Anne McLean Matthews: Die Höhle

Die Höhle

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-596-13961-3

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Manchmal - besonders am Abend eines anstrengenden Tages - verspüre ich das Bedürfnis, mich von einem Roman auf intelligente Weise unterhalten und in eine fiktive Welt entführen zu lassen, die meinen Geist in einer ganz anderen Art beansprucht als mein Alltag. Wenn ein solcher Roman ein mich inspirierendes Thema hat und eine schlüssige und überschaubare Handlung, wenn er klug komponiert ist, sprachlichen Genuß bereitet und mit psychologischem Tiefgang flüssig erzählt wird, mithin also schriftstellerisches Können beweist, dann ziehe ich ihn selbst einem guten Spielfilm vor, denn er regt meine Phantasie dazu an, mir bei der Lektüre meinen eigenen Film zu zeigen. Anne McLean Matthews' Buch "Die Höhle" ist ein solcher Roman. Ich verdanke ihm drei lange Abende fesselnder Begeisterung.

Helen Myrer, eine fünfundvierzigjährige engagierte Psychologin in verantwortungsvoller Position mit langjährigen Erfahrungen im psychologischen Sozialdienst und Mutter zweier Kinder, hat sich entschlossen, für zwei Wochen Urlaub in einem sehr abgelegenen Ferienhäuschen am Lake Glory in New Hampshire zu machen, wo sie zwölf Jahre davor schon einmal mit ihrem vor kurzem verstorbenen Ehemann eine sehr glückliche Zeit verlebt hat.
Schon am Ankunftstag, als sie voller Erinnerungen durch die Räume geht, bemerkt sie im Schatten einen Mann mit einer Strumpfhose über dem Gesicht und einem Messer in der Hand. Da er sich ihr aber nicht nähert, beschließt sie, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen und so zu tun, als ob sie von der Anwesenheit des Fremden nichts wüßte, und dann zu fliehen. Aber ihre Autoschlüssel sind nicht mehr da, und als auch ein Notruf mißlingt, weil das Telefon nicht funktioniert, begreift sie den Ernst ihrer Lage. Außerdem zeigen ihr direkte und symbolische Handlungen des Fremden aus dem Verborgenen heraus unmißverständlich, daß sie sich in großer Gefahr befindet. Ihr Versuch, zu Fuß zum nächsten Grundstück zu fliehen, scheint zu gelingen, denn sie wird nicht verfolgt. Aber als der Fremde sie dort bereits erwartet, wird ihr bewußt, daß dieser Fluchtversuch in seiner Absicht gelegen hat. Auch später entdeckt sie immer wieder, daß alles, was sie tut, sich nachträglich als Teil seines Planes erweist, der offenbar vorsieht, sie in einem präzise durchdachten und brutal inszenierten Katz-und-Maus-Spiel psychisch zu foltern.
Helen erkennt im grausam raffinierten Verhalten ihres Peinigers, der ihr dann auch körperliche Schmerzen und Wunden zufügt, einen hochintelligenten Psychopathen. Ihr fachliches Wissen um psychologische Wirkungsmechanismen und die Worte, die ihr zur Verfügung stehen, sind ihre einzigen Werkzeuge gegen die Übermacht dieses Menschen, der sie vollkommen in seiner Gewalt hat, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Sie setzt alle professionellen Methoden ihres Metiers ein, den Kranken emotional zu beeindrucken und psychisch zu beeinflussen, täuscht schließlich gar Liebe zu ihm vor und verspricht, ihm als seine Therapeutin Heilung zu bringen, wenn er sie freiläßt. Immer wieder scheint sie mit ihren Manipulationsversuchen auch Erfolg zu haben, bis sie jedes Mal erkennen muß, daß er das Spiel umgedreht hat und in Wirklichkeit er der Manipulierende ist. Mit jedem Versuch, Gewalt über den gefährlichen Mann zu bekommen, liefert sie sich ihm immer mehr aus. Erschreckender als die körperliche Gewalt, die Helen erdulden muß, ist der allmähliche Verlust von Würde und Willen, von Selbstbewußtsein und Selbsterhaltungstrieb, den sie, eine moderne und gesellschaftlich hoch anerkannte Frau, bis dahin niemals für möglich gehalten hätte.
Nach und nach erschließen sich Helen die krankhafte Persönlichkeitsstruktur des Wahnsinnigen und die Hintergründe seines triebhaften Handelns, das ihn zu einem Serienmörder gemacht hat. Sie begreift, daß er nicht anders kann, als nun auch sie, wie schon viele andere vor ihr, ganz langsam und schrittweise zu Tode zu bringen, und daß es gerade diese Langsamkeit des Quälens ist, die ihm höchste - auch sexuelle - Befriedigung gibt. Die Handlung führt zu fürchterlichen Szenen an abscheulichen Orten, und bis zuletzt bleibt die Frage offen, ob es für Helen am Ende doch noch ein Entrinnen aus dem teuflischen Labyrinth geben wird.

Die Handlung wird im Imperfekt aus der Sicht eines Erzählers mit einer einheitlichen und gegenüber dem Geschehen und dem Leser neutral gehaltenen Darstellungsweise entwickelt. Zu dieser Erzählperspektive gehört, daß zukünftige Ereignisse nicht bekannt sind und also auch niemals angedeutet werden. So bleibt die Spannung bis zum Schluß erhalten. Aufgebaut und über die gesamte Länge von 299 Seiten durchgehalten wird die Spannung vor allem dadurch, daß die männliche Hauptfigur als eine undurchsichtige Persönlichkeit mit unvorhersehbaren Verhaltensweisen konzipiert ist und daß die Handlung immer wieder neue und unerwartete Wendungen erfährt. Dazu kommt, daß durch ein in der zweiten Hälfte des Romans sich verstärkendes Tempo der Schreckensereignisse eine Komprimierung der Erregungsmomente und eine Zuspitzung der Dramatik erfolgt, die sich erst auf den letzten drei Seiten plötzlich löst. Die scheinbar erfolgreichen Manöver Helens, die sich dann aber doch stets als trügerisch herausstellen, bringen eine zusätzliche Dynamik ins Spiel. Der Roman beginnt im ganz unspektakulären Alltagsleben und gleitet dann allmählich immer tiefer in eine unheimliche Welt hinein, die den Leser zusehends gefangennimmt. Im letzten Kapitel kulminieren die sich schließlich zu einem Ganzen zusammenfügenden Einzelerkenntnisse wie zu einem machtvollen Schlußakkord einer Symphonie. Mit den letzten Sätzen läßt die Autorin einen aufgewühlten und erschütterten Leser zurück.
Der Roman, dem ein einziger, konsequent und bruchlos durchgeführter, in sich stimmiger Handlungsstrang zu Grunde liegt, ist in neunzehn nicht zu lange Kapitel gegliedert, deren Titel jeweils einen Schwerpunkt im Handlungsfortgang bezeichnen. Hin und wieder sind zwischen zwei Kapitel Tagebuchnotizen eingefügt, in denen vom Erzähler mitgeteilte Ereignisse noch einmal aus der Sicht des Psychopathen betrachtet werden. Das gibt der Konstruktion die Andeutung einer zweiten Perspektive.

Dem Tempo des unberechenbaren und aktionsreichen Geschehens entspricht die sprachliche Form in gelungener Weise: Die Autorin arbeitet viel mit direktem Dialog, benutzt kurze Sätze und treffende Worte und kann mit sparsamen sprachlichen Mitteln sehr lebendige Vorstellungen beim Leser erzeugen. In der wörtlichen Rede differenziert und charakterisiert sie anschaulich die Wesenszüge der beiden Hauptfiguren und damit auch in überzeugender Weise die krankhafte Gedanken- und Gefühlswelt des Triebtäters. In kurzen, aber eindrucksvollen Passagen reflektiert der Text sensibel innere psychische Vorgänge und besonders Helens dramatisch sich zuspitzende körperliche und seelische Verfassung. Der Erzählstil entspricht der beabsichtigten realistischen und sachlichen Darstellung des haarsträubend Grauenhaften. Er wird einheitlich durchgehalten und ist bei aller Schlichtheit und Emotionslosigkeit doch wohlgeformt und von künstlerischem Anspruch.
Fazit
Dieser Roman hebt sich wohltuend ab von jenen vordergründig action-orientierten Horrorschockern der gegenwärtigen Trivialliteratur, die einen fragwürdigen Zeitgeschmack eines bestimmten Publikums bedienen wollen. Die Autorin hat nicht die Absicht, eventuelle voyeuristische Bedürfnisse beim Vorführen von Abnormität, Perversität und Verbrechen zu befriedigen oder gar niedere Instinkte zu wecken. Die Texanerin hat selbst Psychologie studiert, und man spürt, daß sie sehr wohl weiß, wovon sie schreibt. Sie erzählt das Ungeheuerliche mit Redlichkeit und Seriosität und ohne Effekthascherei. Mit ihrer fiktiven Geschichte, die trotzdem im künstlerischen Sinne durch und durch realistisch ist, erlaubt sie dem Leser mit dem Blick in die "Höhle" zugleich einen Einblick in die erschreckenden Abgründe der menschlichen Seele, in extreme Grenz- und Ausnahmesituationen der menschlichen Existenz und in das Instrumentarium der wissenschaftlichen Psychologie. Dabei stellt sie die Person des Kranken nicht als verabscheuungswürdiges Monster dar, wie die Öffentlichkeit es heutztutage allzu gern tut, sondern als jemanden, der trotz seiner abartigen Grausamkeit ein Mensch ist, für dessen So-Sein es Ursachen gibt, der deshalb Einfühlsamkeit, Verständnis und eine Therapie verdient und dem trotz allem die Menschenwürde nicht abgesprochen werden darf. Sie macht deutlich, daß die Potenz des Bösen in uns allen angelegt ist und daß wir mit unserem Verurteilen anderer immer auch das Urteil über uns selber sprechen. Nicht zuletzt diese zutiefst humanistische Grundhaltung macht den Roman neben seinen vielen anderen Vorzügen lesenswert. Ich werde ihn in meinem Regal neben Robert Harris' "Schweigen der Lämmer" stellen, und sollte er einmal verfilmt wären, was ich mir sehr gut vorstellen könnte, dann möchte ich Götz George in der Hauptrolle sehen.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Eberhard E. Küttner [Profil]
veröffentlicht am 16. Februar 2003

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