Michael Drosnin: Der Bibelcode

Der Bibelcode

Verlag: Wilhelm Heyne Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-453-15167-3

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Nichts läßt Theologen mehr erschauern als die Behauptung, die Schreiber der Bibel wären davon überzeugt gewesen, einfach und klar von wirklichen Geschehnissen zu berichten - denn bei solch "oberflächlicher" Interpretation bleiben die "Botschaften" des vielgerühmten Buchs der Bücher doch über weite Strecken unglaubwürdig, banal oder beides.
So bemüht man sich seit langem, versteckte, geheime Botschaften aus dem Text herauszupressen - die älteste dieser Traditionen dürfte die Kabbala darstellen. Heute deutelt man lieber tiefenpsychologisch in den Texten herum - oder nimmt gleich den Computer, wie die Autoren.
Das Verfahren wird umständlich und mit viel mathematischem Tamtam beschrieben, läuft aber auf folgendes heraus (mit nur minimalen satirischen Übertreibungen):
1.) Man nimmt den hebräischen Urtext des Alten Testaments - was hier bedeutet: die gängigste von vielen Textversionen. Satzzeichen und Leerstellen werden ignoriert.
Beispiel: Nehmen wir an, der gesamte Text laute:
DASISTDASHAUSVOMNIKOLAUS.

2.) Statt den Text als solchen zu nehmen, liest man z. B. nur jeden 2. Buchstaben, liest also einmal alle Buchstaben an "gerader" Stelle und an "ungerader" Stelle hintereinander.
Für unser Beispiel:
DSSDSASONKLU und AITAHUVMIOAS.
3.) In den Ketten läßt man den Computer jetzt nach Wörtern suchen. Voilà - was finden wir?
SS, SA und ONKL.
4.) In unserem Satz haben wir schon einen Teil einer geheimen Prophezeihung gefunden - es geht um die SA und die SS und einen Onkel (das "e" muß im Laufe der Überlieferungen verlorengegangen sein). Schnell schauen wir nach, ob wir etwas finden, wenn wir jeden dritten Buchstaben nehmen:
DIDHSMKA
ASAAVNOU
STSUOILS
- und ja - "Did", "No" und "Oil"! Dieser tiefe Bezug auf Britannien - 3 englische Wörter! - muß nun in Verbindung mit dem Rest gebracht werden: Vielleicht, wenn die Briten und Amerikaner kein Öl - Gas? - geben, fällt der Onkel in die Hände von SA und SS - sicherlich eine Andeutung darauf, daß der Umsturzversuch vom Juli 44 auch aus mangelnder Unterstützung durch die Allierten scheitern wird und die Attentäter als "Onkel" fungieren - vielleicht als "Patenonkel" - vielleicht also als Namensgeber.
5.) Die Botschaft in unserem Satz: Die Hitler-Attentäter werden aus Mangel an alliierter Unterstützung scheitern, aber als Vorbild (und Kasernen-Namensgeber) für die Bundesrepublik dienen. Wer hätte das gedacht?

KURZ gesagt: Der Autor Drosnin erzeugt durch seine Verschiebe- und Auswahlaktionen erstmal einen ungeheuren Buchstabensalat. Da sein Original Althebräisch ist, gibt's 24 Buchstaben, aber keine Vokale - die Buchstabenreihen werden mehrdeutig, was die Interpretationsmöglichkeiten vervielfacht. Bei der reinen Textmenge bleibt es nicht aus, daß es haufenweise sinnvolle Wörter gibt - und daß die stellenweise, wieder aus rein statistischen Gründen, gehäuft auftreten.
Drosnin behauptet zwar, massenweise "eindeutige" Prophezeihungen gefunden zu haben und daß es statistisch fast unmöglich sei, derart viele Wörter zu finden - aber das ist Quark. Man findet etwa gleichviele "geheimnisvolle Botschaften", wenn man die deutsche Übersetzung des ATs nimmt, oder "Krieg und Frieden", oder jedes andere ähnlich dicke Buch.
Fazit
Aus den Drachen-Sichtungen des Mittelalters wurde die UFO-Verschwörung und millionenfache "Entführungen durch Außerirdische", aus dem bösen Blick die krebsverursachenden Erdstrahlen (oder, modischer, Handystrahlen) - und aus der Kabbala-Mystik der Bibelcode. Willkommen im 21. Jahrhundert, wo wir jedem Aberglauben einen wissenschaftlichen Anstrich zu verleihen imstande sind...
... und im Gegensatz zu Däniken ist Drosnin weder schriftstellerisch begabt noch lustig. Bloß im Regal stehen lassen!
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Vorgeschlagen von Andreas P. Rauch [Profil]
veröffentlicht am 07. Februar 2003

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