Manfred Spitzer: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft

Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-34327-5

Preis: 9,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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In der Diskussion darüber, was Kinder dürfen und was sie gern haben möchten, hat fast jeder einen entschiedenen Standpunkt, aber kaum jemand Argumente, um die eigenen Ansichten zu untermauern. Der Neurologe und Hirnforscher Manfred Spitzer analysiert den Einfluss von Fernsehen und Computerspielen auf die körperliche und seelische Gesundheit von Kindern. Die Ergebnisse der zahlreichen zitierten Studien sind eindrucksvoll, aktuell und übersichtlich grafisch dargestellt. Spitzer weist nach, dass Fernsehen Kinder dick, krank und dumm macht. Sein Urteil über jugendliche Computernutzer ist simpel: Mädchen chatten und Jungen laden sich Schund herunter. Da die Zeit zum Computerspielen häufig nicht durch Reduzierung der Fernsehzeit gewonnen wird, sondern dazu zu addieren ist, machen Computerspiele plus Fernsehen wohl dicker, dümmer und kränker. Die Amerikaner sind uns wie in vielen fragwürdigen Entwicklungen um Jahrzehnte voraus: Im Jahr 2000 hatten 30% der amerikanischen Kinder Übergewicht, in Deutschland 12% der Kinder. Die langfristigen Folgen: Zivilisationskranke Kinder mit Altersdiabetes, Bluthochdruck und Arteriosklerose werden einmal jung sterben und die Sozialversicherung bis zu ihrem Tod viel Geld gekostet haben. Spitzer will der elektronischen und digitalen Umweltverschmutzung Einhalt gebieten. Er vermittelt anschaulich Details der frühkindlichen Hirnentwicklung und betont die Bedeutung von Aufmerksamkeit und Konzentration für das schulische und soziale Lernen. Unbestritten ist, dass Zweijährige zunächst das Bellen aus dem Hundemaul erleben müssen, ehe sie das Bellen eines Filmhundes aus dem Lautsprecher des Fernsehapparats richtig verarbeiten können. Fernsehen ist für kleine Kinder nutzlos, solange sie keine motorischen, akustischen und sensorischen Erfahrungen machen können. Der Autor weist nach, dass Viel-Fernseher schlecht lesen lernen, weniger kreativ sind, Informationen oberflächlicher verarbeiten und eher Rollenstereotype übernehmen. Dass Gewalt direkt aus Filmen und Computerspielen gelernt wird - diese These ist so populär wie umstritten. Warum in Deutschland drei Computer-spielende Schüler zu Amokläufern wurden und alle anderen nicht, dazu bietet Spitzer sowenig Antworten wie andere Medienkritiker. Auch zum Einfluss der eigenen Gewalterfahrungen in der Familie auf das gewalttätige Verhalten Jugendlicher äußerten Experten sich bisher kaum. Manfred Spitzer, Vater von fünf Kindern, hat in der eigenen Familie auf die Holzhammermethode gesetzt: Es gibt keinen Fernseher mehr, weil ihn die Diskussionen seiner Kinder über Fernsehzeiten und Serienhelden nervten. Für engagierte Eltern, die für ihre Kinder nur das Beste wollen und deshalb fachlichen Rat suchen, ist seine Methode kein Vorbild. Medienerziehung soll nicht polarisieren, sondern zur Urteilsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen beitragen.
Fazit
Spitzers Forderungen wirken plakativ formuliert und polarisierend. Die Wahl des Buchtitels trifft Inhalt und Problemstellung nicht: Der Bildschirm allein schadet niemandem, solange er nicht benutzt wird. Spitzers Buch ist lesenswert, bringt jedoch keine praktische Umsetzung seiner Thesen in den Erziehungsalltag.
5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 08. November 2006

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