Petra Gerster, beruflich erfolgreiche Vertreterin einer deutschen
Nachkriegsgenerationen, die während der Wiederaufbau-Jahre von optimalen
Bildungschancen für Frauen profitierte, legt ihre persönliche Bilanz vor. Sie
selbst wuchs mit dem Vorbild einer tatkräftigen, selbstbewussten Mutter auf und
wollte von ihrem eigenen Leben "alles" - Beruf und Familie. Viele
ihrer Zeitgenossinnen wussten damals genau, was sie wollten: nicht wie die
eigene Mutter finanziell abhängig sein. Die Abiturientinnen ihres Jahrgangs
studierten, übten ihren Beruf aus und wünschten sich Kinder.
Die Autorin beginnt ihren nachdenklichen Rückblick mit der Betrachtung des Lebensweges ihrer Mutter, die eine große Familie versorgte, nach dem 45. Lebensjahr zum ersten Mal ihr Leben genießen konnte und sich nach Kräften bemühte, im Alter von über 60 Jahren das Leben einer "unwürdigen Greisin" zu führen. Petra Gerster wuchs behütet in einem katholischen, liberalen Elternhaus auf, in dem Bildung für alle Kinder nachdrücklich gefördert wurde. Ihre erste Reifeprüfung, den Kontakt mit dem "wirklichen Leben", erlebte sie in verschiedenen Ferienjobs: bei der Weinlese, als Kellnerin und Schwesternhelferin. Ihr Studium, ihre Einblicke ins durchschnittliche Chaos einer studentischen Wohngemeinschaft, ihre Erlebnisse mit der Studenten- und der Frauenbewegung beschreibt sie sachlich und humorvoll aus der Sicht einer schon damals selbstbewussten Frau. Das Frauenbild der 60er Jahre, die Darstellung von Frauen in der Literatur und besonders das Frauenbild männlicher Vorgesetzter in den Medien analysiert Gerster kritisch. Sie erfuhr im Berufsalltag sexuelle Übergriffe von Vorgesetzten und erlebt heute wie ältere Kolleginnen heruntergemacht werden. Die finanzkräftigen Über-50-jährigen sollen zwar als Konsumenten den wirtschaftlichen Aufschwung anstoßen; als Zuschauergruppe wurden sie bisher von Fernsehsendern weitgehend ignoriert. Der Marginalisierung der Zuschauergruppe folgt die Entfernung älterer Mitarbeiterinnen vom Bildschirm. Die gefühlte Öffentliche Meinung, wann eine alternde Person auf dem Fernsehschirm ihr Verfalldatum überschritten hat, wird über Gersters weitere Karriere und die ihrer Kolleginnen entscheiden. Fazit
Petra Gerster beschreibt lebendig, wie Mädchen "aus gutem Haus" im
Westdeutschland der 50er Jahren aufwuchsen. Sie gibt nüchtern Einblick in die
wenig glamourösen Arbeitsbedingungen in Zeitungs-Redaktionen und hinter den
Kulissen des Fernsehens. Mit dem Altern setzt sie sich aus der Perspektive einer
Prominenten auseinander, die fast täglich im öffentlichen Interesse steht.
Gersters verbale Verschwesterung - "Wir Fünfziger-Jahre-Mädchen" -
grenzt ihre Generation von der 10 Jahre jüngeren "Generation Ally" ab.
Ihr Sachkapitel über die Wechseljahre ist sorgfältig recherchiert. Zur
Auseinandersetzung der Leserin mit dem eigenen Altern finde ich das Buch weniger
geeignet.
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