Hajo Schumacher: Die zwölf Gesetze der Macht

Die zwölf Gesetze der Macht

Verlag: Karl Blessing Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-89667-311-4

Preis: 2,60 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Die vorliegende Rezension zum Buch von Hajo Schumacher mit dem Titel "Die zwölf Gesetze der Macht. Angela Merkels Erfolgsgeheimnisse" soll einen umfassenden Einblick in das Werk des Autors liefern. Dabei werden schwerpunktmäßig die Darstellung der Hauptthesen und die Einordnung des Buches in die Gegenwartsliteratur erfolgen. Dieses Vorgehen erleichtert eine abschließende Bewertung des Buches.

2. Einordnung des Buches in die Gegenwartsliteratur

Wer von Angelika Merkel spricht - das lehrt das politische Geschehen der vergangenen Jahre - sollte davor gefeit sein, sie vorschnell zu beurteilen und damit potentiell zu unterschätzen. Als Helmut Kohl sie in die Regierung holte und als Familien- und Frauenministerin sowie ab 1995 als Umweltministerin in sein Kabinett aufnahm, wurde dieser Schritt allenfalls als kluger Schachzug des Kanzlers interpretiert. Von "Doppelter Quotenerfüllung" war die Rede: Eine Frau, die zugleich aus dem Osten kommt. Von ihrem politischen Talent zumindest, welches hinter dem Schatten Helmut Kohls als verschwindend klein galt, schienen die meisten nicht viel zu halten - ein großer Irrtum, wie wir heute wissen. Dennoch war ihr politischer Aufbruch ein Entschlossener und Besonderer, dem, wie Rupert Neudeck in seiner Rezension zum Merkel-Buch von Schumacher feststellt, durch seine strategische Entschlossenheit sogar ein jeder bisher gewohnter und zur Schau getragener "Betroffenheitstourismus" in allerlei Sachfragen fremd war. Viele Rezensenten deuten damit tendenziell einen besonderen Wesenszug bei Merkel an.
Der Autor Hajo Schumacher hat es sich zur Aufgabe gemacht, das politische Geschehen um und die politischen Strategien von Angela Merkel aus sich selbst heraus zu beschreiben. Er betrachtet die Kanzlerin in seinem Buch gleichsam phänomenologisch, abstrahiert von oberflächlichem Gerede und naiver Anschauung zugunsten einer ersten wesensgemäßen Schau des Phänomens "Merkel" innerhalb eines ganzen Buches. Schumacher ist sich in seiner Beobachterposition bewußt, dem Risiko entgangen zu sein, Merkel aus normativer oder parteitaktischer Befangenheit heraus vorschnell zu beurteilen. Er verfällt nicht dem oberflächlichen Geplänkel von Ablehnung und Ironie, womit sein Buch jenseits partikularer Gesinnung steht. Und tatsächlich: Wer wie er von "Erfolgsgeheimnissen" im Buchtitel spricht und diese zugleich in der Empirie - Angela Merkel als erste deutsche Kanzlerin - bestätigt sieht, kann sich in seinem Anliegen nahezu unmöglich geirrt haben.
Das Buch Schumachers ordnet sich ohne Zweifel in eine Reihe von Publikationen zu Angela Merkel ein, die in den vergangenen Jahren - gehäuft im Jahre 2005 - sowohl den Amtsantritt der Großen Koalition als auch Merkels politische Biographie verständlich zu machen sich vornahmen. Diese Bücher legten entweder Wert auf die Darstellung des politischen Weges der Kanzlerin in ihren eigenen Worten, befaßten sich mit ihrer Karriere aus der Perspektive beobachtender Personen oder abstrahierten von dem Genre der politischen Biographie, um vorrangig ein generelles Bild der Zukunft Deutschlands vor dem Hintergrund der ersten Kanzlerin zu malen.
Das Jahr 2006 - so läßt sich zum Ende desselben konstatieren - stellt eine Trendwende dar, da hier das erste Buch erschien, welches sich vorrangig mit der Frage von Merkels Weg zur politischen Macht auseinandersetzt. Diesen Trend setzt nunmehr Hajo Schumacher fort, wenn er in seinem 256 Seiten umfassenden Buch, welches im September erschien, die machtpolitischen Erfolgsrezepte Merkels detaillierter beschreibt. In diesem Buch tritt die persönliche Biographie Merkels, ostdeutsche Pfarrerstochter aus dem uckermärkischen Templin und einst geachtete Physikerin an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, völlig zurück. Diesen Weg verlässt der Autor nur, wenn die persönliche Biographie der Kanzlerin dazu geeignet ist, ihren machtpolitischen Weg verständlicher zu machen. Hier nun liegt der besondere Ansatz Schumachers.

3. Hintergrund und Motivation des Autors

Hajo Schumacher, Jahrgang 1964, studierte Journalistik, Politologie und Psychologie. Er arbeitete von 1990 bis 2000 beim SPIEGEL, zuletzt als Co-Leiter des Berliner Büros. Von 2000 bis 2002 war er Chefredakteur der Zeitschrift MAX in Hamburg und lebt heute als freier Autor in Berlin. Seit dem 30. August 2006 moderiert er gemeinsam mit dem ehemaligen BILD-Journalisten Hans-Hermann Tiedje die wöchentliche Gesprächssendung "Links-Rechts" auf N24. Schumacher hat bereits vor seinem Merkel-Buch diverse Schriften verfaßt und trat zudem über Kolumnen bei "Spiegel Online" (Pseudonym: Achim Achilles) in Erscheinung. Neben seinem 2004 erschienen Portrait zu Roland Koch ist sein neues Buch über Angela Merkel das zweite, welches sich mit Strategie und Lebenslauf deutscher Politiker auseinandersetzt. Daß Schumacher dabei von seinen bisherigen Publikationen und entsprechend absolvierten Reflexionen profitieren kann, macht das vorliegende Buch über Merkel deutlich, denn hier stellt er beide Personen gegenüber:
"Das Verhältnis der beiden (Koch/Merkel), widersprüchlich und gleichsam verwoben, erinnerte eine Weile an das Duo Lafontaine/Schröder, genauso machtbewusst, genauso grundverschieden. Koch ist der bessere Analytiker, Merkel die bessere Strategin. Er spricht eher die Bosse an, sie die Basis. Sie verfügt über einen Werkzeugkasten, der alles bietet vom Skalpell bis zur Dampframme, er fährt am liebsten Panzer. Er denkt mechanisch, sie systemisch. Er will Recht haben, sie will siegen. Vor allem aber: Sie ist eine Frau. Er dagegen gehört dem edlen Geschlecht an, das in der CDU von Natur aus führt. So jedenfalls sehen es die Hirsche der Partei." (120)
Schumacher traf Angela Merkel zum ersten Mal 1995, als sie gerade ihr Amt als Umweltministerin übernahm. Er hat sie seither regelmäßig zu Interviews, auf Reisen und Parteitagen gesprochen, so daß der Autor auf ein differenziertes Bild von der Kanzlerin zurückgreifen kann. Man merkt es dem Buch deshalb auch an, daß der Autor von Merkels erfolgreichem Agieren in der Spendenaffäre der CDU und ihrer zunächst unglücklichen Niederlage in der Kanzler-Frage gegen Edmund Stoiber beeindruckt ist. Dem aufmerksamen Leser wird dennoch schnell klar, daß er es hier mit angewandtem politologischem Sachversand zu tun hat, der zugleich die personellen Phänomene und Abläufe bundesdeutscher Politik zu verstehen und darüber hinaus sinnvoll in Korrelation zu setzen vermag, um - so der Politologe Karl-Rudolf-Korte in seinem Vorwort - nach tieferen Erklärungen zu suchen.

4. Grundthesen

Angela Merkel wird in diesem Buch als gesamtdeutsch, liberal, unerschrocken, neugierig, risikobewußt und patriotisch beschrieben. Faßt könnte man meinen, daß des dem Autor im Sinne eines bereits früher von ihm veröffentlichten Buches darauf ankommt, bei Merkel Eigenschaften konstatieren zu können, deren Existenz im gesamtdeutschen Bewußtsein des Volkes erst wieder entstehen müssen. So ranken sich die Grundthesen darum, was Merkel an politischen Instinkten mit sich bringt und welche Fähigkeiten sie sich im Laufe ihres Lebens angeeignet hat, um den höchsten Ämtern und den größten Depressionen zu genügen. In zwölf Kapiteln analysiert Schumacher die Hauptelemente ihres erfolgszentrierten Führungsstils. Seine Thesen lassen sich folgendermaßen verdichten:

• Der politische Erfolg Angela Merkels ist kein Zufall, sondern Ergebnis einer bewußten Machtstrategie.
• Ihre Standhaftigkeit gegenüber Rivalen und Kritikern in den vergangenen Jahren resultiert aus den Erfahrungen, die sie in der DDR sammelte, was ihr heute zum Vorteil gereicht.
• Der Mensch Angela Merkel wurde nicht zur mächtigsten deutschen Person, weil er weiblichen Geschlechts ist, sondern trotz dieser Tatsache. Sie kämpfte sich durch die Masse männlicher Konkurrenten: nachgiebig und mit starken Ellenbogen zugleich.

5. Ausführliche Zusammenfassung

Daß die Thesen stimmig sind und so manches politische Phänomen innerhalb Merkels Werdegang zu erklären vermögen, liegt auf der Hand. Dennoch fällt dem Leser auf, daß der Autor dergleichen Behauptungen (z.B. "Erfahrungen aus der DDR") nicht unbewiesen lassen kann. Seine Thesen bedürfen einer Tiefendimension, die er sogleich auch abliefert.
Er charakterisiert die Kanzlerin detaillierter als "Männerleserin", "Freibeuterin" und "Brückenbauerin" und zeigt anhand dieser Charakteristika ihren Willen zum Sieg ebenso auf, wie ihre Fähigkeit, mit naturwissenschaftlichem Denken Probleme zu bewältigen. Auch besitze Angela Merkel neben "protestantischer Arbeits- und Bescheidenheitsethik" durch ihre Herkunft "Züge eines modischen Retroschicks". (31) Der Leser bekommt ausführlich erklärt, wie Merkel, die alle ihre Kämpfe im Namen der Freiheit geführt habe, eine Herrscherin wurde, die sich Respekt verschaffte. Schumacher weiß beispielsweise:
"Wie sie Koch schließlich als Rivalen losgeworden ist, zeigt prototypisch Merkels Umgang mit Männern. Sie hat ihn nicht erledigt; die Kraft dazu hätte sie kaum gehabt. Aber sie hat ihm Fallen gestellt und auf den Moment gewartet, an dem sich einige typisch männliche Wesenszüge von allein Bahn brechen würden, vor allem Ungeduld und Eitelkeit. Angela Merkel ermordet ihre Konkurrenten nicht. Sie wartet darauf, dass die sich selbst erledigen." (121)

5.1 "Männerleserin" (118ff.)

Mit diesem Punkt spricht Schumacher einen zentralen Aspekt an. Die Spendenaffäre in der CDU vom Dezember 1999 - von Schumacher selbst nur marginal abgehandelt - war bekanntlich ein Schock, der ungeahnte personelle Konsequenzen mit sich zog. Ehemalige Führungspersönlichkeiten, männliche Gegenspieler galten seit dem 4. November 1999 als Betrüger. In dieser düsteren Phase in der Geschichte der Union wurde wegen Steuerhinterziehung Haftbefehl gegen Walther Leisler Kiep, ehemaliger CDU-Schatzmeister, erlassen. Kiep erhielt im August 1991 eine Millionen DM vom Waffenhandelslobbyisten Karlheinz Schreiber und leitete diese als Spende an die Union weiter. Die Geschäfte einiger Vertrauter Helmut Kohls boten intern das Bild einer straff organisierten Partei dar, der sich Merkel zu stellen hatte und dies auch erfolgreich tat.
Im November 1999 fiel es nunmehr ihr zu, die Öffentlichkeit aufzuklären. Schließlich gaben auch Ex-Generalsekretär Heiner Geißler und Helmut Kohl zu, über die Millionenspenden informiert gewesen zu sein. Bedeutende männliche Persönlichkeiten gerieten in Verruf, und Merkel absolvierte in Pressekonferenzen - häufig hilflos aber erfolgreich - die Aufgabe, gnadenlose Aufklärung zuzusichern. Sie eignete sich aus der Not heraus einen Umgang mit ihren männlichen Mitstreitern aber auch Kontrahenten an. Dieser Umgang, der sie gestärkt aus der Krise hervorgehen ließ und den sie - es sei an die Fälle Merz, Koch und Wulff erinnert - immer wieder anwendete, sicherte ihr nachhaltig Vorteile in der Partei. Fast wünschte man sich, daß Schumacher hier noch mehr Details für seine "Männerleserin"-These bietet. Er stellt zu Recht fest, daß sich Merkels vermeintliche Opfer "fast immer selbst erledigt" (118) haben. Sie agierte bekanntlich hervorgehend aus dem souveränen Umgang mit männlichen Kontrahenten anschließend dauerhaft offensiv. Mit dieser Ansicht einer mit festem Standbein agierenden Angela Merkel befindet sich Schumacher im Einklang mit Verlautbarungen der Zeitung "Spiegel" aus dem Jahre 2000, war Schumacher bei dieser Zeitung doch selbst zehn Jahre lang beschäftigt. Freilich bietet er hingegen hier die erste geballte Analyse zu Merkels Strategie.

5.2 "Freibeuterin" (169ff.)

Im Zentrum von Merkels weiterer Strategie auf dem Wege zum Erfolg stehen in der Analyse Schumachers ihre außerordentlichen Fähigkeiten, Netzwerke zu knüpfen, zu pflegen und strategisch zu nutzen. Dazu gehöre auch das Wissen darum, wie ihre Rivalen funktionieren. Dieses Wissen und ihre verwegene Art - ihr "Gemüt einer Seeräuberin" (169) - habe ihr, so Schumacher, eine permanente politische Beute gesichert. Er zieht auch hier den Bogen zu Merkels DDR-Erfahrungen: Sie sei eine grandiose Seilschaftlerin, die grundsätzlich siegen will und sich gern unterschätzen läßt. Das in der DDR lebensnotwendige Heimlichtun habe sie deshalb verinnerlicht und weiter angewandt. Zur Freibeuterei gehört nach Schumacher auch das Bilden von Banden und das strategisch einzugehende Risiko. Einen wichtigen Aspekt in diesem Zusammenhang hätte Schumacher allerdings weiter als nur auf einer Seite (187) ausführen können: den FAZ-Artikel von 1999.
Der entschiedene Sprung, die politische decision, erfordert eine schnelle Auffassungsgabe, welche den Sprung zum richtigen Augenblick ermöglicht. So geschehen etwa am 21. Dezember 1999. Merkel wollte den Aufklärungsprozeß und einen Neuanfang in der CDU beschleunigen. Die 46-Jährige rief am 21. Dezember 1999 den damaligen Korrespondenten Karl Feldmeyer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) an und schlug ihm ein Gespräch vor. Am 22. Dezember 1999 erschien der Artikel Angela Merkels. Heute gilt er als das historische Dokument für den von Merkel initiierten Bruch der CDU mit Helmut Kohl: "Die von Helmut Kohl eingeräumten Vorgänge haben der Partei Schaden zugefügt," schrieb sie. Die Partei müsse laufen lernen und "sich zutrauen, in Zukunft auch ohne ihr altes Schlachtross, wie Helmut Kohl sich selbst gerne genannt hat, den Kampf mit dem politischen Gegner aufzunehmen. Sie muß sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen."
Während innerparteiliche Konkurrenten schwiegen, nutzte Merkel den richtigen Augenblick, um sich in Szene zu setzen. Niemand außer ihr hatte den Mut und die Unabhängigkeit, derartiges zu publizieren. Merkel ging ihr größtes politisches Risiko ein. Sie war tatsächlich "Freibeuterin" und in gewisser Weise dadurch "Männerleserin". Hajo Schumacher setzt mit seiner trefflichen Terminologie am Beispiel vieler weiterer Begebenheiten neue Maßstäbe.

5.3 "Brückenbauerin" (154ff.)

Schumacher schreibt ferner: "Wie ihr politischer Ziehvater regiert auch Angela Merkel per Telefon. Sonntags nach dem Mittagessen fängt sie an, Vertraute und wichtige Parteimitglieder anzurufen. Vor Beginn des ‚Tatort‘ ist sie selten damit fertig. Sie ermittelt Stimmungen, organisiert Mehrheiten, droht und tobt." (80) Dieses Kapitel kann als eines der zentralen des Buches gelten, da die Szenen, in denen Schumacher die Kanzlerin beschreibt, einen bisher nie dagewesenen und humorvollen Einblick in ihre Wesensart bieten. Er offenbart, daß diese Frau neben risikobewußten Mauern auch strategische Brücken zu bauen in der Lage ist. "Die Zeit Kohls ist unwiederbringlich vorüber" lautete die Schlagzeile in der FAZ. Die Spendenaffäre machte ihr auf diese Weise klar, wie wenig sie trotz acht Jahren Regierungs- und Parteiarbeit in das Machtzentrum vordrang. Im Fall der Spendenaffäre war das ein Vorteil, und als solchen spielte sie ihre bisherige Randstellung aus - baute Brücken zu medialen Vermittlern und neuen personellen Strukturen in der Partei. Sie wußte tatsächlich die Freiheit, die ihr aus dem bestandenen Risiko erwuchs, zu nutzen. Ihr Amt und ihre politische Erfahrung hatten sie als Mensch - soziologische Studien erkannten dieses Phänomen bei Politikern bereits früher - verändert. Merkel repräsentiere einen verbindenden "gesamtgesellschaftlichen Vermittlungsausschuss" (154).
Schumacher betont in diesem Zusammenhang wiederum, daß Abenteuer und Freiheit die Sehnsüchte Merkels in der DDR gewesen seien. Der Westen habe ihr die demokratische Basis geboten, um dieses Streben schließlich auszuleben. Da ihr Vater 1954 als Pastor mit ihr in den sozialistischen und zugleich per definitionem atheistischen Teilstaat des Ostens ging, tat er dies - heute wenig bekannt - aus missionarischer Überzeugung. Merkels Sehnsüchte könnten damit tatsächlich über die Jahre so gereift sein, wie es Schumacher beschreibt. Das politische Verständnis der jungen Angela Merkel beruhte - so auch Schumacher - nicht auf erlebter Erfahrung, sondern auf dem erträumten Kontrast zwischen Ost und West. Diesen Kontrast verknüpft Schumacher trefflich mit Merkles praktischer politischer Motivationslage und verortet hier u. a. ihr Streben nach verbindenden Brücken. Freiheit und Demokratie bargen für sie das Potential zum Brückenbau zwischen Menschen. Nun repräsentiere sie selber die Einheit so vieler konträrer sozialer Gruppen. (156) Schumacher bezieht sich immer wieder auf ihren biographischen Hintergrund und erklärt aus ihm das heutige Handeln der Kanzlerin. Dem reflektierenden Leser erscheint das sehr plausibel.

6. Bewertung und Kritik

"Gehe ins Offene" - so habe ein guter Freund Merkels ihr einst ein Buch gewidmet. Das Buch von Hajo Schumacher suggeriert womöglich unbeabsichtigt aber erstaunlich komplementär, daß Merkel diese Forderung tatsächlich auslebte, wodurch sich ihr Drang danach, freiheitsbewußt, machtbewußt aber auch kühn zu agieren manifestierte. Schumachers Buch, welches entsprechende Beweise und Grundschemata des Verhaltens präsentiert und welches ferner interessante Interpretationen auf der Basis persönlicher Bekanntschaft mit der Kanzlerin darbietet, ist dadurch ausgesprochen lesenswert. Es zeigt, daß Merkels politischer Erfolg tatsächlich nicht zufällig ist und höchst unterschiedliche biographische und motivationale Facetten aufweist, die über bloße Begriffe oder Meinungen seitens ihrer Kritiker kaum erfaßbar sind. Es bietet gleichsam einen interpretativen und hermeneutischen Schlüssel zu der Tür, hinter der sich das Wesen der Machtpolitik verbirgt, um zugleich damit den Aufstieg Angela Merkels als Physikerin zur Bundeskanzlerin vor dem Hintergrund ihrer eigenen Verantwortungs- und auch Gesinnungsethik beispielhaft verständlich zu machen.

Ist der Titel "Die zwölf Gesetze der Macht" zwar irreführend, da Schumacher diese an keiner Stelle expliziert, so spricht er dennoch kapitelweise in geradezu niezscheanischer Manier von Merkels Willen zur Macht und betont, daß sie mit Nietzsche sogar das protestantische Pfarrerelternhaus verbindet. (35) Ferner betont er ihre solide Ausbildung (92ff.), die Eroberung der Partei (53ff.) und ihr Frauennetzwerk (82ff.). Schumacher zeigt, daß Merkel weiß, wie man Risiken minimiert ohne sie ganz zu scheuen. (143ff.) Das ist eine erstaunliche Leistung, die sich zugleich durch zwei in diesem Buch vorhandene Ebenen als fruchtbar erweist: witzige Beschreibungen der Kanzlerin und ihrer Konkurrenten konvergieren mit sorgfältigen politologischen Analysen. Freilich hinterläßt das beim Leser eine immanente Sympathie für die Kanzlerin. Diese Sympathie gibt zu bedenken, ob der Autor nicht selbst dem von vielen Menschen verkannten Charme Merkels erlegen gewesen sein könnte. So bleiben auch einige womöglich dieser Haltung geschuldete Widersprüche bei vollendeter Lektüre zurück. Zunächst nennt Schumacher die Vorsicht als die Machtstrategie Merkels. "Misserfolge vermeiden" (143) heiße ihre Grundmaxime. Hingegen ist das Kapitel über die "Freibeuterin" ein literarisches Stahlgewitter des Mutes: "Ich fürchte mich vor nichts!" (169) heißt es dort über ihre "Piratenseele" (169). Vielleicht ist es aber gerade in Verlängerung des dialektischen Bildes die Koinzidenz des Gegensätzlichen, die das Wesen Merkels ausmacht und die Schumacher freiweg artikulieren wollte. Das Ergebnis dieser Studie über die deutsche Bundeskanzlerin kann sich jedenfalls sehen lassen. Es ist komplex, sperrig und in jedem Fall nicht Durchschnitt - wie das politische und menschliche Wesen der Kanzlerin selbst, was es bekanntlich für sie schwermacht, von allen geliebt zu werden oder analog dazu für das Buch Schumachers erschwert, jedem Leser kompromißlos zuzusagen.
Hinter Merkel - so bleibt zu bilanzieren - steckt eine ganz eigene Art zu denken, ein eigenes Prinzip - einerseits wissenschaftlich nüchtern, andererseits mit viel Gefühl, einerseits vorsichtig und andererseits mit ungehemmtem Risikobewußtsein. Im Sinne Niccolò Machiavellis ist es ihr gelungen, aus der persönlichen vertú (Tugend) heraus die occasione (politische Gelegenheit) alltäglich und entschieden beim Schopfe zu packen, um aus der Schwäche eine strategische Überlegenheit erwachsen zu lassen. Das Bewahren und ansatzweise Wiederherstellen der Glaubwürdigkeit der CDU bis hinein in ihr eigentliches Stammwählerpotential bleibt eine besondere Herausforderung der Gegenwart. Angela Merkel hat sie für sich gemeistert und sich damit einen Platz in der Galerie der berühmtesten deutschen Frauen gesichert. Es bleibt zu hoffen, daß ihr "Prinzip" immer mehr zu demjenigen ihrer Partei wird.
Fazit
Das vorliegende Buch gewährt einen neuen Blick auf die erste Bundeskanzlerin, um diese anhand ihrer eigenen machtpolitischen Strategien bewerten zu können.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 18. Juni 2007

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