Ende August 1989. Eine junge Frau besteigt in Dresden einen Zug nach Budapest.
Zwei Monate vor der Wende faßt sie ihren Entschluß, die repressive Heimat und
einengende Familie zu verlassen. Ihr Plan: sie will nach Ungarn, und sich von
dort aus irgendwie über die grüne Grenze nach Österreich durchzuschlagen. Die
langen Stunden der Zugfahrt füllen sich mit schmerzlichen Erinnerungsbildern:
vom Vater, dem "nicht anders könnenden Mann", einem lebenslustigen
Musikpädagogen und DDR-Spion im Westen. Von der Mutter, einer "kleinen,
stillen Frau", die auch dann noch schweigt, als der Vater dem Mädchen
gegenüber gewalttätig wird. Von ihr selbst, dem "schwierigen Kind",
wie sie mit ihrer ungarischen Freundin Szusza tanzen geht oder ihren Geliebten
Bo küsst. Das ganze Buch ist im Grunde ein langer Abschied. Erst dieser macht es
möglich, dass der letzte Schritt, Trennung und Aufbruch in ein neues Leben getan
werden kann. Für diese Erinnerungen, sei es private Trauer oder seien es die
Drangsalierungen durch das DDR-System, hat Ines Geipel eine eigene Sprache
gefunden. Feinfühlig ertastet sie Worte, wehmütige Bilder, poetische
Beschreibungen. Kühle, knappe Sätze, ohne jegliches Geschwätz. Ausgezeichnet
wurde die 1960 in Dresden geborene Autorin, deren eigene Biografie dem Roman
zugrunde liegt, bereits mehrfach: als ehemalige Weltklasse-Sprinterin und
-Weitspringerin, als Journalistin für ihre Arbeiten zum Zwangsdoping des
DDR-Sportapparats oder zum Schulmassaker in Erfurt - und nun ist ihre
bemerkenswerte Prosa dran.
Fazit
Ines Geipel ist ein Multitalent, die ohne weiteres auch in der Liga
ernstzunehmender Autoren mitmischen kann. Auch das Spiel mit Worten liegt ihr.
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