Gregor Schöllgen: Jenseits von Hitler: Die Deutschen in der Weltpolitik von Bismarck bis heute

Jenseits von Hitler: Die Deutschen in der Weltpolitik von Bismarck bis heute

Verlag: Propyläen Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-549-07203-5

Preis: 35,10 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Gregor Schöllgen hat mit dem vorliegenden Band einen soliden Überblick über die deutsche Außenpolitik von 1871 bis heute vorgelegt. Im Gegensatz zu ähnlichen Darstellungen von Klaus Hildebrand oder Sebastian Haffner lässt er die deutsche Außenpolitik nicht mit dem Jahr 1945 enden, sondern nimmt auch die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 in den Blick. Hier knüpft er an eigene frühere Publikationen, etwa "Der Auftritt" oder "Die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland" an. Insgesamt bilanziert Schöllgen völlig korrekt, dass Hitler in keiner deutschen Tradition gestanden hat, am wenigsten in der protestantisch-deutschen (S. 374). Hier knüpft er explizit an Feststellungen Sebastian Haffners an, dessen Werke er als eine der wenigen von Zeithistorikern zitiert. Ansonsten fällt bei dieser kompakten Darstellung der deutschen Außenpolitik auf, dass sich Schöllgen weniger auf Sekundärliteratur, also Bewertungen von Zeithistorikern, stützt, als auf Primärliteratur, insbesondere die Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland bzw. ihren Vorgängern. Dies hat den Vorzug einer quellen- und zeitnahen Darstellung. Besonders gut gefallen hat mir auch, dass Schöllgen - vermutlich aus diesem Grunde - der Versuchung widersteht, die Geschichte rückwirkend, aus unserer heutigen Sicht, darzustellen. Er analysiert wichtige Ereignisse, etwa die zunehmende deutsche Isolierung im Kaiserreich unter Wilhelm II. immer aus Sicht der damaligen Akteure, die eben 1897 noch nicht wissen konnten, wie die Entwicklungen bis 1914 verliefen. Dies gefällt mir gut, weil die unmittelbaren Motive der Akteure zum jeweiligen Zeitpunkt, der - gerade in jener Zeit - auch durch Entwicklungen im asiatischen Raum und des japanisch-chinesischen Konfliktes beeinflusst wurden, dargelegt wurden.

Dennoch gibt es auch Kritikpunkte. So wird die Wechselwirkung zwischen Außen- und Innenpolitik überhaupt nicht berücksichtigt, Außenpolitik scheint sich für Schöllgen im "luftleeren" Raum abzuspielen. Hierfür ein Beispiel: die - sicherlich folgenreiche - Kolonialpolitik Bismarcks ist - wie Sebastian Haffner treffend dargestellt hat - hauptsächlich innenpolitisch motiviert worden, um die england-freundliche Politik des damligen Kronprinzen, Friedrich III., zu konterkarieren. Auf diesen Aspekt geht Schöllgen nicht ein, weil Bismarck darüber nie offen gesprochen hat. Hier wird die Schwäche jeder Quellenstudie deutlich; Quellen können nur insofern aussagekräftig sein, als die wahren Motive der Akteure dort auch klipp und klar benannt werden. Und ob die Deutschen jemals "aus dem Schatten Adolf Hitlers" treten, wie es der Verfasser mehrfach postuliert, wage ich zu bezweifeln. Hier klingt für mich - wie auch an den Stellen, die darlegen, die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Diktatur im gesamten Geschichtsverlauf müssten relativiert und in eine gesamten Geschichtsbetrachtung eingebettet werden- der Versuch an, sich der (lästigen?) Vergangenheit nicht mehr stellen zu müssen und endlich (?) Normalisierung zu betreiben. Ähnliche Töne hatte Schöllgen schon in seinem an sich gut lesbaren Buch: "Der Auftritt" angeschlagen, in dem er die "Rückkehr Deutschlands auf die Weltbühne" als neue Macht in der Mitte Europas (in Anlehnung an eine Publikation von Hans-Peter Schwarz aus dem Jahre 1994)begrüßte. Recht hat Schöllgen aber zweifellos darin, dass die Gründung des deutschen Reiches ein Danäer-Geschenk gesesen ist und dass - hier wieder Haffner zitierend - "der höchste Triumpf Bismarcks schon die Wurzeln seines Scheiterns enthielt" (S. 19), weil eben eine neue Großmacht entstand, die sich eben seit Wilhelm II. nicht als "saturiert" verstand, sondern - spätestens seit 1897 - einen "Platz an der Sonne" ergattern wollte und somit mit den anderen Mächten in Konflikt geraten und - durch die törichte Politik des Kaisers und der deutschen Eliten (Stichwort: Flottenpolitik gegen England) - in die Isolation geraten musste.
Fazit
Insgesamt bei weitem nicht so faszinierend wie Haffners: "Von Bismarck zu Hitler" und nicht so detailliert wie Klaus Hildebrands: "Das vergangene Reich", aber dennoch ist das Werk eine insgesamt solide erste Einführung in die Außenpolitik, die diese bis in unsere Gegenwart fortschreibt.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 30. Oktober 2005

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