Ernot Gerler: Russland kommt

Russland kommt

Verlag: Verlag Herder [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-451-05566-9

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Erstmals leitete Russland im Sommer 2006 den Gipfel der G8, der führenden Industriestaaten der Welt. Dies war ein Anlass für zahlreiche Artikel und Berichte über das gegenwärtige Russland unter Präsident Wladimir Putin.

Gernot Erler, heute Staatsminister im Auswärtigen Amt, hat sich sein Leben lang mit russischer Geschichte beschäftigt und spricht fließend russisch. "Seit 40 Jahren beschäftige ich mich mit diesem Land, habe seine Sprache gelernt, seine Geschichte studiert und gelehrt, ungezählte Gespräche über diesen "besonderen Stoff" geführt." Dies merkt man. Kompetent wie selten ein Autor führt Erler in die Geschichte und Politik des gegenwärtigen Russlands ein. Dabei versucht er, die Probleme des Landes nicht über eine Analyse der Person und Biographie Wladimir Putins anzugehen. Dies stellt für ihn lediglich eine Rechtfertigung der autokratischen Regierungsform dar.

Er richtet den Blick exemplarisch auf drei aktuelle Konflikte, die zeitlich parallel ablaufen. Zunächst analysiert Erler den "Fall Beslan" und die Frage, wie die russische Führung auf diese brutale Herausforderung reagiert hat. Dann analysiert er den "Fall Chodorkowskij" und zeigt hierbei auf, worum es dem Kreml eigentlich geht: um totale Kontrolle der russischen Erdöl- und Gasreserven durch den Staat. Auf der Basis einer Fusion des Gas-Giganten Gasprom und des staatlichen Erdölkonzerns Rosneft soll ein marktbeherrschender staatlich kontrollierter Energiekonzern entstehen. Putin hat erkannt, dass nicht mehr militärische Stärke, sondern wirtschaftliche Macht den Großmacht-Status einer Macht im 21. Jahrhundert bestimmt. Gleichzeitig baute Putin durch die Verhaftung Chodorkowskis seine eigene Macht aus und trennte sich von Mitarbeitern des früheren Präsidenten Jelzin, etwa dem Ministerpräsidenten Kasjanow. Mit dessen Sturz wurde Putins "zweite Machtübernahme" (S. 89) eingeleitet.

Interessant stellt der Autor, der sich in zivilgesellschaftlichen Organisationen engagiert, den Verfall der Zivilgesellschaft in Russland unter Putin dar. Dennoch plädiert er am Ende für eine konstruktiv-kritische Partnerschaft. Wenn man alle Beobachtungen der gegenwärtigen Entwicklung Russlands zusammenfasse, stelle man fest, dass eine Transformation und Modernisierung der russischen Gesellschaft nach westlichem Muster in ihrem Innern mit erheblichen Gegenkräften zu rechnen habe. Die Trauerarbeit an dem Verlust imperialer Größe sei noch nicht abgeschlossen, sie gleite immer wieder ab in eine risikobeladene nostalgische Sehnsucht nach den Sowjetzeiten. Der russische Präsident sei ein Produkt dieser Gesellschaft, er sei gegen die genannten Obsessionen und Reflexe nicht immun (S. 171). Putins eigene Erwartungen an die "Russische Idee", der Suche nach einer neuen Bestimmung Russlands als Großmacht, verbinde russische Traditionswerte mit westliche Modernität. Den Partnern empfiehlt Erler, Russland einzubinden und nicht auszugrenzen, das Russland "im Kommen sei", wie der Titel besagt. Die Menschen in Russland hätten viel durchgemacht, aber es wachse eine neue Generation heran, die durch Jugendaustausch an andere Werte und Ideen herangeführt werden müsse. "Es ist gut, dass Russland und Deutschland...ein Abkommen über einen vewrstärkten Jugendaustausch geschlossen haben, übrigens der bisher sichtbarste ERfolg des "Petersburger Dialogs". Wer in jungen Jahren sich ernsthaft und über Monate hinweg mit der Sprache, dem Leben, der Kultur und dem Denken des anderen Landes beschäftigt hat, der behält seine Neugier, seine Antennen und sein besseres Verständnis für das, was das vor sich geht, sein Leben lang." Darin, dass diese "moderne" Generation bald die Verantwortung in Russland übernehme, liege laut Erler die Hoffnung für die Zukunft.
Fazit
Es sind oft die "kleinen" Bücher am "Rande", die geistig besonders anregen. Für mich stellt Erlers kleine Broschüre das beste Buch über das Russland Putins dar, welches ich gelesen habe - und ich habe viel über Russland gelesen und gesammelt. Mit großem Einfühlungsvermögen und Kenntnis schafft es der Autor, ausgewiesener Kenner der Materie, in das Wesentliche der Probleme des Landes einzufügen. Wer dieses Buch gelesen hat, versteht Russland. Und dies ist eine Leistung. Unbedingt lesen!
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 12. August 2006

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