Jean-Christophe Rufin: Globalia

Globalia

Verlag: Kiepenheuer & Witsch [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-462-03471-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Globalia im Jahr 27 der schönen neuen Überwachungswelt: der 20-jährige Baikal will aussteigen. Schluss mit dem bequemen, synthetischen Leben unter einer klimatisierten Glaskuppel. Schluss mit naturidentischer Nahrung und der Verwaltung von allem und jedem durch den "Gesellschaftsschutz". Es gibt kein Altern und keine Geschichte in Globalia, die Zeitrechnung beginnt alle 60 Jahre neu bei Null. Dadurch dass jemand zum "anerkannten Mongolen" erklärt werden kann, schaltet die Führung Identität und persönliche Erfahrungen gleich. Globalia ist der Aufbewahrungsort einer stagnierenden, infantilisierten Gesellschaft.

Baikal hatte noch nie Grenzen akzeptiert. Schon seine Mutter hatte sich die Schwangerschaft nicht von den Behörden genehmigen lassen, sondern einfach ein Kind bekommen. Baikal flüchtet; der Fluchtversuch seiner Freundin Kate misslingt. Gloabalia selbst ist nur ein winziger Teil der Welt. Baikal weiß noch nichts über die "Non-Zonen" außerhalb Globalias. In den Außenzonen herrschen Armut und Anarchie, eine neue Mafia herrscht. Einige Menschen führen dort ein "vertraglich gesichertes Randdasein". Baikals Flucht kommt gerade recht: die Herrschenden können in diesem Moment einen neuen Feind sehr gut gebrauchen. Das "Büro zur Identifizierung von Bedrohungen" tritt auf den Plan.

Zusammen mit dem Journalisten Puig, einem "anerkannten Katalanen" und Fräser, der außerhalb des Systems überlebt hat, wechseln auch die Leser die Perspektive. Der unbequeme Puig Pujols will über die Explosion einer Autobombe recherchieren. Er wird sofort kalt gestellt und vom Alltagsleben abgekoppelt, man nennt es "seine Karriere wird beschleunigt". Das herrschende System hätschelt die Idee seiner fiktiven Bedrohung von außen; niemand interessiert sich dafür, dass Globalia vielfältige Wirtschaftsbeziehungen zu den Non-Zonen pflegt.

Globalia hat wenig Utopisches, Globalia ist schon da und Globalia ist überall. Jean-Christophe Rufin überspitzt gegenwärtige Trends: das Abwälzen von Verantwortung auf Polizei und Behörden, die Pflege von Feindbildern, den Schönheitskult, die Gesetzesflut, die ständig neue Vorschriften hervorbringt und nichts verändert (Migration, Zuwanderung, Flüchtlinge). Rufins Charaktere sind lebendig geschildert, der Perspektivwechsel spannend.
Fazit
Ein absolut lesenswertes Buch eines Autors, der selbst Bürgerkriege erlebt hat.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 23. Juli 2006

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