Winfried H. Müller-Seyfahrt: Was Philipp Mainländer ausmacht

Was Philipp Mainländer ausmacht

Verlag: Königshausen & Neumann [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-8260-2383-5

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der Weg vom Selbst-Denker zum Selbst-Henker


Der Philosoph Philipp Mainländer (1841-1876) ist vielen inneruniversitären Wissenschaftlern entweder kein Begriff mehr oder ein Denker von vermeintlich geringfügiger Bedeutung. Und so mag man als umfassend philosophisch interessierter Sucher womöglich des einen oder anderen Umweges bedürfen, um überhaupt etwas seinem Wesen und Niveau angemessenes in der Literatur zu Mainländer zu finden. Wenn man zudem über Schopenhauers Pessimismus, Davilas oder Chiorans Weltschmerz nicht zu Mainländer findet, so führt doch ein Pfad von Otto Weininger (1880-1903) zu ihm hin.

Man stößt z.B. auf Mainländer, wenn man sich der Lektüre Otto Weiningers letzten Werkes hingibt. In einer im Verlag Mathes & Seitz herausgegebenen Auflage von Weiningers Schrift "Über die letzten Dinge" befindet sich nämlich ein Essay des politischen Publizisten Theodor Lessing über Weininger. Er trägt den Titel "Der jüdische Selbsthaß". In ihm heißt es über Weininger: "Er hat es so gehalten, wie siebenunddreißig Jahre zuvor der blutjunge Philipp Mainländer, der am Tag, wo er seine geniale "Philosophie der Erlösung" im Druck vollendet vor sich liegen sah, zum Strick griff und starb." (Otto Weininger: Über die letzten Dinge. Mit einem Essay von Theodor Lessing von 1930: Der jüdische Selbsthaß, Matthes und Seitz, 1997, S. 198)

Nun war Mainländer kein Jude, aber er war vor Otto Weininger jemand vom Range eines solchen resoluten sokratisch-philosophischen Charakters, der angesichts fehlender Verbindlichkeit der Transzendenz und der metaphysischen Leere der Welt und angesichts eigener Gleichgültigkeit ihr gegenüber den einzigen Ausweg in seiner Selbstverwirklichung auf dem Wege ausschließlicher Selbstvernichtung sah. Auf Anregung der Mainländer-Kenner Dr. Winfried H. Müller-Seyfarth (Herausgeber der Mainländer-Gesamtausgabe) und Dr. Thomas Regehly (Vorstandsmitglied der Schopenhauer-Gesellschaft) wurde nun am 28. November 2005 in Offenbach die "Internationale Mainländer-Gesellschaft e.V." gegründet. Der daraus resultierende und vorliegende Sammelband bietet jetzt in sehr übersichtlicher Form entsprechend den Wissensstand zur aktuellen Mainländer-Rezeption dar und beinhaltet bündige Texte zur Schopenhauer-Schule, zu psychoanalytischen Erkenntnissen im Hinblick auf ein bei Menschen vorkommendes pessimistisches Weltbild oder zu Mainländers Bedeutung für andere Schriftsteller.

Vor diesem Hintergrund erschließen sich auf den wenigen 114 Seiten grundlegende und zugleich interessante Gegenüberstellungen von pessimistischen Philosophen und ihren zentralen Lehrinhalten. Terminologische Verdichtungen wie die folgende sind zum Verständnis derselben sehr hilfreich und befinden sich direkt zu Beginn des Buches: "Wille zum Leben" (Schopenhauer), "Wille um Tode" (Mainländer), "Das tragische Gesetz der Welt" (Bahnsen), "Wille zur Macht" (Nietzsche), "élan vital" (Bergson), "Das Unbewusste" (Freud), "Das Dämonische" (Thomas Mann). (23)

Mainländers Metaphysik der Entropie gilt hierbei als ausdrückliche negative Eschatologie, die ihren Lehrer Schopenhauer, der noch den Willen zum Leben proklamierte, in der Konsequenz zu überwinden trachtet: Gott ist gestorben und sein Tod war das Leben der Welt. Gott ist bei Mainländer anders als bei Nietzsche nicht vom Menschen getötet worden, sondern er folgt einem inneren Impuls zur Verwesung, einem Drang, vom Sein in das Nichts überzugehen. (25) Allein durch das Menschsein auf Erden ist die Möglichkeit, daß Gott ebenso auf ihr präsent ist, verschwunden. Mainländer drängt damit auf einen zweiwertigen Formalismus des "Entweder-Oder" zwischen Gott und Mensch. Mit dem Dasein des Menschen hört das Dasein Gottes automatisch auf, was den gleichsam philosophischen Dekomponisten Mainländer zu dem Ergebnis der Selbstbemächtigung des Subjekts gelangen läßt.

Leider wird an dieser Stelle des mehrere Beiträge zu Aspekten Mainländers umfassenden Sammelbandes nicht darauf eingegangen, daß es der Vertreter des Deutschen Idealismus G.W.F. Hegel und weder Mainländer noch Nietzsche war, der in seiner "Phänomenologie des Geistes" bereits den zum Ende des 19. Jahrhunderts erst aktuell werdenden Gedankengang des Todes Gottes antizipierte. Hegel schrieb nämlich dort zur "Entäußerung der Substanz" im Menschen: "Jenes hingegen ist umgekehrt das tragische Schicksal der an und für sich sein sollenden Gewissheit seiner selbst. Es ist das Bewußtsein des Verlustes aller Wesenheit in dieser Gewissheit seiner und des Verlustes eben dieses Wissens von sich - der Substanz wie des Selbsts; es ist der Schmerz, der sich als das harte Wort ausspricht, daß Gott gestorben ist." (Hegel, Phänomenologie des Geistes, Suhrkamp-Ausgabe 1986, S. 547)

Damit nämlich hätte sich auch jene wichtige Perspektive eröffnet, die Michael Pauen in seinem Beitrag ("Metaphysischer Pessimismus und die Schopenhauer-Schule") auf anderem Wege zur Sprache bringt: Fortschrittsvorstellungen in Aufklärung und im Deutschen Idealismus haben wenig zu tun mit einer absoluten optimistischen Einstellung, mit der Überzeugung von qualitativem Fortschritt oder dem Glauben an die Verbesserung menschlicher Lebensverhältnisse. Vielmehr beinhalten sie gerade auch pessimistische, von der beispielsweise bei Hölderlin exemplarischen Zerrissenheit weltimmanenten Daseins, geprägte Grundeinsichten, die erst dann zur Reflexion über Auswege führen.

Der Optimismus der Aufklärer und der Deutschen Idealisten bezieht sich allein auf die Ausbildung von Gattungsmerkmalen, die selbst Johann Gottlieb Fichte mehrfach beschreibt, und ihnen können die individuellen Interessen problemlos zum Opfer gebracht werden. Es eröffnet sich also bei der Lektüre der vorliegenden Studie über Mainländer durchaus eine Dimension von integraler Provenienz, deren Bestandteile "Optimismus" und "Pessimismus" in Deutschland von jeher traditionell verankert waren: von Kant, Fichte bis zu Hegel und von dort über Schopenhauer zu Nietzsche. Das gesamte deutsche Jahrhundert - im Philosophischen ist es das 19. Jahrhundert - war geprägt von dieser dialektischen Linie. Sie ergibt Sinn, weil sie sich zu einem Ganzen fügt und sich deren Komponenten sich offenbar komplementär zueinander verhalten.

Damit ist heute, 125 Jahre nach Mainländers Tode, seine Philosophie nicht einfach als Ausfluss eines "kranken Gemüt[s]" degradierbar, sonder harrt mit ersten erfreulichen publizistischen Schritten seitens des Herausgebers dieser Studie einer sachlichen Auseinandersetzung. So sieht Horstmann in seinem Beitrag im Hauptwerk des "Selbstdenkers und Selbsthenkers" nämlich vor allem ein "ingeniöses und mit letztem existenziellen Einsatz betriebenes Gedankenspiel" im "Niemandsland zwischen Mythos, Philosophie und Literatur", das einen "mythopoetischen Kern" enthalte. Mainländer, der den Mensch als selbstbewusstes Nichts, als "Nihilenz" (Julius Bahnsen), begriff und uns in einem Fragment von 1875 eine einmalige Buddhismus-Rezeption überließ, wird deshalb auch von vielen anderen Autoren wahrgenommen worden sein. Ein Beitrag widmet sich z.B. nicht dem philosophischen opus magnum Mainländers, sondern dessen dichterischem Werk. Der Autor wartet mit "verblüffende[n]" Parallelen zwischen Thomas Manns "Tod in Venedig" und Mainländers Novelle "Rupertine del Fino" auf. Diese war 1875 erstmals publiziert worden und wurde 1899 in einer Bearbeitung von Fritz Sommerlad im Morgenblatt der "Allgemeinen Zeitung" (München) erneut abgedruckt, deren Leser Thomas Mann zu dieser Zeit war.

Ein weiterer Gesichtspunkt ist, daß Philipp Mainländer erstaunlicherweise keine konservative politische Schlußfolgerung aus seiner Philosophie zog. Ihm schwebte vielmehr ein sozialdemokratischer Idealstaat vor, dessen Ideal interessanterweise auch der Sozialdemokrat Kurt Schumacher (1895-1952) in seiner Dissertation von 1926 unter dem Titel "Der Kampf um den Staatsgedanken in der deutschen Sozialdemokratie" (Stuttgart, 1973) thematisierte. Aber Mainländer erlebte nicht mehr die wachsende Rolle der SPD zur Jahrhundertwende in Deutschland. Das abgeschlossene Manuskript seines Hauptwerkes übergibt er seiner Schwester, damit diese in der Zeit seines Militärdienstes einen Verlag dafür finde. Am 1. November 1875 kehrt er zurück nach Offenbach, wo er emsig innerhalb zweier Monate die Rohbögen der "Philosophie der Erlösung" korrigiert, seine Memoiren niederschreibt, die Novelle "Rupertine del Fino" verfaßt sowie den 650 Seiten starken zweiten Band seines Hauptwerks vollendet. Danach, als sich Mainländer gar schon als Messias der Sozialdemokratie sah, erhängt er sich am 1. April 1876 in seiner Wohnung. Als Podest dient ihm ein Stapel der erst am Vortage eingetroffenen, druckfrischen Belegexemplare seines Hauptwerks "Die Philosophie der Erlösung". Solange es noch Philosophen gibt, die dergleichen Geschehnisse denkerisch und ohne Voreingenommenheit zu ergründen suchen, was für wahre Philosophen seit Sokrates eigentlich charakteristisch ist, ist das Erscheinen der vorliegenden Studie begrüßenswert, wenn nicht sogar überfällig.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 24. Juni 2007

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