Robert Habeck, Andrea Paluch: Der Schrei der Hyänen

Der Schrei der Hyänen

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-492-04611-4

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Schwarz und Weiß

Wenn eine weiße Frau mit einem schwarzen Mann ein Kind zeugt und deren weißhäutige Tochter wiederum mit einem weißen Mann ein Kind bekommt, kann dieses Kind der zweiten Generation durchaus dunkelhäutig sein. Das klingt kompliziert! Ist es auch.
Noch schwieriger wird es, wenn diese Geschichte zwischen den Welten angesiedelt ist.

Im Jahre 1899 reist Arabella als geworbene Braut in die deutsche Kolonie Südwest-Afrika, das heutige Namibia. Die junge Frau heiratet einen Farmer und befindet sich plötzlich in einer Welt, in der Grausamkeit und Gewalt regieren. Knapp fünf Jahre später erheben sich die Hereros gegen die deutsche Herrschaft. Im August 1904 kommt es am Waterberg zur Entscheidungsschlacht. 80.000 Hereros gelingt die Flucht aus dem deutschen Kessel. Sie fliehen ins wasserlose Wüstengebiet der Omaheke. Aber wenig später wird der Aufstand blutig niedergeschlagen und 65.000 Hereros sterben.
Arabellas brutaler Ehemann stirbt bei dem Aufstand, sie selbst wird von den Hereros verschleppt. In der Gefangenschaft kommt sie Assa, einem Führer der Aufständischen, näher und findet endlich das, was sie ein Leben lang gesucht hat.
Als Arabella wieder bei den Deutschen ist, weiß sie, dass sie schwanger ist. Um Zeit zu gewinnen, lässt sie sich auf eine Beziehung mit dem Offizier Paul von Kavea ein, der sie von ganzem Herzen liebt. Beide hegen berechtigte Zweifel, ob das Kind wirklich von Paul ist.
Der Offizier erhält den Rat, die Schwangerschaft abzuwarten: "Wenn das Kind weiß ist, ist es deins, ist es schwarz, wirfst du es in den Atlantik und die Frau gleich hinterher."
Aber das Neugeborene ist weiß. Und auf dieser Tochter, die den Namen Nele erhält, wird eine dünkelhafte Familientradition gegründet. Nele von Kavea ist im Gegensatz zu ihrer Mutter Arabella eine konservative, innerlich starre Person.
Zwei Generationen später steht Nele, die inzwischen Senatorin in Hamburg ist, am Wochenbett ihrer Tochter Kriemhild. Als sie ihre neugeborene, dunkelhäutige Enkelin sieht, bricht ihre konventionelles, latent rassistisches Weltbild zusammen: Ihre einzige Tochter hat sich mit einem Farbigen eingelassen! Um die Schande von ihrer großbürgerlichen Familie abzuwenden, setzt sie ihre ganze Macht ein, um das Kind für tot erklären zu lassen. Ihre Tochter Kriemhild glaubt ihr, bezahlt diesen Verlust aber mit dem Wahnsinn.
Die neugeborene Tochter Cosima wird in ein Waisenheim abgeschoben.
Als Erwachsene gründet sie selbst eine Familie und bekommt ebenfalls eine Tochter. Dreißig Jahre später tritt ihre Großmutter Nele unverhofft in ihr Leben, um der schwarzen Enkelin die Familienfarm in Afrika zu überschreiben.
Die familienlos aufgewachsene Cosima möchte mit ihrer Großmutter im Grunde nichts zu tun haben, dennoch nimmt sie das Angebot widerstrebend an. Sie beschließt, die Farm sofort weiter zu verschenken. Cosima reist nach Namibia und trifft dort eine weitere Schlüsselperson, die das Geheimnis der wahren Familienverhältnisse kennt. Auch Nele fliegt nach Namibia und vor dem Familienbesitzt kommt es zur Stunde der Wahrheit und zum finalen Befreiungsschlag.
Nele erkennt das Lügengebäude auf dem ihr Leben errichtet ist - und sie muss erfahren, dass in Wirklichkeit sie die Tochter eines Farbigen ist.

Diese Familiengeschichte erzählt von vier Frauen aus vier verschiedenen Generationen und umfasst damit einen Zeitraum von hundert Jahren. Dem Autorenpaar gelingt der Sprung zwischen den Zeiten und den Welten. Die Geschichten werden nicht fortlaufend, sondern sozusagen nach ihrer Gewichtung erzählt.
Kleine, logisch schwer nachvollziehbare Details wie " er kniete, das offene Hemd nur von seinen Hosenträger gehalten, neben einem Funkgerät," sind entschuldbar, wären aber besser entfernt worden. Auch die Geschichte der dunkelhäutigen Eva, die wegen ihrer Schwangerschaft von den Hereros dahingemetztelt wird, erschließt sich dem Leser zeitlich nur schwer. Woher wussten ihre Stammesgenossen so schnell von ihrer Vergewaltigung durch einen Weißen?
Wie auch immer: Grundsätzlich handelt es sich um ein spannenden Roman, der ein wichtiges Stück Zeitgeschichte ins Bewusstsein zurückruft.



Die beiden circa fünfundreißigjährigen Autoren Andrea Paluch und Robert Habeck bilden eine eher selten anzutreffende Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Sie studierten Englische Literatur und arbeiten inzwischen als freie Autoren und literarische Übersetzer. Gemeinsam mit ihren vier Söhnen leben sie Nahe der dänischen Grenze. Im Jahre 2001 erschien ihr erster Roman "Hauke Haiens Tod".
Fazit
Wenn auch streckenweise zu kompliziert verknüpft, so ist die Idee von Schuld, Sühne und falschem Dünkel doch geglückt. Schade ist, dass viele Metaphern nicht so recht sitzen wollen. "Die Seele, die vom Reisestaub matt ist", "der Nebel, der durch die Astlöcher in den Paneelen quoll" oder "seine Vorsätze zergingen, als ständen sie draußen am Himmel" bringen eine etwas bemühte Poesie in den Grundtext.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Heide John [Profil]
veröffentlicht am 15. Oktober 2006

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