Joachim Fest: Ich nicht

Ich nicht

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-498-05305-5

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Vom "Herbst der Flakhelfergeneration", die ihre Erinnerungen schreibe, hat der "Spiegel" im August 2006 geschrieben und darin auch die Erinnerungen des kürzlich verstorbenen Historikers und Publizisten Joachim Fest gewürdigt. Ich möchte gleich sagen: diese Erinnerungen wurden zu recht gewürdigt. Sie bieten ein beeindruckendes Portrait einer Familie, die aus Überzeugung gegen die nationalsozialistische Ideologie immun war und das nationalsozialistische Unrechtsregime schon vor der Machtübernahme durchschaut und richtig eingeschätzt hat. Es ist insbesondere das Portrait des willensstarken, prinzipienfesten und charaktervollen Vaters von Joachim Fest, welches diese Biographie zu einem meiner Meiung nach außergewöhnlichen Dokument der Zeitgeschichte werden lässt. "Herkunft, Lebensweg und Überzeugungsstärke hatten meinem Vater vier Bestimmungen vermacht, von denen keine zu den anderen zu passen schien und jede gegenüber den drei übrigen ihre Unduldsamkeiten ausgebildet hatte. In seinem Falle jedoch wurden alle Widersrpüche durch die Kraft seiner Persönlichkeit zusammengehalten und jede einzelne dieser Denklinien hat einen Teil zu seiner Unnachgiebigkeit gegenüber dem NS-Regime beigetragen." Er war überzeugter Republikaner und Anhänger der Weimarer Republik. Daneben war er überzeugter Preuße, ohne viele Worte darüber zu machen. Doch er war kein "Stockpreuße". Der Begriff, den er vom Preußischen habe, sagte er gelegentlich, sei von ziemlich unzeitgemä0er art. Neben dem bekannten Pflichtenkatalog gehöre die freiwillige Anspruchsbeschränkung dazu, der Verhicht auf Wehleidigkeit und die Fähigkeit zur Lebensbewältigung durch eine "Prise" Ironie. Außerdem war der Vater ein strenger Katholik und überzeugtes Mitglied der Zentrumspartei, zu deren republikanischen Flügel er gehörte.

Minutiös schildert Fest den Alltag im dritten Reich, die Gefahr, in die sich der Vater durch seine Prinzipienfestigkeit begab, die wachsende Armut der Familie, nachdem der Vater als Schuldirektor abgesetzt worden war. Doch diese Person des Vaters überstrahlt das ganze Buch. Der Schriftsteller Martin Walser hat anlässlich der Beisetzung von Joachim Fest folgende Worte gefunden: "Wenn ich nicht dagegen wäre, Zustimmung mit Hilfe von Superlativen auszudrücken, würde ich sagen, dieser Vater ist für mich die größte Figur des vergangenen Jahrhunderts." (Rede abgedruckt FAZ 23.09.2006, S. 41). Die für mich beeindruckendste Stelle im ganzen Buch ist die Szene, in der die Mutter den Vater bittet, um der Familie wegen pro forma in die Partei einzutreten, um die Lebenssituation der Familie zu verbessern. "Die Unwahrheit sei immer das Mittel der kleinen Leute geen die Mächtigen gewesen; nichts anderes habe sie im Sinn." Darauf antwortet der Vater einfach: "Wir sind keine kleinen Leute. Nicht in solchen Fragen!" Es sind diese Szenen, die beeindrucken und die dieses Buch lesenswert machen. Sie zeigen - dies haben ja Sebastian Haffner in seinen "Anmerkungen zu Hitler" und auch Ian Kershaw in seiner zweibändigen Hitler-Biographie deutlich gezeigt, wie sich die meisten Leute dem Regime anpassten - aus Angst, aus Opportunismus, aufgrund der Verblendung durch die "Erfolge" des Nationalsozialismus. Doch die Familie Fest tat dies nicht. Fest zeigt - und sagte dies auch in einem seiner letzten Interviews - dass eben nicht das gesamte Bildungsbürgertum zu den Nationalsozialisten überlief. Und dies zeigt, dass mit eindimensionalen Pauschalurteilen die Geschichte von "Verführung und Gewalt" (Ulrich Thamer) eben nicht erzählt werden kann.
Fazit
Ein beeindruckendes Buch, für mich die interessantesten Erinnerungsbände seit langem; möglicherweise sogar das "Erinnerungsbuch des Jahres." Unbedingt lesenswert.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 25. September 2006

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