Armin Mohler: Georges Sorel. Erzvater der Konservativen Revolution

Georges Sorel. Erzvater der Konservativen Revolution

Verlag: Edition Antaios [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-935063-01-2

Preis: 12,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Antaios - Sohn des Poseidon und der Gaia - gewann alle Kämpfe mit unbezwingbarer Stärke. Er schöpfte seine Kraft beharrlich aus der Erde, seiner Mutter Gaia, bis ihn Herakles in die Luft stemmte und dort, seiner natürlichen Energien beraubt, erwürgte. Konnte man übersehen, daß die Erde den Sieg des Antaios wollte, daß der überdauernde über den später erschienenen Maßstab dominieren sollte? In diese Frage zumindest gipfelt die antike Überlieferung und tatsächlich scheint die politische Auseinandersetzung in der Gegenwart zunehmend in Deutschland wieder zu registrieren, daß aus den Augen des Herakles immer auch Antaios blickt, daß aus neuen Maßstäben immer die alten blicken, die sich aus dem Überlieferten - der Erde - speisen, ihren Bezirk verteidigen, ohne ihn je gewaltsam zu vergrößern. Der Bochumer Politologe Bernard Willms sprach vom Antaios-Prinzip als einer Maxime, wonach jeder als positiv empfundene Traditionen anerkennen sollte. Dies sei der nationale Imperativ, der zugleich lernfähig und dynamisch bleibe. Auch hier erscheint die Verschränkung von Antaios und Herakles, von Herkunft und Zukunft, der sich so mancher Philosoph und Denker, heute verschollen im Orkus oberflächlicher Modeströmungen, verbunden fühlte.
Der konservative und im sachsen-anhaltinischen Schnellroda angesiedelte Verlag "Edition Antaios" hat es sich zur Aufgabe gemacht, in seiner Reihe "Perspektiven" über bisher acht erschienene Monographien solche Denker wieder in den philosophischen, politischen und literarischen Diskurs einzuführen. Es geht dabei um Autoren, die zumindest aus gegenwärtiger Perspektive als jenseits der gewohnten Opposition befindlich galten. Daß dieses apodiktische Urteil des Zeitgeistes aber historische Konfigurationen normativ bewertet, die - phänomenologisch betrachtet - nicht notwendig in den Bereich einer dem Urteil zugrunde liegenden Normativität gehören müssen, wird heute zunehmend in Fachkreisen anerkannt. So läutete bekanntlich Günter Grass mit seiner Neuinterpretation der deutschen Vertriebenenschicksale nach 1945 ("Im Krebsgang") und mit seiner Autobiographie "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) einen entsprechenden Paradigmenwechsel historischer und politischer Selbstreflexion ein. Nicht zuletzt deshalb ist das viel früher (2000) begonnene Projekt der "Edition Antaios" zur Wiedereinführung verborgener Autoren lobenswert. Historische Phänomene - hier Denkstile - können Hegel zufolge nur dann sinnvoll bewertet werden, wenn der Bewertungsmaßstab dem zu bewertenden Objekt selbst immanent ist. Die Reihe "Perspektiven" trägt dem Rechnung. Die teils verschollenen Autoren sind Georges Sorel, Arnold Gehlen, Botho Strauss, Oswald Spengler, Gerhard Nebel, Rudi Dutschke, Nicolás Gómez Dávila und Léon Bloy. George Sorel ist Thema des ersten Buches der Reihe "Perspektiven".
Der kürzlich verstorbene Joachim Fest setzte seinem Buch "Das Gesicht des Dritten Reiches" (1963) folgendes Diktum voran: "Jahrhunderte braucht ein Wald, um zu wachsen, in einer Nacht brennt er ab." Es ist dies ein Zitat von Georges Sorel (1847-1922), der im deutschen Sprachraum nahezu unbekannt blieb. Er gab zu bedenken, daß das über Jahrhunderte gewachsene Fundament von Völkern, Staaten und Städten innerhalb weniger Jahre durch den aufkommenden Totalitarismus, den Wahn der Massen oder aber durch Bomberflotten der völligen Vernichtung preisgegeben werden kann. Faschismus, Bolschewismus, Globalisierung - Sorels Intuition erahnte die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. Erst der Staatsrechtler Carl Schmitt präsentierte ihn in seiner 1926 erschienenen Schrift "Die geistesgeschichtliche Lage des heutigen Parlamentarismus" der deutschen Öffentlichkeit. Schmitts Freund Armin Mohler legt mit seiner Schrift über Georges Sorel nunmehr eine übersichtliche Studie vor.
"Was sind Regenpfeifer?" (7) - mit dieser Frage konfrontiert Mohler, bekannt als Autor seiner 2005 in aktualisierter Auflage erschienenen Studie über die ‘Konservative Revolution’, den Leser zu Beginn. "Regenpfeifer" seien in Anlehnung an die bekannte Vogelart große Warner, die Wandel, Fruchtbarkeit und neues Leben ankündigen. Hier - wenig erstaunlich - ordnet er Sorel ein, der in Anlehnung an die Philosophie Henri Bergsons (1859-1941) das Festhalten am Wesentlichen in einer sich stetig wandelnden Wirklichkeit proklamierte. Er spürte die Heraufkunft des Mythos der politisierten Massen und Wyndham Lewis notierte entsprechend: "Georges Sorel ist der Schlüssel zum ganzen politischen Denken der Gegenwart." Mohler gibt zu bedenken, daß gerade Sorel die sakrosankten Diskurse, die sich herrschaftsfrei geben und dennoch herrschaftszentrierte Monologe mit sich selbst seien, als "bloße Scheingefechte" (11) entlarvte. Ihnen wollte Sorel den Generalstreik, das vitale Leben, den Widerstand und den zur Tat drängenden politischen Enthusiasmus entgegenstellen. Wer war Sorel, der sein Leben asketisch als Beamter in der französischen Provinz begann und es als Prophet der schöpferischen Gewalt beendete, auf den sich Mussolini, Lenin und die syndikalistische Bewegung der romanischen Länder beriefen?
Die Biographie Sorels stellt Mohler übersichtlich in Form von ‘zwei Leben’ dar: Das Leben als Beamter in der Normandie (1870-1882) und das Leben als Schriftsteller in Boulogne-sur-Seine nahe Paris (1892-1922). Dem schließt sich die Darstellung seines langen Weges durch die Politik an. Interessant und ausschlaggebend für den Untertitel "Erzvater der Konservativen Revolution" erscheint die Hervorhebung von Sorels Zweifel am orthodoxen Marxismus, der den Begriff Arbeit allein als Druckmittel gegen Ausbeutung und Pauperisierung zu sehen vermochte. Sorel aber betont, daß Arbeit Opfer, Begeisterung, Mythos, Verzicht und Lebensschule sei, womit er sich von der säkular-theokratischen Eschatologie des Marxismus absetzt.
Die Kenntnis der Schriften Ernst Jüngers oder Oswald Spenglers und ihres heroistischen und kulturpessimistischen Charakters beim Leser vorausgesetzt, wird nun deutlich, daß hier die Wende zur tragischen, zur konservativ-revolutionären Weltsicht beginnt, die um die zentrale Rolle von Begeisterungsfähigkeit, Kampf und Schmerz wußte und diese Kategorien nicht aus dem Politischen wegzudenken anempfahl, um den von Nietzsche eröffneten Horizont des Nihilismus zu überwinden. An dieser Stelle beginnt auch bei Sorel die Wende vom Marxismus zum Revisionismus (1898-1901) sowie zum Revolutionären Syndikalismus (1902-1909), der den Widerstand gegen die bürgerliche Dekadenz antrat (32ff.). Den politischen Weg Sorels schließt ein Diktum Mussolinis von 1921 über Sorel ab: "Das ist kein Sozialist in bürgerlicher Sauce... Er hat etwas erfunden, was es in meinen Büchern noch nicht gibt: Die Verbindung des Nationalen und des Sozialen." (39). So überrascht es nicht, daß Sorel bei Marxisten, Syndikalisten, Faschisten und in der Weimarer Republik auch bei den ‘Konservativen Revolutionären’ Zustimmung verbuchte. Selbst die Studentenbewegung anno 1968 in der Bundesrepublik konnte von seiner 1908 erschienen Schrift "Über die Gewalt", die quasi prophetisch und warnend die politischen Umbrüche Europas bis 1945 erahnte, zehren, da sie beschrieb, wie die Arbeiterschaft wirklich zu begeistern sei.
Die Monographie Mohlers zeichnet sich durch ihre phänomenologische Herangehensweise aus, die das Phänomen "Sorel" selbst zu verstehen versucht, ohne es unter Berufung auf eine unhinterfragbare Normativität negativ zu kategorisieren, was freilich keine Kunst wäre. Über das Zeitalter des Totalitarismus und dasjenige der bürgerlichen Demokratien bilanziert er: "Krisensituationen machen immer deutlich, daß das politische Schwergewicht jenen Zeitgenossen zufällt, die aus tieferen Regionen motiviert werden - ob man sie nun als ‘Linke’ oder ‘Rechte’, ‘Konservative’, ‘Populisten’ oder was auch immer einstuft. Diesen Mangel haben die Liberalen immer wieder durch die Selbsternennung zur ‘Mitte’ auszugleichen versucht, über alle Rückschläge hinweg." (43). Daß Krisensituationen selbst in der Bundesrepublik eingetroffen sind und die politische "Mitte" spätestens seit der rot-grünen Koalition wieder zum frequentierten terminologischen Repertoire avancierte, mag freilich nur ansatzweise die Relevanz Sorels beweisen. Seiner Person verleiht diese Entwicklung die Bedeutung eines "Regenpfeifers", der um die Bedrohung von Werte- und Traditionsfundamenten über alle Parteigrenzen hinweg und um die Notwendigkeit zur politischen Begeisterung wußte. Wem also die monumentale erstmals 1932 von Michael Freund verfaßte Studie über Sorel zu groß oder das 1959 von Hans Barth erschienene Bändchen über "Masse und Mythos" zu veraltet erscheint, der ist mit Mohlers einführender Studie bestens bedient. Gerade in Zeiten gesinnungsethischer Tendenzen schlägt es eine Bresche für einen neuen politischen Realismus.
Fazit
Der berühmte Schöpfer des Begriffs "Konservative Revolution" befaßt sich hier selbst mit einem Vordenker derselben, was die Lektüre spannend gestaltet.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. Juni 2007

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