Johannes Heinrichs: Öko-Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe

Öko-Logik. Geistige Wege aus der Klima- und Umweltkatastrophe

Verlag: Steno-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-9544493080

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Wahre Philosophie und kosmischer Naturbegriff


Was die heute dominierende wissenschaftliche Zunft ausmacht, läßt sich leicht benennen. Sie besitzt fertige Resultate und stellt sich und ihren Mitläufern in der Megamaschine des Opportunismus Aufgaben im Rahmen vorgegebener profitversprechender Interessensgebiete. Aber diese "Wissenschaft" kennt keine eigentlichen Probleme mehr. Wahre Probleme nämlich und keine Simulation von unerheblichen Fragestellungen gibt es nur für solche philosophischen Menschen, die für und über sich, für die Welt und über sich als ausschlaggebenden Teil derselben und nicht für ein nutzbringendes Götzenbild denken. Historisch betrachtet zählen zu Ihnen Arthur Schopenhauer, Otto Weininger, Oswald Spengler oder Philipp Mainländer. Sie alle lehnten es aus tiefster Überzeugung ab, an staatlichen Hochschulen zu lehren.

Und so liegt es in der Gemütslage der Philosophen als tiefere Seher globaler Probleme begründet, dass ihnen zugunsten fundierter Lösungsvorschläge agitatorisch-aggressives Auftreten schwerer fällt als den Vertretern profaner Tagespolitik. Sie sind schlichtweg umfassendere Denker, erwägen integral und vertreten die "Liebe zur Weisheit" - vor allem was das Bewahren von Menschsein, Kultur und Erde angeht. Johannes Heinrichs, bis 2002 Professor für Sozialökologie an der Humboldt-Universität Berlin, zählt ohne Zweifel zu ihnen. Sein nunmehr wieder erschienenes Buch "Ökologik" von 1997 hat an Aktualität nichts eingebüßt, sondern in erstaunlichem Maße gewonnen. Damit kommt dieser Neuerscheinung eine große Rolle zu, denn er beschreibt darin die Komplexität des Natur-Begriffs zugunsten einer denkerischen Überwindung der Kluft zwischen akademisch etabliertem Denken und den spirituell-ökologischen Ansätzen der New-Age-Literatur: Die Menschheit ist dazu aufgerufen, sich auf die Kräfte einer ganzheitlichen Vernunft zu besinnen, die sich in Politik und Wirtschaft sozial- und umweltverträglich äußern muss.

Rudolf Bahro (1936-1997), Bewunderer des Buches, sprach sich dementsprechend für ein Bündnis zur Vermittlung dieses Anliegens in die Tiefenschichten des gesellschaftlichen Bewusstseins hinein und für eine "Tiefenökologie als struktureller Naturphilosophie" aus. Er meinte damit, dass eine öko-logische Beschäftigung mit der Natur eine solche der "Natur-Mensch-Beziehung" sein muss und damit auf einer Ökologie des Sozialen zu beruhen habe. Heinrichs bietet zu genau diesen Fragen im vorliegenden Buch Lösungsvorschläge dar, die sich abseits der vorteilhaft integrierten und damit leicht korrumpierbaren "Wissenschaftlichkeit" befinden. Der Leser bekommt anhand drängender Fragen aufzeigt, worin eigentliches Denken heute gipfeln muss - solange es den Anspruch hat, "wahres Denken" zu sein und dieses nicht mit Komfort und Profitmaximierung verwechselt. Leon Bloys (1846-1917) bester Roman "Die Armut und die Gier" (1897) drückte im Zeitalter des "renouveau catholique" in Frankreich jene Aufrichtigkeit und unbeugsame Geradheit des Denkens durch die schriftstellerische Kraft bereits früher aus und stellte sich damit auf die Seite der unabhängigen Lehre, der Ästhetik einer erhabenen Lehre.

Der Autor der Öko-Logik nun erinnert daran, dass eine moderne Gesellschaft nur mit einer Sozialordnung funktioniert, die auf eine derartig wahrheitsorientierte und ethische Denkleistung gegenüber Mensch und Natur vertraut. Damit eröffnet sich die zentrale politische Dimension des Werkes: Die Einrichtung eines "Nachhaltigkeitsrates" oder "Nationalen Ethikrates" spricht für Heinrichs von dem Bedarf an Gestaltung von den natürlichen Grundlagen her, wobei die demokratische Legitimation solcher Gremien zweifelhaft bleibe. Die These des Autors ist hingegen: Das Naturproblem ist ein Gesellschaftsproblem. Genau dafür seien die ökologischen Technokraten - gerade auch innerhalb der profillos gewordenen Grünen Partei - bisher blind. Sie stehen damit in kausaler Mittäterschaft zu den Umweltschändern oder zu solchen Geld- und Wirtschaftsreformern, die nicht die gesellschaftlichen, demokratischen Voraussetzungen ihrer "edlen" Bestrebungen genug reflektieren und daraus die nötigen praktischen Folgerungen ziehen. Also: Keine philosophische Theorie ohne den unbedingten Anspruch ihrer realen Bewandtnis in Politik, Wirtschaft oder Ökologie, was den heutigen Universitätsphilologen mit ihrem Mumienkult von Platon bis Marx fremd sein mag. Schon der Politologe Iring Fetscher verwies aber darauf, dass es Marx ausdrücklich um die praktische "Bewahrung der Ökosphäre" ging. Nicht Maximalkonsum, sondern maximale Freiheit zur praktischen Entwicklung menschlicher Fähigkeiten im Hinblick auf die Natur ist das Anliegen wahrer Philosophie.

Für eine "nachhaltige", besser kreislauffähige Bewirtschaftung der Natur bedarf es deshalb für Heinrichs einer kreislauffähigen Gesellschaft. Die Gegenseitigkeit der Reflexion und die Verschränkung der Intentionen der Handelnden, die das bisher vermisste Prinzip des Übergangs vom Handeln zum sozialen System liefert, hat dabei einen quasikybernetischen Effekt: Diese sozialen Systeme erstreben einen stabilen Gleichgewichtszustand durch Rückkoppelungen innerhalb ihrer Subsysteme. Entsprechend muss auch die Wirtschaft als zirkulär-kreislauffähig und nicht als alleiniger neoliberaler Wettkampf definiert werden. Die Vierfachheit des Sozialen bei Heinrichs - die differenzierten Subsysteme Wirtschaft, Politik, Kultur und Religion - ist der Ausgangspunkt jener rückgekoppelten Kreislauffähigkeit, deren Erwägen Ergebnis konstruktiven Demokratiebewusstseins jenseits parteigebundener Dogmatik ist. Ändert sich nichts an oberflächlichen "Ruck"-Reden, so bleiben nach Heinrichs auch soziale und ökologische Nachhaltigkeit im Handeln der Menschen unbewältigt.

Der Autor geht nun einen Schritt weiter und betrachtet den Mikrokosmos Mensch. Er stellt im Mittelteil dar, wie sich die erwähnten vier Sinn-Elemente menschlichen Handelns auf die drei Seinsstufen Körper, Geist und Seele beziehen. Es wird damit gezeigt, dass aus der Durchdringung dieser drei Wesensbestandteile eine siebenstufige Konstitution des Menschen resultiert - mit spannendem Ergebnis: Der Autor plädiert für eine "Ökologie des Denkens", denn was Natur ist, offenbart sich zuerst im Menschen, in seinem Denken.

Es ist hier erfreulich, dass jemand sich die Mühe macht, diese elementaren Zusammenhänge verständlich zu beschreiben. So kommt doch gerade der folgenlose Ersatzcharakter von Ethik unter anderem darin zum Ausdruck, dass von vielen Imperativen (bzgl. Zinssystem des Geldes, Behandlung der Tiere, Verseuchung von Böden, Arbeitslosigkeit) abgelenkt wird durch komplizierte Gedankengänge, die an elementaren Selbstverständlichkeiten vorbeigehen. Sie sind damit selbst ablenkungsideologischer Ausdruck der Trennung des Menschen von der Natur. "Wo das Sollen vorherrscht, herrscht die Entzweiung von Pflicht und Neigung, von Kopf und Herz, von Ich und anderen, von Mensch und Natur" und nicht zuletzt - so ließe sich fortsetzen - fehlt dann die Erkenntnis, dass Sollen zuvorderst eine Qualifikation subjektiven Wollens ist.

So richtet sich das Buch vor allem an die Menschen, welche mehr über sich und über erkenntnistheoretische Zusammenhänge wissen möchten, als es die alltägliche "Wissenskultur" zu vermitteln in der Lage ist. Aus der anthropologischen Siebenstufung hingegen ergibt sich ein kosmischer Naturbegriff und "tiefenökologische" Aufgabenstellungen. Hier ist der Leser zu fragen geneigt, warum diese ähnlich den Einsichten Silvio Gesells in Bezug auf zinsfreie Geldwirtschaft zwar so genial einfach sind, aber niemals in Zeiten der Verschwendung auf der einen Seite und des millionenfachen Hungertodes sowie biologischen Artensterbens auf der anderen Seite zum Wohle aller verwirklicht werden. Spätestens hier entpuppt sich Heinrichs’ Grundansatz als goldrichtig, als Schlüssel zur Verwirklichung durch tatsächliche Bewusstseinsveränderung. Wir müssen also folgerichtig bei der Reform des politisch-sozialen Systems anknüpfen, und zwar aus überpolitischen, gesamtsozialen und nicht partikularen Einsichten heraus, um von da aus eine "natürliche", vernunft- und menschengerechte Wirtschaftsordnung durchzusetzen. Das Eintreten für eine naturverträgliche Ökonomie muss nach Heinrichs deswegen auch vom Einsatz für eine strukturelle Weiterentwicklung der Demokratie getragen sein, was er bereits in "Revolution der Demokratie" (2003) ausführlich darlegte.

Mag man nun seine Überlegungen als utopisch abtun - man reduziert damit zugleich immer auch das ganzheitliche Denken überhaupt sowie das eigene Menschsein, um dasselbe sich dann allenfalls im pseudoökologischen Narrenkarussell austoben zu lassen, was freilich wie bisher ohne Effekt bleiben wird. Und so verwundert es nicht, dass der Autor in seinem Buche für eine freie Marktwirtschaft die effektive Unterordnung wirtschaftlich-technologischer Eigengesetzlichkeit unter die politische Entscheidungsebene fordert, um die letztere nicht von der wirtschaftlichen Ebene her bestimmen zu lassen. Dies trüge doch zur Verstetigung des ideologischen Scheins der von technokratischen Richtlinien des permanenten Wachstums bestimmten "freien Marktwirtschaft" bei. Freilich, die Ausrichtung auf größtmöglichen Gewinn und Wachstum mag betriebswirtschaftlich sinnvoll sein, für ein nach philosophisch durchdachten Maßstäben intaktes Gesellschaftsgefüge jedoch ist sie in der Tat kein dauerverträgliches Konzept der Zukunft. Riesige Geldmengen und erzwungenes Wachstum in Permanenz lassen vielmehr ein Bewusstsein für die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen und erst recht diejenigen der Umwelt verkümmern und spitzen die gesellschaftspolitischen Probleme zu. Diese reduzieren sich leider zusehends nur noch auf Geldverteilungskonflikte.

Zur umfassenden Erkenntnis dieser Zusammenhänge sieht Heinrichs das spirituelle Naturerleben als eine "Vor-Einstellung" für notwendig an. Eine spirituelle, aufs Ganze des Lebens gehende Grundeinstellung müsse jeder entwickeln können. Das Einverständnis mit dem eigenen Leben bedeutet also immer auch das "Einverständnis mit Leben überhaupt." Die Frage "Was ist naturgemäß?" ist - so der Autor - nur vor dem Hintergrund des Menschen als Medium der Naturerfahrung zu beantworten. Die Ganzheit von Körper-Seele-Geist betrifft den Menschen als Handelnden: "Nur der integrale und integre Mensch ist zu einer integralen Ökologie fähig!"

Vor dem Hintergrund derartig fundmentaler Einsichten lässt sich in Kürze resümieren: Heinrichs’ Tiefenökologie erstrebt einen Friedensschluss des Menschen mit der Natur jenseits der Ideologie unbegrenzten Fortschritts, um ähnlich wie Ludwig Klages (1872-1956) in "Mensch und Erde" (1920) die Entgegensetzung von Kosmos und Mensch, von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften aufzulösen und über eine pragmatische ökologische Ethik hinauszugehen. Klages betont in selbiger Schrift: "Worauf aber der Fortschrittler stolz ist, sind bloße Erfolge, sind Machtzuwachse der Menschheit, die er gedankenlos mit Wertzuwachsen verwechselt, und wir müssen bezweifeln, ob er ein Glück zu würdigen fähig sei und nicht vielmehr die leere Befriedigung kenne, die das Bewußtsein der Herrschaft gibt." (Ebd., 2)
Der von Heinrichs nun ausgeführte Gegensatz zu jener Diagnose des "modernen" Menschen bei Klages führt dann zur benannten "Ökologie des Denkens". Sie ist Teil menschlicher Innenwelt, deren Verschmutzung und Vernachlässigung die weitreichendsten Folgen für den Zustand der Außenwelt hat. Wir können im Sinne dieser Botschaft auch umgekehrt mit Schopenhauers Ethik des Mitleids sagen: Mit der Natur oder den Tieren beschmutzt oder schändet der Mensch zugleich immer auch sich selbst, und - wieder mit Heinrichs - erst im Denken vollzieht der Einzelne den Übergang von seiner Bewusstseinsverfassung zur ethischen Gesellschaftsverfassung, welche einer gesunden Natur aktiv Rechnung tragen kann. Alle Elemente sind unmittelbar verknüpft und müssen zur Beendigung gegenwärtiger ökologischer Selbstvernichtung in Rückkoppelung zueinander stehen. Dieser Aspekt, die Wiedergewinnung eines uralten kosmischen Bewusstseins, bedeutet dann Ökologische Spiritualität und nicht wiederum vom Markt instrumentalisierte einseitige Öko-Mode oder Öko-Religion.

Das Besondere des Werkes liegt in der Tat darin, dass letzte Grundstrukturen des Seienden (Ontologie), ja gar theologische Fragen als Voraussetzungen unserer Naturbegegnung in Relation zueinander gesetzt werden. Mag damit zwar die Gefahr drohen, aus den praktischen Fragen des Weltzustandes in die Höhen der Theorie auszuscheren - so gehört doch für jeglichen Wandel des Denkens gerade die ohnehin in jedem Menschen intuitiv gespürte Entschlossenheit dazu, die eigenen Ansichten zu hinterfragen und praktisch zu verändern. Der Schlüssel zur Praxis liegt in der erfahrbaren und zugelassenen Intuition des Einzelnen. Der Leser empfindet bei der Lektüre die im Titel steckende Frage womöglich als Zumutung, meint er doch, bereits fortschrittlich und naturfreundlich zu sein. Der Schritt zum bewussten Naturdenken aber ist damit noch nicht vollzogen. Wenn Menschen "nur" bereit sind, ihre Augen, Ohren und Herzen vor dem Leiden der Natur, dem Wahn der Verschwendung von Ressourcen nicht zu verschließen, fehlt noch der letzte Schritt, nämlich diese Erkenntnis zu leben und ihr Fundament zu begreifen, dass wir zudem in der Natur unser eigenes Antlitz sehen. Erst das befähigt, aus dieser "prinzipiell unlösbaren Verbindung mit allem, was lebt" empathisch tätig zu werden.

Ohne Zweifel: Freiwirtschaft, Humanwirtschaft oder Fairconomy verfolgen das Ziel, diese Perspektive im wirtschaftlichen Bereich zu stärken. Dennoch gehört unabdingbar ein Komplementärbewusstsein jener Ökologischen Spiritualität dazu. Sie ist die Voraussetzung auch dafür, dass die gesellschaftszerstörende Umverteilung des Geldes, die aus Geld ständig mehr Geld macht zugunsten jener, die bereits viel Geld besitzen, weitgehend aufhört. Umweltschonende und gemeinschaftsstärkende Investitionen werden wieder "rentabel", ethisches Verhalten in der Wirtschaft auch gegenüber der Natur wieder erstrebenswert - wäre doch eine solche Investition in die Natur zugleich eine in den Menschen selbst. Erreichbar aber sind diese Ziele nur, wenn die Tagespolitik, wie es schon Platons Anliegen war, wieder mit offenen Ohren den eigentlichen Philosophen zuhört, welche diese Sichtweise ohne Rücksicht auf je opportune Befindlichkeiten artikulieren.

Drei Elemente nämlich machen diesen geistigen Charakter aus, der gerade aktuelle Probleme in einer Zeit erkennt, wo absolute Lösungen permanent konjunkturell simuliert und nicht mehr strukturell geboten werden: 1. Das Mystische mit der Forderung nach dem Ganzen, 2. Das Systematische mit dem Anspruch der theoretischen Entfaltung von neuen Ansätzen und 3. Das Element des tieferen Wissens als Anspruch auf Ableitbarkeit in die politische, wirtschaftliche und ökologische Praxis hinein. Diesen Prinzipien trägt das Buch von Heinrichs vollends Rechnung und steht damit in längerer geistesgeschichtlicher Tradition in Deutschland. Der geneigte Leser beendet die Lektüre mit dem Eindruck, in der großen Welt unmetaphorisch das Bild des Eigenen, des Inneren zu sehen. Damit beschreitet er bereits den Weg hin zu geistiger Fruchtbarkeit, denkerischer Freiheit, ganzheitlicher Spiritualität und wahrer politischer oder wirtschaftlicher Kultur.

Daniel Bigalke, Dipl.-Pol.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 23. Juni 2007

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