Brigitte Peskine: Die süssen Wasser Europas

Die süssen Wasser Europas

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-492-03945-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Die 1898 geborene Rebecca Gategno wächst im damaligen Konstantinopel als jüngste Tochter einer Familie sephardischer Juden auf. Die Sephardim wurden 1492 aus Spanien vertrieben und sprechen den romanischen Dialekt Ladino. Das Judentum schien für die Gategnos eher ein Lebensstil als eine Religion zu sein. Ihr religiös geprägter Lebensstil durfte auf keinen Fall verändert oder in Frage gestellt werden, damit sie sich stets klar von anderen Volksgruppen abgrenzen konnten. Zur Zeit der Jahrhundertwende war das Nebeneinander der verschiedenen Religionen im damaligen Konstantinopel exakt geregelt. Jede Religionsgemeinschaft benutzte an festgelegten Tagen den Hamam und blieb dort unter sich. Die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau gebot, dass Frauen im Haus blieben und sich um das leibliche Wohl des Familienclans kümmerten, während die Männer ihren Geschäften nachgingen.
Die wissbegierige Rebecca kämpft von klein auf um ihre Schulbildung. Sie stellt fest, dass zwischen dem Recht auf Schulbesuch und dem Recht auf Bildung ein feiner Unterschied besteht. Sie hat 7 Wochenstunden Handarbeitsunterricht. Ihre Brüder und alle anderen Jungen lernen währenddessen 7 Stunden Türkisch; denn sie sollen später die väterlichen Geschäfte führen. Zu Rebeccas Zeit waren die Sephardim in Konstantinopel traditionsgemäß frankophil und schickten ihre Kinder auf französische Schulen. Als über Rebeccas Zukunft debattiert wird, zeichnen sich innerhalb und außerhalb der Familie Gategno bereits gewaltige gesellschaftliche Umbrüche ab. Im Inneren hat "Senor Padre" plötzlich seine Autorität gegenüber kritischen Töchtern und politisch interessierten Söhnen zu rechtfertigen. Außerhalb strebt Atatürks Kemalismus eine Trennung von Religion und Staat in der Türkei an. Der alte Gategno, amtierender Patriarch eines ausgedehnten Familienclans, kann sich mit den politischen Veränderungen in der Türkei und in der Welt ebenso wenig abfinden wie mit dem Freiheitsdrang seiner Kinder. Nach seinem Tod übernimmt Rebeccas Bruder die klassische Patriarchenrolle, obwohl er längst im Paris des 20. Jahrhunderts lebt.
Rebecca wird nach der Grundschule zum Schulbesuch nach Paris geschickt und träumt eher von einer Tätigkeit als Lehrerin als von einer Wertsteigerung auf dem Heiratsmarkt durch den Schulabschluss. Der plötzliche Tod ihrer Schwester Adela macht alle Träume zunichte. Rebecca beugt sich dem Diktat der Familie, geht eine Vernunft-Ehe mit ihrem Schwager ein und zieht ihre drei kleinen Neffen und Nichten auf. Erst nachdem die Kinder erwachsen sind, kann Rebecca an ein eigenes Leben denken.
Fazit
Brigitte Peskines historisch-biografischer Roman beschreibt lebendig das Konstantinopel der Jahrhundertwende. Ihr Buch rundet das Istanbul-Bild Orhan Pamuks mit dem Blick aus einer anderen Zeit und aus weiblicher Perspektive ab. Die "süßen Wasser Europas" sind ein beliebtes Ausflugsziel in Istanbul, zwei Flüsse, die in das Goldene Horn münden. In den ersten Kapiteln konsequent aus der Perspektive der kleinen, schulpflichtigen Rebecca zu erzählen, gelingt Brigitte Peskine nur teilweise. Sie überfrachtet ihre Hauptperson mit zu vielen historischen Fakten, die der erwachsenen Rebecca im Rückblick bewusst gewesen sein werden, nicht aber der behüteten Grundschülerin. Peskines fesselndes Frauen-Portrait ist in die Schilderung einer eingeschworenen Religions-Gemeinschaft integriert, die von der Abgrenzung nach außen so absorbiert wird, dass sie den Anschluss an die Entwicklungen der Gegenwart verliert.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 08. März 2007

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