Martin Kluger: Die Gehilfin

Die Gehilfin

Verlag: DuMont Buchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-8321-7845-1

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Der Berliner Tischler Paul Mahlow aus der Langen Straße hatte seiner Mutter auf dem Sterbebett versprochen, nie eine Rothaarige oder Schwarzhaarige und erst recht keine rot- oder schwarzhaarige Katholikin zu heiraten. Doch aller Aberglaube bringt Paul wenig Glück, seine Frau Luise stirbt bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Henrietta. Der alllein erziehende Vater Paul findet eine Stelle als "Krankenwärter" auf der Tuberkulosestation der Berliner Charité und nimmt seine kleine Tochter häufig mit zur Arbeit. Henrietta wird bald zum Maskottchen der Ärzte und Forscher: Virchow, Koch, Ehrlich, Behring - Henrietta lauscht fasziniert den einander in herzlicher Eifersucht verbundenen Herren in Weiß. Anfangs glaubt die Kleine, unter ihren Mikroskopen würden die Mediziner der Charité das Nichts untersuchen - es sind Bazillen, deren Existenz und Verbreitung noch zu beweisen ist. Henrietta fragt, beobachtet, liest heimlich nächtelang.

Im Jahr 1900 wurde in Deutschland die erste Medizinstudentin immatrikuliert - 50 Jahre später als in den USA und anderen europäischen Ländern. Ärztinnen wie Dorothea Erxleben oder Charlotte Heidenreich waren absolute Ausnahmen. Lydia Rabinowitsch-Klempner, eine der ersten Professorinnen in Deutschland, arbeitete und forschte jahrelang ohne Bezahlung. Erst 1920 konnten Frauen sich auch in Deutschland habilitieren. Es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis Mädchen in Schulen und Universitäten gleiche Bildungs-Chancen erhielten.

Zu Henriettas Zeit behaupteten Mediziner, dass Wissen Mädchen schade und das weibliche Gehirn nicht zum Studieren und Forschen geeignet sei. Klugers couragierte Berlinerin ist der beste Beweis, dass schon damals mit weiblichen Gehirnen alles in Ordnung war. Robert Koch zahlt dem straßenlaternengroßen, wildhaarigen Wesen das Schulgeld - mehr kann ein Mädchen aus der Unterschicht in der wilhelminischen Zeit nicht vom Leben erwarten. Doch Henrietta ist überzeugt davon, dass die Zukunft dem gehört, der fragt. Die kesse Göre, die keine Arbeit scheut und jeden Pfennig spart, verkörpert in Klugers Roman die Verbindung zwischen den Mikrobenjägern und dem wirklichen Leben der Tuberkulosekranken. Henriettas Idole sehen in ihr nicht mehr als ein nützliches "Mädchen für alles". Frauen sollen heiraten und für eine Familie sorgen; als medizinische Berufe sind allenfalls Krankenwärterin oder Laborantin denkbar. Henriettas Wissbegier und Forschungsdrang treiben sie dazu, sich mit der Hilfe des Friseurs Max in den Studenten Henry Wittig zu verwandeln und als Mann in den Vorlesungen zu erscheinen. Doch trotz haarsträubender Versuche, ihr Talent zu beweisen, wird sie an den verknöcherten Vorstellungen ihrer Zeit scheitern.
Fazit
Martin Kluger beschreibt mit Wärme und Humor eine erfundene Gehilfin realer Personen, die zur Gründerzeit die Entdeckung des Tuberkulose-Erregers miterlebt. Kluger vermittelt in seinem mitreißenden Roman absolut authentisch Sprache, Gedanken und Gefühle einer jungen Frau der Unterschicht und erweckt gleichzeitig ihre Stadt und ihre Epoche zum Leben.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 02. Juni 2007

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