen. (...) Das Imperium verbraucht Volkstum; es mischt alle mit allen - (...). Das Ende ist die unterschiedslose eingeebnete Masse." (5) Die Entkopplung des Menschen von seinen gewachsenen und solidarischen Lebenszusammenhängen, heute gleichsam spürbar im vielfachen Alten- und vorgeburtlichen Kindermord der "Moderne", macht er als notwendige Folge dieses globalen Herrschaftsanspruches aus.

Dabei ging es Niekisch stets darum, aus dem Geiste des konstruktiven Widerstandes die Nation mit der politischen Linken zu versöhnen. Der Historiker Sebastian Haffner forderte noch im November 1989 angesichts der Wiedervereinigung, Niekisch wieder auf die Tagesordnung zu setzen: "So unwahrscheinlich es klingen mag: Der wahre Theoretiker der Weltrevolution ist nicht Marx und nicht einmal Lenin. Es ist Niekisch." Das universalistische Prinzip des Kapitalismus, des Profits und einer medial gelenkten Masse verursachte für Niekisch zugleich immer den Widerstand, der selbst wiederum durch jene Hegemonie der Zivilisation und ihre staatliche Exekutive und die Geheimdienste zermürbt wird. "Eigenwüchsige Völker wehren sich dagegen, sich unter den einheitlichen Nenner des allgemeinen imperialen Prinzips bringen zu lassen. Ihr Eigenwuchs muß zersetzt werden, damit sie dem Imperium nicht drückend ‚im Magen liegen’: sie werden ‚verdaut’." (19)

Sein Konzept der dritten imperialen Figur als Alternative jenseits der imperialen "Verdauung" durch die Herrschaft des Geldes, das nicht mehr dient, sondern Selbstzweck wird, ist vor allem deshalb aktuell, weil Niekisch darin erkennt, daß das Instrument individualistischen Machtwillens zwar der global sich ausweitende Geldfluß ist, dieser aber solange Steine in den Weg gelegt bekommt, solange es noch Sachen, Werte und Menschen gibt, die nicht bedingungslos käuflich sind. Der Massenmensch hingegen sei nichts für sich; er sei nur soviel als er ‚hat’. Mit ihm ist es also ein leichtes, sich preiszugeben, wenn er Geld dafür bekommt. Genau jene korrumpierbare Masse aber ist für ihn das Gegenteil des deutschen Prinzips, dessen Träger ein solcher Genius ist, der in natürlicher Verbindung mit seinen Mitmenschen vorrangig sich selbst und dem Personalverband genug ist. Auch Anleihen bei Hegel sind erkennbar, wenn Niekisch meint, die Germanen seien zur Freiheit geschaffen, die sich spürbar und dauerhaft der Entwurzelung und der Vernichtung des Zuges zum Übersinnlichen widersetzen.


Antisemitismus?

Deshalb verrät sich für Niekisch in der Stärke des Antisemitismus, der als Reaktion aufkomme, kein menschenverachtendes und im heutigen naiven Sinne des Begriffes ideologisches oder "volksverhetzendes" Konzept, sondern vielmehr die Enschlossenheit, wieder den Weg hin zum elementaren, ungebrochenen, in natürliche Ordnungen eingegliederten Menschen zu beschreiten, der sich nicht ökonomistisch zersetzen läßt. Es ist mehr denn je lohneswert, über diese Perspektive nachzudenken, denn akzeptierte man diese Haltung, könnte womöglich wirklicher Antisemitismus zurückgehen. Damit meinen wir nicht jenes hysterisch kultivierte Konstrukt, das unsere Bedenkenträger sich gern basteln, um sich komplexere Erkenntnisräume des Denkens vom Halse zu halten. Niekisch ist also kein Antisemit, was ihm linke Kreise vorwerfen. Er schreibt selbst dazu in seinem Vorwort: "Die dritte imperiale Figur achtet auf ihre Souveränität; sie ist nicht "anti" - weder antisemitisch, noch antirömisch." (VIII) Das vorliegende Niekisch-Buch des Uwe Berg-Verlags ist bestens dazu geeignet, viele Anschuldigungen gegenüber Niekisch zu entkräften, indem wir ihn selbst sprechen lassen.


Die Rolle Deutschlands

Niekischs Ansichten sind heute einer neuen Reflexion wert. Sein streitbarer, scharfsinniger und aufrechter Charakter führte schon immer dazu, daß er als 'rechter Denker von Links' in allen Regierungsformen, unter denen er lebte, zwischen den Stühlen saß. Seine "Widerstandstheorie" versuchte einen Brückenschlag zwischen Arbeiterbewegung und dem Denken rechtskonservativer Teile der Bevölkerung. Ihm schwebte wie vielen Denkern seiner Zeit ein Programm der "nationalen Wiedergeburt Deutschlands" und ein Konzept eines Europa unter deutscher Führung mit starker Verbindung nach Osten bis nach China hin vor. Niekisch sprach oft von einem germanisch-slawischen Block, der durch seine geopolitische Stellung und sein wirtschaftliches Gewicht ein Machtfaktor ersten Ranges werden solle und sich der hegemonialen westlichen Dekadenz widersetze.

Deutschlands Rolle liegt dabei darin, Stein des Anstoßes zu sein, der sich den gnadenlosen Schritten der imperialen Entortung in den Weg stellt. "Deutschland war vom Gesichtspunkt der beiden imperialen Figuren aus ein Stein im Wege; sie wollten ihn zertrümmern." (105) Dabei bringt Niekisch die Strategie imperialer Figuren, unter denen wir heute Demokratismus, Globalisierung, Menschenrechtsideologie und Kapitalismus verstehen können, trefflich zum Ausdruck. Die imperiale Figur: "Sie packt die Völker von innen her: sie senkt in diese die Keime von Gesichtspunkten, Gesinnungen und Werthaltungen, die insgesamt, sobald sie erst zu breiter Entfaltung gelangt sind, die Völker gewissermaßen aus eigenem freiem Antrieb in die Bahnen steuern, die in das Reich der imperialen Figur münden." Wer sich dagegen wehrt, wehrt sich immer auch gegen die Entwertung der außerökonomischen Qualitäten und gegen die Ausmerzung geistiger Qualitäten, für die gerade die traditionell philosophiefreudigen Deutschen bekannt sind, mögen sie infolge ihres Widerstandes seitens der "Regierenden" auch als "Extremisten", "Verfassungsfeinde" oder dergleichen gebranntmarkt werden.


Ein neues Verhältnis von Regierenden und Regierten

In dieser 1935 indizierten und nunmehr in der Toppenstedter Reihe wieder publizierten Schrift macht Niekisch deshalb anhand eines dualistischen Verhältnisses sogar auf neue Weise deutlich, wie Regierende und Regierte eines Staates in Relation zueinander stehen: "Die Tat des Untertanen ist immer so groß oder so klein, so folgenschwer oder so unerheblich, so weitreichend oder so kurzsichtig, wie es die Anordnung der Obrigkeit ist, durch die sie ausgelöst wurde. Die Obrigkeit hat jeweils die Untertanen, die sie verdient; für alle Sünden und Unzulänglichkeiten der Untertanen trägt die Obrigkeit die ausschließliche Verantwortung." Jegliches Mißverhalten, jegliches Vergehen und jegliche Straftat innerhalb eines Volkes und seinen Regierten ist stets nur ein Modus der Politik der Regierenden und eine analoge Spielart ihrer eigenen Vergehen an den Schaltstellen der Macht. Kurz: Ohne einen "Extremismus" oder ohne Verbrechen und Korruption im Staate selber, der "Extremisten" oder Verbrecher zu definieren sich anmaßt, wäre die Existenz von politischen "Extremisten" und Übeltätern im Volke undenkbar. Man nimmt nur solche politischen Phänomene oder Unbehaglichkeiten wahr, deren negatives Potential man selbst besitzt und damit durch die Verortung dieser Phänomene außerhalb des Parlaments - außerhalb von sich selber - diese Eigenschaften bei sich feige abstreitet. Dieses enttäuschende Bild liefern die repräsentativen "Demokratien" der Gegenwart.

Es handelt sich bei Niekisch um eine wesentliche Neudefinition des Verhältnisses von Regierenden und Regierten, von etablierter Politik und neuen politischen Befindlichkeiten im Volke, die eine notwendige Neureflexion über das Selbstverständnis von repräsentativer Demokratie überhaupt mit sich führt. Nur diese Staatsform definiert sich doch über ein spezifisches Verhältnis von Regierenden und Regierten, von Volk und Staat. Sie zeichnet sich aber gegenwärtig trotz der Notwendigkeit dieser Neureflexion durch eine selbstimmunisierende Tendenz aus: Vieles darf kritisiert werden - außer die "Demokratie" oder zumindest das, was sich hegemonial und "herrschaftsfrei" als solches ausgibt. Die Menschen werden damit zu Sandkörnern geistig entleerter Individuen. Dieser monologe Begriff von "Demokratie" knechtet alle, die noch Ethos haben und sich nicht auf diesen Status herunterdrücken lassen. So wird der "Demokrat" zur Karikatur der Freiheit.


Das Ende

In der DDR bekleidete Ernst Niekisch noch zahlreiche Funktionen. Dennoch entzog die deutsche Teilung ihm den Boden: "Zuletzt erkannte ich, daß man in Deutschland nur noch die Wahl habe, Amerikaner oder Russe zu sein." 1945 wird er aus dem Zuchthaus Brandenburg befreit. Er übersiedelt nach Berlin und tritt in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein, später wird er Mitglied der SED. 1948 wird er Professor der Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin/Ost, wo Werner Maser sein Assistent ist. Sein Schüler war der Publizist Wolfgang Venohr. Nach der Niederschlagung des Aufstandes vom 17. Juni 1953 legt er alle politischen Ämter nieder. Im Februar 1955 tritt er aus der SED aus. Er verstärkt seine Kritik am Regierungssystem der DDR und siedelt nach West-Berlin über, wo er in seiner Wohnung in Berlin-Wilmersdorf am 23. Mai 1967 stirbt. Seine Schriften bergen nach wie vor ein großes geistiges Potential, das zudem inhaltlich noch besser verstanden werden kann, wenn der Leser sich auch noch anderen Schriften der Reihe "Quellentexte zur Konservativen Revolution" annähert. Niekischs Buch selbst ist schon ein guter Grund für diesen Entschluß.
Fazit
Eine spannende Lektüre, die aufzeigt, wie sich politisches Denken der "Linken" und der "Rechten" mit konstruktivem Anspruch bedingen und ergänzen.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 14. Juli 2007

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