Iwan Bunin: Verfluchte Tage

Verfluchte Tage

Verlag: Dörlemann Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: klassische Literatur
ISBN-13 978-3-908777-17-5

Preis: 19,80 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Oh traurig, traurig ist mir! Schweres Dunkel legt sich auf den fernen Westen, das Land heiliger Wunder: Die früheren Leuchten brennen nieder und verblassen!" Dieser prophetische Ausspruch von Alejek Chomjakov, eines panslawistischen Dichters aus dem 19. Jahrhundert, kam mir in den Sinn, als ich das Revolutionstagebuch Iwan Bunins las, welches erstmals jetzt auf deutsch veröffentlicht wurde und ein schonungsloses Bild der russischen Revolution vermittelt. Bunin ist sicherlich der bekannteste der russischen Schriftsteller der russischen Emigrationswelle. Er erhielt für seine realistischen Publikationen, unter anderem seine Erzählung: "Das Dorf" von 1910, den Literaturnobelpreis 1933. Bunin entstammte einem alten Adelsgeschlecht und erlebte dessen Niedergang mit. Ähnlich wie Anton Tschechow, von dem er stark beeinflusst und freundschaftlich verbunden war, schildert er - wie Chomjakow oben - den Niedergang Rußlands. Sein Schaffen kreiste um Rußland, seine sozialen Probleme und seine landschaftliche Schönheit. Das "Dorf" war Rußland. Er lehnte die Idealisierung des russischen Bauern und Volkstums, wie es andere Schriftsteller taten, rigoros ab. Er steht immer auf der Seite der "Erniedrigten und Beleidigten". Dies wird auch in seinem Revolutionstagebuch ersichtlich, welches, wie Thomas Grob in seinem hervorragenden Nachwort erklärt, ein apokalyptisches Bild des Untergangs der russischen Kultur packend beschreibt. "Verfluchte Tage" sind mehr als ein Tagebuch. Ein solches gab es zwar, wie Grob erläutert. Es wurde jedoch von Bunin lediglich als Grundlage für die vorliegenden Aufzeichnungen verwendet. Er arbeitete neue Quellen ein und hat bis in seine letzten Lebensjahre daran gearbeitet. Wie Grob zu recht darstellt, rekonstruiert das Tagebuch das Chaos und die Unordnung der Revolution. Gerüchte aller Art ersetzen die Gewißheit über Gegenwart und Zukunft, überall wird Verfall sichtbar. Eine Szene macht dies exemplarisch deutlich. Eine Dame klagt: "Wem geht es denn besser mit den Bolschewiki? Allen geht es schlechter, und in erster Linie doch uns, dem VOlk! Eine augetakelte Schlampe fiel ihr ins Wort, mischte sich naiv ein und fing an, jeden Augenblick kämen die Deutschen, und dann müssten alle dafür büßen, was sie angerichtet haben. "Ehe die Deutschen kommen, schlachten wir euch alle ab", sagte der Arbeiter kalt und ging davon."
Wolfgang Kasack hat konstatiert: "Es [das Werk: "Die verfluchten Tage", B.N.] gibt eine beklemmende Vorstellung vom Zusammenbruch Rußlands, von der Klarheit, mit der Bunin das Kommende sah, nd vom Verhalten einiger Schriftsteller unter den sich verschiebenenden Machtverhältnissen." Diesem Diktum ist nichts hinzuzufügen. Am ehesten hat mich Nina Berberovas Erzählung: "Die Damen aus Sankt Petersburg", die das Schicksal zweier Frauen auf der Flucht vor revolutionären Truppen aus St. Petersburg thematisiert, an Bunins Werk erinnert. Eine der beeindruckendsten Bücher der Gegenwart. Für mich ist Iwan Bunin sowieso einer der größten, wieder zu entdeckenden Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Ihn mit seinem Revolutionstagebuch wieder neu zu entdecken, ist ein bleibendes, wenn in diesem Fall auch bedrückendes Erlebnis, weil es zeigt, zu welcher Intoleranz und zu welchem Hass entfesselte Ideologien fähig sind.
Fazit
Der Feststellung von Stephan Wackwitz in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. Oktober 2005: "Bunins Tagebücher...können einen immunisieren gegen die Faszination, die hohe Ideen entfalten, wenn sie sich mit dem niedrigen Ressentiment verbünden und mit diesem Bündnis "ihre Zeit gekommen sehen", ist nichts hinzuzufügen.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 22. Oktober 2005

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