Georg Quabbe: Tar a Ri. Variationen über ein konservatives Thema

Tar a Ri. Variationen über ein konservatives Thema

Verlag: Uwe Berg-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-922119-31-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Politische Reflexion innerhalb der "Konservativen Revolution"


Die von dem Autoren Armin Mohler beschriebene Bewegung der "Konservativen Revolution" in der Weimarer Republik war geprägt von politischer Aussagekraft und aktivistischem Pathos, wie es für eine ganze Generation politischer Philosophen stehen kann, die sich keineswegs einem Rückzug in die vita contemplativa preisgaben, sondern einen ungeheuren intellektuellen Einfluss ausübten. Und so äußerte sich in ihr ein konsumkritischer und zivilisationskritischer deutscher Gegenmodernismus, der mit seiner Betonung von Tiefe, Schwere, Tragik, Authentizität und ohne eindeutiges politisches Programm als dennoch wesentliche Kraft im Kampf gegen die progressive Beliebigkeit und Wertnivellierung des beginnenden 20. Jahrhunderts verstanden werden kann. Die Denker dieser Bewegung, so Spengler, Jung, Schmitt, Jünger oder Moeller, richteten sich gegen die Dissoziation aller Lebenszusammenhänge, gegen die Atomisierung des Bewußtseins im Zuge der Auflösung des bürgerlichen Subjekts. Insofern versteht sich auch die zunächst widersprüchlich anmutende aber bewußt zu wählende Formulierung des "kontemplativen Pathos" innerhalb dieser geistig-intellektuellen Bewegung im Sinne einer nachsinnend-beschaulichen aber gefühlsgeladenen, leidenschaftlich-ergriffenen Haltung, die - subjektiv motiviert - ein politisches Ziel zur Realisierung vor Augen hatte.


Das gleichsam realpolitische Instrumentarium einer solchen Haltung ist der metapolitische Ansatz, vor dessen Hintergrund die Dichotomie der Begriffe, nachsinnend und doch ergriffen aktivistisch, selbst zu sehen ist. Dabei offenbart sich eine verborgene Synthese aller Begrifflichkeiten zugunsten eines einheitlichen, politisch engagierten Weltbildes. Kontemplatives Sein und aktivistische Sehnsucht gipfeln zur Metapolitik, zur Politik über schriftstellerische Einflußnahme. Damit entstand der für die "Konservative Revolution" als reaktionäre Gegenrevolution zum Liberalismus typische Charakter, der mit dem Schritt vom Restaurativen zum Revolutionären qua metapolitischer Einflussnahme im damaligen Deutschland eine neue Dimension konservativen Denkens eröffnete, um den Boden von den destruktiven Auswirkungen bisheriger Verhältnisse zu reinigen.


Georg Quabbe, Völkerrechtler und intellektueller Vordenker der DNVP bis zu seinem Übertritt 1929 zu den Volkskonservativen, gilt als ein Vertreter dieser Bewegung. Seine politische Linie kann in Anbetracht der für die heutigen Verhältnisse extrem sensibilisierten "Meinungen" in Bezug auf das "Konservative", das immer gleich "Extremismus" sei, als Linie basierend auf einer doch vergleichsweise moderaten Haltung gelten.


Quabbe steht deshalb innerhalb des deutschen Konservatismus für eine rare Denkrichtung: die Verbindung zwischen konservativem Denken mit liberalen Momenten sowie die Ablehnung der Demokratie unter Hervorhebung der Verteidigung der Republik. Quabbes Denken ist damit zu unterscheiden von den Meinungen, die seine intellektuellen Mitstreiter bzw. Gegenspieler auf der politischen Linken und Rechten der Weimarer Republik vertraten. Ging es diesen vorrangig darum, das Weimarer System wahlweise als kapitalistisch bzw. wie Oswald Spengler im ersten Kapitel zu "Preußentum und Sozialismus" (1919) als System der "Novemberverräter" zu brandmarken, so vertrat Quabbe in seiner jetzt neu vorliegenden feinsinnigen Analyse eine Position, die sich am besten folgendermaßen resümieren läßt: Das Weimarer System ist nicht das System der Konservativen, aber Veränderungen innerhalb dieses Systems werden wir nur dann realisieren, wenn wir es als gegeben akzeptieren und in seinen verfassungsrechtlichen Gegebenheiten mitarbeiten.


Dennoch war der Rechtsanwalt Quabbe geprägt von einer tiefen Affinität für das konservative Element. Er betrachtete dieses aber stets komplementär zu anderen geistigen Strömungen. Damit ist er Vertreter einer spezifischen politischen Reflexionskultur, die innerhalb der "Konservativen Revolution" abzustreiten seit Kurt Sontheimers Schrift von 1961 ("Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik") stets bis heute modern war, obwohl diese Schrift des nunmehr 2006 verstorbenen Politologen wenig effizient das deutsche Phänomen politischen Denkens der Zwischenkriegszeit zu erfassen fähig oder gewillt war. Diese bei Quabbe auffindbare Reflexionskultur sagt nämlich aus, daß Quabbe in seiner politischen Denkweise vom Ganzen ausging, alle Strömungen akzeptierte und gleichsam fatalistisch wußte, daß seine Gegner auch nur aus lebensimmanenter und psychischer Notwendigkeit zu ihrer Sichtweise gelangten - wie er selbst auch. Er ist damit Vertreter des heute von dem Sozialphilosophen Johannes Heinrichs vertretenen Prinzips vom "Selbstbezug im Fremdbezug" (vgl. "Reflexion als soziales System", Bouvier, Bonn 1976 ) - man wird erst in der Anerkennung des Anderen zum eigenen Ich und bildet staatsphilosophisch ein Ganzes.

Mit dem hier neu vorliegenden Buch haben wir nun die Möglichkeit, ein 2007 im Uwe-Berg-Verlag erschienenes Reprint der nahezu kaum noch zu findenden Ausgabe von 1927 des brillanten Werkes "Tar a Ri" von Quabbe zu lesen. Es ist Bestandteil einer ganzen Sammlung von Neuausgaben zur "Konservativen Revolution" seitens des in Toppenstedt angesiedelten Verlages.

Quabbe selbst bezeichnete sich als konservativ. In seinem 190 Seiten umfassenden Werk "Tar a Ri", welches aus dem Irischen ins Deutsche übersetzt "Komm, o König!" bedeutet, widmet er den weitaus größten Teil der Seiten, etwa drei Viertel, der Entwicklung des Konservatismus in vielen europäischen Staaten. Bei der Lektüre wird jedoch rasch jene erwähnte Tendenz deutlich, daß er keine dogmatisch eingeschränkte Variante des Konservatismus vertritt, keine theoretisch hochzuhaltende Ideologie, die mit der konservativen Lebensrealität nichts zu tun hat. Vielmehr versucht er gerade, die historische Entwicklung des Konservatismusbegriffs mit all seinen Brüchen und Veränderungen bis in das Jahr 1927 nachzuvollziehen und weiterzuentwickeln. Er schreibt beispielsweise: "Es würde meiner Grundeinstellung widersprechen, wenn ich untersuchen wollte, auf welcher Seite die Wahrheit zu finden ist; für mich handelt es sich ja hier, wie immer, um die Klarstellung des Gegenstandes und nicht um das Abwägen des Für und Wider." (118)

Etwas seltsam mutet seine Argumentation in außenpolitischen Fragen an, auch deshalb, weil er 1911 an der Universität Breslau zu einem völkerrechtlichen Thema promovierte und er eine grundlegende Analyse von Beistandspakten und Garantieerklärungen im Völkerrecht vornahm. Ihn außenpolitisch einzuordnen ist somit ungleich schwieriger, als seine aus heutiger Sicht für die Weimarer Zeit wegweisenden staatstheoretischen Auffassungen zu analysieren, da seine Vorstellungen vage bleiben und dort, wo sie konkreter werden, vor allen Dingen der politische Pragmatismus vorherrschend ist. Diese Vagheit im außenpolitischen Denken wird wohl daran gelegen haben, daß Quabbe mit Tar a Ri eine Streitschrift über den Zustand der DNVP vorlegen wollte und nicht die Absicht hegte, der DNVP ihren außenpolitischen Kurs vorschreiben zu wollen.

Das vorliegende Buch, welches bis heute kaum noch gelesen wurde, ist dazu geeignet, neue Dimensionen innerhalb der "Konservativen Revolution" auszumachen, sie nicht leichtfertig als "Wegbereiter Hitlers" zu diffamieren, sondern vielmehr aus sich selbst heraus in ihren Motivationen zu verstehen und ihren Theoremen etwas abgewinnen zu können. Für Quabbe nämlich war seine eigene Haltung immer "der Komplementärgedanke zu irgendeinem Gedanken der Gegenseite ist." (176) Es ging ihm also keineswegs um einen ontologisch völlig wertlosen zweiwertigen Formalismus des "Entweder-Oder", wie man ihn heutigen Parteipolitikern vielmehr vorwerfen müßte, sondern darum, einander trotz fester Überzeugungen und Gegenüberzeugungen anzuerkennen, ohne dennoch von der eigenen Standhaftigkeit im Denken abzuweichen: "Die letzte Weisheit bleibt also ein ‚Wir sind so und deshalb handeln wir danach", (...)." (177) Die Neuausgabe diese Buches ist sehr begrüßenswert und gibt Kraft zur Konstituierung eines neuen konservativen und zugleich modernen und wertvolleren Staatsdenkens im Deutschland der Gegenwart. Daniel Bigalke, Dipl.-Pol.
Fazit
Georg Quabbes Buch dient als Einstieg in die Ideenwelt der Konservativen Revolution, sollte aber nicht ohne die Lektüre anderer Standardwerke derselben betrachtet werden.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. Juni 2007

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