Alice liebt die halbe Stunde zwischen Wachwerden und Aufstehen. Die Bettwäsche
ist warm, weich und umhüllt sie mit dem vertrauten Geruch ihres Mannes:
"Ein Hauch von verflogenem Alkohol, Muskatnuss und altem Mann".
Während Alice ihren Träumen nachhängt, steht Jules in der Küche und tut das, was
er jeden Morgen tut: Er kümmert sich um das Frühstück. Und erst wenn der Duft
des frisch gebrühten Kaffees durch die Wohnung zieht, ist die zeitlose halbe
Stunde zwischen Erwachen und Aufstehen vorbei.
Alice und Jules sind alt geworden - und vielleicht waren sie es innerlich schon immer. Sie pflegen ihre festen Rituale, dazu gehört nicht nur die strikte Aufgabenverteilung, sondern auch der allmorgendliche Besuch des autistischen Nachbarsjungen David. Punkt 10 Uhr steht er vor der Tür, um mit Jules eine Partie Schach zu spielen. Aber an diesem Tag, von dem Diane Broeckhoven erzählt, ist alles anders. Die Wohnung riecht zwar nach Kaffee, aber Jules sitzt erstaunlicherweise auf dem Sofa statt in der Küche zu stehen. "Sie schüttelte ihn und schlug ihn, bekam aber keine Bewegung in den starren Körper." Denn Jules ist tot. "Im glückseligsten Moment ihres Tages", heißt es weiter, "war er gestorben. Doch vorher hatte er noch seine Pflicht getan. Er hatten den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht." Das Ritual ist also durchbrochen - und Alice fasst einen Entschluss: Sie beschließt, einen letzten Tag mit ihrem Ehemann zu verbringen und ihm all das zu sagen, was nie gesagt wurde. Diane Broeckhoven wurde 1946 in Antwerpen geboren. Sie hat dreißig Jahre in den Niederlanden verbracht und lebt nun wieder in ihrer Geburtstadt. Sie hat zwanzig Jugendbücher veröffentlicht. Ein Tag mit Herrn Jules ist ihr zweites Buch für Erwachsene. Fazit
Diese kleine Novelle in deren Mittelpunkt Alice, Jules und David stehen, ist
eine ergreifende, fein gesponnene Geschichte über Rituale, Liebe, Verrat und
Verlust - einen Verlust, der am nächsten Morgen durch den "Duft eines neuen
Tages" ein klein wenig ausgeglichen wird.
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