Klaus Rosen: Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser

Julian. Kaiser, Gott und Christenhasser

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-608-94296-5

Preis: 32,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Flavius Claudius Julianus, römischer Kaiser von 361 bis 363 n. Chr., der Nachwelt besser bekannt als Julian (oder weniger schmeichelhaft als "Julian der Abtrünnige" = Julian Apostata), ist eine faszinierende Gestalt. Obwohl selbst ein Neffe Konstantins des Großen versuchte er, dessen Privilegierung des Christentums wieder rückgängig zu machen und die traditionellen Götterkulte zu neuem Glanz zu verhelfen. Julian brachte hervorragende Voraussetzungen mit: er war intelligent, hochgebildet und ein durchaus fähiger Militär. 360 wurde er von seinen Truppen in Paris zum Kaiser erhoben und trat 361 die Nachfolge seines Vetters Constantius II. an, der einer Krankheit erlegen war, so dass Julian ohne Kampf an die Macht kam. In den folgenden Jahren bevorzugte er, obwohl selbst christlich erzogen, die heidnischen Kulte, erließ gar 362 das berüchtigte Rhetorenedikt, mit dem die Christen faktisch Lehrverbot erhielten. Im Frühjahr 363 brach Julian nach Osten auf. Er wollte den gefährlichsten Feind Roms, das neupersische Sasanidenreich, erobern und damit auf den Spuren Alexanders des Großen wandern. Dies misslang gründlich. Julians Perserkrieg, schlecht vorbereitet und noch schlechter ausgeführt, endete in einer Katastrophe: Julian fiel, der neue Kaiser Jovian, wie alle Nachfolger Julians ein Christ, musste einen unrühmlichen Frieden mit den Persern schließen und ihnen umfangreiche Territorien in Mesopotamien abtreten.

Julians Herrschaft war nur kurz, dennoch fasziniert er die Nachwelt wie kaum ein anderer Kaiser. Dies ist nicht zuletzt der äußerst günstigen Quellenlage zu verdanken: Es sind zahlreiche Schriften Julians erhalten, ebenso wie das letzte große lateinische Geschichtswerk der Antike, die Res Gestae des Ammianus Marcellinus, der Julian kannte und verehrte, ihn aber dennoch so manches Mal kritisierte. Für viele Heiden und die späteren Aufklärer war Julian ein tragischer Held, für seine christlichen Kritiker hingegen war er im schlimmsten Fall ein Abtrünniger und Verfolger, im besten Fall ein Träumer, der sich nicht mit den neuen Gegebenheiten anfreunden mochte. Denn Julians Regierungszeit, besonders sein Aufenthalt in der fast völlig christianisierten Großstadt Antiochia in Syrien, zeigte, dass das Christentum vielleicht benachteiligt, sicherlich aber nicht mehr ausgeschaltet werden konnte. Die zersplitterten heidnischen Kulte waren dem kraftvollen Impetus des Christentums kaum mehr gewachsen.

Mit Julian haben sich denn auch viele Historiker auseinandergesetzt. 1978 erschien Glen Bowersocks knappe, aber gedankenreiche Biographie "Julian the Apostate", vor kurzem erst Marion Giebels und Klaus Bringmanns Biographien. Klaus Rosens Werk ist umfangreicher als alle vorher genannten, und der Autor selbst ist geradezu prädistiniert dafür, hat er sich doch schon in mehreren Aufsätzen mit der Person Julians befasst. Das Werk ist in zehn Kapitel unterteilt: 1) Wer war Julian?; 2) Konstantinopel 337 n.Chr.; 3) Ein göttlicher Lebensplan; 4) Der Waisenknabe; 5) Der Student; 6) Der Caesar; 7) Der Usurpator; 8) Der Kaiser; 9) Der Verlierer [Persienfeldzug und Tod]; 10) Der Umstrittene [Rezeptionsgeschichte, die sehr ausführlich behandelt wird]. Daran schließen sich ein knapper Anmerkungsapparat, ein recht ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis, eine Zeittafel, ein Kartenverzeichnis, ein Stammbaum sowie ein Register an. Über 60 Abbildungen sind über das Buch verstreut, das sehr gut verarbeitet ist. Besonders erfreulich ist die Tatsache, dass mehrere Quellenausschnitte, die leider nicht kursiv o. ä. gekennzeichnet sind, in den Text eingebunden sind.

Sehr detailliert beschreibt Rosen die Zeitumstände und die Jugend Julians, das Trauma von 337, als praktisch seine ganze Familie im Anschluss an den Tod Konstantins des Großen einer Säuberung der Militärs zum Opfer fiel, seine philosophischen Studien oder seine Zeit als Unterkaiser (Caesar) in Gallien, wo ihm 357 beim heutigen Straßburg ein grandioser Sieg über die Alamannen gelang. Besonders interessant ist Rosens Interpretation der religiösen Vorstellungen Julians, der sich nach Rosen erst nach der Thronbesteigung ganz dem Heidentum zuwandte. Auch behandelt Rosen recht ausführlich die Darstellung in dem Geschichtswerk des Ammianus, der an manchen Stellen, wie der Erhebung in Paris 360, vieles eher schönfärbte und aus der faktischen Usurpation Julians eine spontane Akklamation durch die gallischen Legionen machte. Auch hier kommen Rosens Kenntnisse voll zum Tragen, hat er sich doch auch schon mit Ammianus in einer früheren Studie befasst.

Viel Platz nimmt verständlicher Weise die "Reformtätigkeit" Julians und abschließend der Persienfeldzug ein. Diesen hatte der Historiker Gerhard Wirth vor Jahren in einem Aufsatz kritisch analysiert und die Fehlleistungen Julians aufgezeigt ("Julians Perserkrieg. Kriterien einer Katastrophe", in: R. Klein, Julian Apostata, Darmstadt 1978). Auch wenn Rosen nicht derart hart mit Julian ins Gericht geht - insgesamt überwiegt doch die Kritik an diesem ganz und gar unnötigen Abenteuer; war doch die Grenze nicht gefährdeter als sonst, zumal sich die Defensivpolitik von Julians Vorgängern durchaus bezahlt gemacht hatte.

Dennoch ist Rosens Kritik an Julian nicht grundlos, wie er auch an anderen Stellen die Leistungen Julians würdigt. Am Ende bleibt das Fazit eines gescheiterten Romantikers, der sich mit ganzem Herzen seiner Sache verschrieben hatte, dabei aber auch schwerwiegende Fehler beging und teils auch die Realität verkannte.
Fazit
Erwartet man eine hochtrabende und idiosynkratische Sprache, so wird man von der Biographie enttäuscht sein. Rosens Stil ist bodenständig, aber sehr gut lesbar; vor allem aber ist Rosen ein Kenner der Materie, mit der er sich kritisch-objektiv auseinandersetzt. Meiner Meinung nach ist dieses Buch die beste Darstellung Julians seit der grandiosen Biographie von Bidez aus dem Jahr 1930, wobei ich aber als Ergänzung weiterhin zu Bidez, Bowersock und auch Bringmann raten möchte.

Abschließend sei bemerkt, dass im Klett-Cotta Verlag wieder einmal, nach Welweis Spartabuch, der Neuauflage der Alexanderbiographie von Robin Lane-Fox oder Symes Römischer Revolution, eine mehr als gelungene Darstellung zu einem interessanten Abschnitt der antiken Geschichte vorliegt. Allerdings sei ebenso darauf hingewiesen, dass die Anmerkungen wieder als Endnoten, nicht als Fußnoten beigegeben sind, was teilweise unnötiges Blättern notwendig macht.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 12. Juni 2006

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