R. Scott Bakker: Schattenfall. Der Krieg der Propheten 1

Schattenfall. Der Krieg der Propheten 1

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Fantasy
ISBN-13 978-3-608-93783-1

Preis: 14,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Leser von Fantasyliteratur haben es nicht immer leicht: Oft schütteln viele Leute den Kopf über Bücher, in denen von Fabelwesen und mythischen Helden die Rede ist. Wer sich genauer mit dem Genre beschäftigt, wird die enorme Bandbreite erkennen, die von recht billigen Geschichten über Harry Potter bis zur High-Fantasy reicht. Letzere nimmt für sich in Anspruch, durchaus anspruchsvollere Geschichten zu erzählen. In den letzten Jahren erlebte die High-Fantasy eine regelrechte Renaissance: Speziell seien Autoren wie George R. R. Martin ("A Song of Ice and Fire"), Robin Hobb ("Farseer", "The Tawny Man" etc.), Steven Erikson ("A Tale of the Malazan Book of the Fallen"), J. V. Jones ("Sword of Shadows") und nicht zuletzt Guy Gavriel Kay ("Sarantium", "Last Light of the Sun" etc.) genannt, wobei besonders Martin und Erikson wohl das derzeitige Non plus ultra darstellen. Daran gemessen ist die Hürde für das zu besprechende Buch des Kanadiers R. Scott Bakker (die englische Originaltrilogie "The Prince of Nothing" ist bereits abgeschlossen, eine Nachfolgeserie ist schon in Arbeit) entsprechend hoch.

Bakkers Welt ist ähnlich düster wie Martins Westeros oder Eriksons Malaz - und ähnlich fesselnd ist die Geschichte. Gut 2000 Jahren vor Beginn der eigentlichen Handlung wurde die Welt Eärwa von einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes heimgesucht. Königreiche fielen, Städte gingen in Flammen auf, das Wissen ganzer Generationen ging verloren, während die Menschen zu Tausenden niedergemacht wurden. Die sogenannte "Apokalypse", ausgelöst durch das Erscheinen des "Nichtgottes" und seiner Helfer, der "Rathgeber", sorgte für den Untergang der menschlichen Zivilisation im Norden, während in den folgenden Jahren die Menschen sich vor allem an den Drei Meeren im Süden ansiedelten.

Im Jahr 4109 sind diese Zeiten fast vergessen. Kaum einer glaubt noch an die "Rathgeber" - außer dem Hexerorden der Mandati. Dieser befindet sich gleichzeitig in einem ständigen "kalten Krieg" mit den anderen Hexerorden, die sich aber allesamt bei den Herrschern der Drei Meere kaum großer Beliebtheit erfreuen. Anders als in vielen anderen Fantasyepen ist die Magie in Bakkers "Eärwa" geächtet, wird sie doch von den Inrithi, der größten Religionsgemeinschaft, verdammt, was nicht heißt, dass man sich der Hilfe von Magiern nicht bedient.

Einer der Mandati-Hexer ist Drusas Achamian, ein "Kundschafter" seines Ordens, der ständig auf der Suche nach Hinweisen auf ein mögliches Auftauchen der "Rathgeber" ist. Achamian wird jede Nacht, wie jedes Mitglied seines Ordens, von furchtbaren Albträumen heimgesucht, die Szenen aus den Tagen der Apokalypse lebendig werden lassen: Ein Erbe des Ordensgründers Seswatha, der damit vorsorgen wollte, dass das Grauen der Vergangenheit nie vergessen werden sollte. Achamian wird nun von seinem Orden nach Sumna geschickt, wo sich das religiöse Zentrum der Inrithi-Religion befindet. Ein neuer Tempelvorsteher wurde gewählt, und dieser beabsichtigt offenbar, einen "Heiligen Krieg" zu verkünden. Die Frage ist: Werden die Hexer-Orden das Ziel sein oder die "heidnischen" Fanim, die seit Generationen die heilige Stadt Shimeh besetzt halten? Achamian knüpft an alte Kontakte an, wie an die Prostituierte Esmenet, muss aber schon bald erkennen, dass vieles nicht so ist, wie es scheint.

Diese Erfahrung hatte auch der Scylvendi-Häuptling Cnaiür machen müssen. Vor 30 Jahren war er von einem Sklaven aus dem Norden, Anasurimbor Moenghus, geschickt manipuliert worden. Am Ende war er Stammeshäuptling, doch der Weg dorthin hatte über den Mord an seinem Vater geführt. Cnaiür musste auch miterleben, wie sein Volk, das nie in einer Schlacht besiegt worden war, von dem neuen General der Armee des Kaiserreichs Nansur, Ikurei Conphas, vernichtend geschlagen wurde.

Cnaiür begegnet einige Zeit später einem Mann, der erschreckende Ähnlichkeit mit Moenghus hat: Es ist dessen Sohn, Anasurimbor Kellhus, wie sein Vater ein Mitglied des Ordens der Dunyain - und Erbe des in der Apokalypse untergegangen Reichs von Kuniüri. Der Orden trainiert seine Mitglieder auf vollkommene Beherrschung der Gefühle durch den Geist (logos) und auf die vollkommene Körperbeherrschung. Kellhus selbst gibt an, seinen Vater töten zu wollen, doch Cnaiür, der die manipulativen Fähigkeiten eines Dunyain bereits erleben musste, ist auf der Hut - durchaus zu Recht: Kellhus ist der geborene Manipulator, der das Verhalten von Menschen fast blind erkennen und analysieren kann und somit sein Verhalten jeweils anpasst. Kellhus weiß, dass sein Vater in Shimeh sein muss, wohin sich inzwischen auch das "Kreuzfahrerheer" der Inrithi aufgemacht hat. Cnaiür und Kellhus machen sich gemeinsam auf den Weg: Für Cnaiür ist der Dunyain-Mönch die einzige Möglichkeit, Moenghus zu finden und sich an ihm zu rächen, Kellhus ist auf die Hilfe des Scylvendi angewiesen. Am Ende des Buchs treffen sie auf das Heer der Inrithi und es kommt zu der Wendung der Ereignisse, wie sie von Kellhus beabsichtigt war.

Ein weiteres Handlungszentrum stellt der kaiserliche Palast in Momemn dar, wo Ikurei Xerius III. den Gang der Ereignisse für seine Zwecke zu beeinflussen versucht. Das Kaiserreich Nansur, welches auf das Erbe des alten und noch glorreicheren Imperiums von Cenei zurückblickt, ist nur noch ein Schatten vergangener Tage. Die Kianene, Anhänger des heidnischen Glaubens des Propheten Fane, haben das Imperium halbiert. Hinzu kommt die Bedrohung durch die Scylvendi im Norden. Nun jedoch, da diese Gefahr ausgeschaltet ist, kann der Kaiser sein nächstes Ziel ansteuern: Den Kreuzzug gegen die Fanim zu manipulieren und dadurch lange verloren gegangene Territorien zurück zu gewinnen. Zugleich muss er sich gegen die allgegenwärtigen Palastintrigen wehren. Am Ende scheint alles nach Plan zu verlaufen, doch dann taucht ein Scylvendi-Kriegsherr in Begleitung eines gewissen Anasurimbor Kellhus auf, der behauptet, ein Prinz aus dem Norden zu sein...

Die Handlung von Bakkers "Schattenfall" kann hier nur skizziert werden. Sie ist aber, trotz ihrer Fülle an Informationen, gut nachvollziehbar, da die Handlungsebenen nicht allzu stark vermischt werden. Bakker hat einen Doktortitel in Philosophie, was teils in den Gesprächen zwischen den Charakteren durchscheint und wohl auch seinen Stil geprägt hat. Dieser ist gut lesbar, wenn auch an manchen Stellen die Gespräche nicht so ablaufen, wie man es vielleicht erwartet - besonders in Unterhaltungen am Kaiserhof wirkt manches eher unpassend, doch mag dies Geschmackssache sein oder der Übersetzung geschuldet sein, die insgesamt recht ordentlich ist. An manchen Stellen fragt man sich freilich, ob nicht eine passendere Übersetzung möglich gewesen wäre, da Begriffe wie "Heulsuse" bei einem Mann wie Cnaiür deplatziert erscheinen.

Die Geschichte selbst kommt ohne größere Wendung aus, ist aber durchweg spannend und lebendig geschrieben. Besondere Mühe hat sich Bakker bei der Beschreibung der Religion gegeben. Der Inrithismus ähnelt zwar dem Christentum, doch auch Aspekte des Neuplatonismus (etwa die Aussage, dass Gott in Gestalt vieler Gottheiten auftritt) flossen offenbar mit ein. Das Szenario eines "Heiligen Krieges" zur Befreiung der heiligen Stadt Shimeh ist freilich "unseren" Kreuzzügen entliehen - bis hin zu dem Versuch des Nansur-Kaisers, den "Kreuzfahrern" Verträge abzuringen. Der byzantinische Kaiser Alexios I. Komnenos ist ebenso verfahren. Auch tauchen viele Elemente auf, die der Bibel bzw. dem "Heiligen Land" entnommen sind (Ortsnamen wie Golgotterath = Golgatha; Mengedda = Megiddo u.a.), wie auch Nansur offenbar eine Art Byzanz darstellt und Cenei wohl Rom sein soll. Doch sind derartige Folien nichts, was man dem Autor vorwerfen kann, da sie bei dem Leser die Illusion von Vertrautheit wecken und zugleich interessante Perspektiven eröffnen, zumal Bakkers Welt sehr selbstständig ist - und zugleich zutiefst düster.

Martin ist weiterhin der Meister der Storywendungen und der Charakterdarstellung, Erikson hängt dem nur wenig hinterher, beschreibt dafür die Schlachten so eindringlich wie kein anderer und bewegt sich gleichzeitig in einer epischen Rahmenhandlung, die ebenfalls unvergleichlich ist. Bakkers Welt ist überschaubarer, dabei aber nicht weniger spannend. Wo Bakker meines Erachtens nicht an Martin, Erikson und Co. heranreicht, ist die Charakterdarstellung: Kellhus erweckt mit seinem manipulativen und schon soziopathisch anmutenden Vorgehen nie die gleiche Sympathie beim Leser wie Martins Tyrion oder Eriksons Fiddler. Cnaiür mag brutal agieren, doch wirkt dies aufgrund des sozialen Hintergrunds der beschriebenen Stammesgesellschaft durchaus glaubhaft - zumal er durchaus nicht ohne Gefühle ist. Meiner Meinung nach am besten gelungen sind die Darstellungen des Kaisers und auch von Achamian, der sich ernsthaft Gedanken über die Folgen seines Handelns macht und innerlich tief zerrissen ist, dass er teils geliebte Menschen benutzen muss.
Fazit
Bakkers Geschichte ist sehr spannend und düster, wobei sie nicht nur Leser von Fantasyliteratur durchaus zu begeistern vermag. Viele Feinheiten entgehen dem Leser jedoch, falls er nicht in den Anhang schaut, wo eine rudimentäre und durchaus nützliche Übersicht der wichtigsten Personen und Völker zu finden ist.

Ich mag noch nicht behaupten, dass Bakker das Niveau von Erikson, Martin und Co. ganz erreicht hat, doch hebt er sich sehr positiv von vielen anderen ab und verdient es, gelesen zu werden. Das Ende macht bereits Lust auf den Rest der Trilogie und vielleicht wird der eine oder andere Leser, dem Martins Geschichten zu beladen und Eriksons Welt zu brutal ist, doch eher Bakker den Vorzug geben. Man sollte sich den Namen R. Scott Bakker jedenfalls gut merken.

Zum Schluss sei noch ein Extralob an Klett-Cotta verteilt: Anders als bei Martin und Co. wurde der Originalband nämlich nicht geteilt. Ebenso ist die geschmackvolle Aufmachung hervorzuheben - was leider keineswegs eine Selbstverständlichkeit darstellt.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 19. Dezember 2006

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