Rafael Seligmann: Hitler: Die Deutschen und ihr Führer

Hitler: Die Deutschen und ihr Führer

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-550-07589-6

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Bei jedem Erscheinen einer neuen Hitler-Biographie ist mittlerweile kritisch nach dem Erkenntnisgewinn eines solchen Vorhabens zu fragen. Dies gilt auch für die vorliegende Biographie von Rafael Seligman, der im Sinne der intentionalistischen Schule der Geschichtswissenschaft argumentiert, d.h. Hitler als einen Mann begreift, der ein konkretes Programm - Weltherrschaft, Lebensraum nach Osten und die Vernichtung der Juden - konsequent durchdacht und durchgesetzt habe. Insofern steht Seligmann in der Tradition der Werke Eberhard Jäckls: "Hitlers Weltanschauung" und der bis heute besten Hitler-Biographie, Sebastian Haffners: "Anmerkungen zu Hitler", die auch Seligmann selbst als anregend empfindet.

Doch ohne die Lektüre der klassischen Hitler-Biographien von Bullock bis Kershaw (letztere wird von Seligmann besonders wegen ihrer Ausrichtung an der funktionalistischen Schule der Geschichtswissenschaft, also der Auffassung, Hitler habe lediglich gesellschaftliche Strömungen opportunistisch aufgegriffen und ihr Anspruch, einen Kompromiss zwischen Intentionalismus und Funktionalismus zu erreichen, sei nicht erreicht worden) kann man auch bei der Lektüre der vorliegenden Biographie nicht verstehen, wie Hitler möglich war. Insbesondere seine Hauptthese, Hitler und die Deutschen habe die Angst vor der Moderne geeint, ist zwar auf der einen Seite zutreffend. Andererseits haben gerade Haffner und andere nachgewiesen, dass während der Herrschaft des Nationalsozialismus - sicherlich wider Willen der Akteure, im Ergebnis aber dennoch eine Modernisierung, nämlich eine Beseitigung der Klassenschranken) stattgefunden habe.

Eine Biographie, die den Anspruch erhebt, die Wechselwirkung zwischen den Deutschen und Hitler aufzuzeigen, müsste stärker die deutschen politischen Traditionen, etwa des Obrigkeitsstaates und der fehlgeschlagenen Parlamentarisierung im 19. Jahrhundert beleuchten. Diese Entwicklungslinien - bei Fest eindrucksvoll beleuchtet - fehlen hier vollkommen. Und Wippermann hat festgestellt, dass faschistische Bewegungen überall in Europa - vor allem in Nationen, die zu den Verlierern des ersten Weltkrieges gehörten oder besonders starke soziale Spannungen auszuhalten hatten, an die Macht kamen (Wippermann: Faschistische Bewegungen in Europa, 1982). Hitler ist also nicht nur durch eine angeblich besondere Affinität zwischen ihm, dem Österreicher, und den Deutschen erklärbar, die er ja auch - wie Haffner eindrucksvoll bilanziert hat - spätestens mit dem sogenannten "Nero"-Befehl und der Ardennen-Offensive verraten hat.

Insgesamt muss daher leider bilanziert werden, dass Seligmanns Thesen zum einen nicht neu sind und zum anderen auch seinen Anspruch, "entscheidende Fragen der Wirkung Hitlers", die bislang noch nicht gestellt oder nur am Rande behandelt worden seien, zu stellen, nicht erfüllt. Sein Vorwurf: "Die anschwellende Publikationslawine zur Person Hitler steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zum Erkenntnisgewinn" ist zwar zutreffend, wird jedoch auch durch seine Biographie nicht behoben.
Fazit
Also: nach wie vor scheint mir Haffners "Anmerkungen zu Hitler" bis heute die beste Biographie von Hitler zu sein. Auch die Biographien von Pätzold/Weißbecker, die bislang am besten die gesellschaftliche Wechselwirkung von Hitler und den Deutschen untersucht, ist hervorragend. Was die deutsche Politik- und Ideengeschichte angeht, sind die Bücher von Bracher: "Die deutsche Diktatur" und die erwähnte Hitler-Biographie von Joachim Fest unübertroffen. Sie sind - was den Erkenntnisgewinn angeht - eindeutig besser als das vorliegende Werk, welches doch eher einführenden Charakter hat, aber auch hier nicht an Haffners Analyse des Phänomens Hitler herankommt.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 26. November 2006

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