Ernst Peter Fischer: Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.

Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte.

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Nachschlagewerk
ISBN-13 978-3-550-07151-5

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Vor ein paar Jahren machte der Hamburger Anglistikprofessor Dietrich Schwanitz mit seiner "Bildung - Alles was man wissen muss" von sich reden. Darin machte er in unterhaltsamer Weise auf die Grundlagen unserer Kultur aufmerksam. Oder zumindest auf das, was ein Hamburger Literaturwissenschaftler dazu zählt. Es verwundert nicht, dass so etwas banales wie die Naturwissenschaften keineswegs dazu gehören. Sie schließt Schwanitz ebenso arrogant wie kategorisch aus dem Kanon seiner umfassenden Bildung aus.
Der Titel von Ernst Peter Fischers neuestem Buch ("Die andere Bildung - Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte") lässt sofort an Schwanitz denken. Das ist wohl auch so gewollt, denn schon auf der Seite zwei springt einem dieser Name entgegen. Tatsächlich ist die "andere Bildung" des Konstanzer Professors für Wissenschaftsgeschichte eine direkte Antwort auf das Werk seines Hamburger Kollegen.
Es gehört keine große Weisheit dazu, zu erkennen, dass die Wissenschaft in nicht geringerem Maß den Ort und das Bild des Menschen bestimmt als die "große" Philosophie. Um das zu beweisen, führt Fischer durch die Geschichte der Naturwissenschaft - die beiden großen Stationen auf seiner Reise sind die Zeit der Renaissance und das 19./20. Jahrhundert. Auf nur wenige Schlüsselthemen aus der unüberschaubaren Fülle von wissenschaftlichen Disziplinen wirft Fischer seinen intelektuellen Scheinwerfer: Die Physik des Mikro- und des Makrokosmos, sowie Evolution und Genetik.
In meist leicht nachvollziehbaren Erklärungen schildert er, wie es zu den großen wissenschaftlichen Durchbrüchen wie Kopernikus‘ Erkenntnis der Bewegung der Planeten und Plancks Einsicht in die Sprunghaftigkeit der Energieniveaus kam. Vor der einen oder anderen mathematischen Formel schreckt Fischer auch nicht zurück, trotz des verlegerischen Grunsatzes, dass jede Formel in einem Buch dessen Auflage halbiert. Doch keine Angst, die wenigen Ausflüge in die Welt der mathematischen Symbole sind eher als Illustration gedacht und können übersprungen werden ohne Gefahr zu laufen, die Aussage des Buches nicht zu verstehen.
Bei der bloßen Aneinanderreihung der Erreignisse belässt Fisches es nicht, gleich zu Anfang konfrontiert er den Leser mit Problemen der menschlichen Wahrnehmung und dem Verhältnis von Kunst und Wissenschaft. Wer also von diesem Buch ein naturwissenschaftliches Kuriositätenkabinett a la "Galileo" oder "Planetopia" erwartet, der wird enttäuscht.
Oder überrascht. Fischer versteht es nämlich, die wenigen wissenschaftlichen Umwälzungen, die er auswählt so in einen erkenntnistheoretischen Zusammenhang zu stellen, dass selbst ich als zwar wissenschaftlich interessierter, aber doch laienhafter Leser es verstanden habe. Ich hatte schon lange den Verdacht gehegt, dass die Einsichten zu der die Erforschung des sehr Kleinen (Elementarteilchen) und des sehr Großen (Kosmos) führen, an den Grenzen der menschlichen Verstandes rütteln. Fischer jedoch drückt dies in leicht verständlicher Sprache aus und bringt so ein wenig Licht in die kognitive Nische zwischen Mikro- und Makrokosmos in dem mein kleiner Geist operiert.
Sehr aufschlussreich fand ich den Abschnitt über das Leben, wo Fischer nach dem Kapitel über die Evolution und die Revolution, die dieses Konzept ausgelöst hat, deutlich macht, dass der Genetik-Fanatismus der neuesten Gegenwart als Ausdruck einer deterministischen Sehnsucht des menschlichen Verstandes verstanden werden muss, dem in dieser Beziehung schon von Heisenbergs, Bohr und Co zu viel abverlangt wird. Und dass ist keine reine Polemik, sondern wird gestützt von harten Fakten der allerneuesten Forschung. Wissenschaftler haben nämlich in den vergangen zwei Jahren herausgefunden, dass Gene unser Leben nämlich gar nicht in der simplifizierenden Weise bestimmen, wie es gern von den Medien dargestellt wird. Dieses Kapitel sollte Pflicht Lektüre für alle sein, die in der Gen-Debatte mitreden wollen. (Und für alle, die in Biotech-Aktie investieren möchten.)
Wie gesagt, Fischers Ziel ist nicht die bloße Beschreibung. Sein größtes Anliegen ist das Plädoyer für eine neues Bündnis von Kunst und Wissenschaft, die sich seit der Descartes (Trennung von Geist und Materie) und Kopernikus (Trennung von sinnlich wahrnehmbaren und verstandesmäßig Erfassbaren) immer weiter voneinander entfernt haben und inzwischen als unvereinbare Gegenspieler angesehen werden: Fischer möchte beide als nicht nur gleichberechtigte sondern auch als sich ergänzende und bereichernde Partner verstanden wissen.
Fazit
Fischers Buch ist in diesem Sinne zwar als Antwort auf Schwanitz beschränktes Bildungsverständnis zu sehen, ergänzt dessen Buch aber nicht einfach nur um die fehlenden naturwissenschaftlichen Grundlagen. Dazu geht es zu wenig ins Details. Fischer leistet aber viel mehr - er ordnet ein und bewertet und zeigt wie nicht nur die sogenannte Kultur die Art bestimmt in der Wissenschaft betrieben wird, sondern dass dieser Mechanismus auch in umgekehrter Richtung wirkt.
Ansonsten gilt: Wer schon immer mal wissen wollte, was es mit dieser Quantenmechanik auf sich hat, was Einstein mit seiner Realtivitätstheorie wirklich gemeint hat, oder wie es passieren konnte, dass sich aus Affen halbwegs vernunftbegabte Wesen entwickelten und auch vor den erkenntnistheoretischen Zusammenhängen nicht zurückschreckt, die all diese Fragen verbinden, der sollte sich schleunigst "Die andere Bildung" zulegen. Absolut empfehlenswert.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Peter Bahner [Profil]
veröffentlicht am 20. Februar 2003

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