Johannes Heinrichs: Philosophie am Scheideweg

Philosophie am Scheideweg

Verlag: Passagen-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-85165-522-3

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Philosophie am Scheideweg


Die Frage der Selbstproblematisierung - der Selbstreflexion mit praktischen Konsequenzen - gehört zu einer jeden anspruchsvollen Wissenschaft, die diesen Namen verdient. Wohl kaum hat jemand über jegliche akademische, parteiliche und konfessionelle Grenzen hinweg in seinen Schriften so großen Wert auf die Realisierung dieses Anspruchs gelegt, wie Johannes Heinrichs. Von ihm sind seit 2000 zahlreiche Bücher sowohl in Neu- als auch in wiederholter Auflage erschienen, die das 21. Jahrhundert durchaus merklich zu prägen in der Lage sein könnten, gerade weil sie sich durch eine unnachahmliche Konvergenz von empirischer Lageanalyse, erkenntnistheoretischer Fundierung und realistisch-praktischer Ausgestaltung entsprechender Konsequenzen auszeichnen.

Johannes Heinrichs, geboren 1942 in Duisburg-Rheinhausen und einstiger Lehrer an der Jesuiten-Hochschule in Frankfurt/M., war bis 2002 Professor für Sozialphilosophie und Sozialökologie in der Nachfolge Rudolf Bahros an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seinerzeit in Frankfurt als Nachfolger von Oswald von Nell-Breuning gehandelt, schlug er da einen alternativen Weg ein, der ihn zu den Quellen seiner ungewöhnlich eigenständigen und von der akademischen Fachwelt zugleich skeptisch beäugten, aber auch insgeheim bewunderten Philosophie führte. Es ist dies die Philosophie Kants, Fichtes und Hegels, in deren Kontinuität er steht. Unsere Besprechung befaßt sich mit einem zentralen Werk des Autoren: Johannes Heinrichs: Philosophie am Scheideweg. Ein Gespräch mit Clemens K. Stepina, Passagen Verlag Wien, 2002, 158 S.

Die kompakt geschriebene Erläuterung seines spezifischen philosophischen Weges findet der Leser in diesem 2002 erschienenen Buch. Als Martin Heidegger 1945 nach Kriegsende Verwüstung, Niedertracht, Geringschätzung, Ende, Verlust und Selbstpreisgabe der eigenen Philosophie befürchtete, ihm die totale Entfesselung menschlicher Barbarei im Dienste des Willens zu planetarischer Macht über den Weg der Maßlosigkeit der Mittel vor Augen stand, suchte er nach einer Konversationsform, in der die Dinge wieder zu sich selbst zurückkehren können. So wurde sein stilistisches Mittel ab 1945 in Anknüpfung an Platon der philosophische Dialog. Allein das Gespräch könne sich vorbehaltlos und frei in einem Wahrheitsgehalt bewegen, weil ideologische Blickverstellungen verschwinden. In diesem Sinne schreibt Heidegger seine "Feldweggespräche", in denen er sich in die Täler des Seins herab begibt, um den Nimbus der Heiligkeit des Meister Eckhardt und den immer noch schöpferischen Glauben an das "Deutsche" wirken zu lassen. An diese heideggersche Tradition hat der Wiener Philosoph Clemens Stepina womöglich nicht gedacht, als er - von Heinrichs Schriften fasziniert - im Rahmen seiner eigenen Arbeit "Handlung als Prinzip der Moderne" (2001) die moderne Bedeutung der Hegelschen Reflexionsphilosophie und damit die Theorie Heinrichs’ zu ergründen versuchte. Ausdruck dessen ist nicht zuletzt dieser Interview-Band.

Auch Heinrichs, ähnlich wie Heidegger der von allerlei parteilichen Einflüssen bedrängten akademischen Zunft entrückt, knüpft in diesem Dialogband an die traditionelle deutsche Philosophie des 19. Jahrhunderts an. So verwundert es nicht, wenn Stepina in seinem Vorwort meint, daß die "derzeitige Schulphilosophie" nicht "Philosophie für die Menschen und ihre alltäglichen Probleme betreibe" (15). Es scheint, als betreibe man in deutschen Hochschulen vornehmlich Textexegese des Gewesenen ohne ernsthaften praktischen Anspruch mehr. Es triumphiert geradezu die von Desinteresse an der Welt außerhalb des Hörsaals geprägte philologische Philosophie. Vor dem Hintergrund dieser Feststellung ist der Interviewband zu verstehen: Die Philosophie - so Heinrichs - steht am "Scheideweg" (143ff.).

Schnell wird klar, worum es ihm geht: Es gibt keine universitäre Aufbruchstimmung mehr. Die Philosophie denkt also in dem Maße "seriös" und "philologisch", indem sie den aus praktischer Reflexion hervorgehenden Widerstandsgeist junger Menschen zu wecken fürchtet. Der Leser muß - die Kenntnis des Austritts Heinrichs’ aus dem Jesuitenorden vorausgesetzt - automatisch daran denken, daß dies Heinrichs damals schon unbehaglich gewesen sein muß. Umso mehr ist das besprochene Buch Ausdruck eines enormen Freiheitswillens, der zugleich jenseits akademischer "Sterilität" (138) die Philosophie als gerade notwendig ganzheitliche und gehaltorientierte Strukturwissenschaft etablieren möchte (130ff.). Heinrichs geht es in diesem Gesprächsband um die Quelle philosophisch-systematischen und praktischen Denkens. Stepina ordnet sich diesem großen Vorhaben bei. Es gelingt ihm vortrefflich, den inhaltlich tiefgründigen und fast jeden Bereich der Philosophie erfassenden Redefluß von Johannes Heinrichs zu lenken und zu strukturieren. Deshalb erhält auch die spirituelle Ebene der Philosophie ihren Rang zugesprochen (127ff.), wobei Heinrichs auf den von ihm verehrten Gotthard Günther (1900-1984) eingeht. Auch er habe versucht, tiefere philosophische Sinnhermeneutik und logischen Formalismus der Schulphilosophie zu vereinen. So ist es verständlich, wenn Heinrichs seinen Lesern rät, nicht zu philosophieren, wenn er nicht die breite Erlebnisgrundlage dazu hat. Man könnte sagen, Philosophie leben zu müssen, anstatt sie bei beliebig zu interpretieren - ein hoher Anspruch, dem nicht jeder gewachsen ist.

Das Buch gliedert sich in Kapitel, die sich an wesentlichen Elementen der Theorie Heinrichs’ seit den 70’er Jahren orientieren: Reflexions-Systhemtheorie des Sozialen (33), das semiotische Konzept (63) oder die Zukunft der Philosophie überhaupt (125). So vermittelt "Philosophie am Scheideweg" für den aufmerksamen Leser, der die Biographie Heinrichs’ kennt, der seine Motive im Hinterkopf hat und bei fortschreitender Lektüre um die eigentliche Bedeutung gelebter Dialektik weiß, eine einmalige Spannung. Der Befragte, der sich während des gesamten Gesprächs an alles Gesagte zu erinnern vermag und dieses wiederum problemlos in neue Zusammenhänge einzubetten befähigt ist, hinterläßt den Eindruck, ihn unbedingt lesen zu müssen, seine Lehre verstehen zu wollen, um davon selbst profitieren zu können. Nach Lektüre des vorliegenden Interviewbandes, welcher die Bilanz eines dialogischen Systematikers darstellt, weiß der Leser, daß er zunächst selbst das Göttliche in sich finden sollte, um an mögliche situative Offenbarung glauben zu können. Daniel Bigalke, Dipl.-Pol.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. Juni 2007

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