George R. R. Martin: A Feast for Crows

A Feast for Crows

Verlag: Voyager [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Fantasy
ISBN-13 978-0-00-224743-6

Preis: 2,96 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Das vorliegende Buch rezensieren zu können, ist für den Verfasser dieses Beitrags ein ganz besonderes Vergnügen: George R. R. Martins Fantasy-Epos "A Song of Ice and Fire" (in Deutschland: "Das Lied von Eis und Feuer") gehört sicherlich mit zum Besten, was die Fantasyliteratur zu bieten hat. Angesiedelt in einer Welt, wo die Jahreszeiten Jahrzehnte andauern können, die Magie fast ganz erloschen ist und die Adelshäuser ein komplexes Spiel um die Macht führen, und wo Verrat und Ehre oft austauschbar sind, gelang es Martin, teils neue Wege zu gehen. Ähnlich wie Steven Erikson ("A Tale of the Malazan Book of the Fallen"-Zyklus), Guy Gavriel Kay, Robert Jordan ("Wheel of Time"), Robin Hobb und andere gehört Martin zu den Autoren der so genannten High-Fantasy. Man könnte auch sagen: sie bilden die Fraktion der "Anti-Harry Potters". Vor allem Martin und Erikson haben jedoch im Charakterbereich ein Element verstärkt eingefügt, was vor ihnen in diesem Genre kaum eine Rolle spielte: die gebrochenen Helden. Kaum einer der Charaktere dieser beiden Autoren entspricht dem ansonsten fast üblichen Schwarz-Weiß-Muster, Hauptfiguren können unerwartet (und oft auch auf sehr brutale Art und Weise) umkommen, und beide haben über viele Jahre hinweg eine sehr authentische und äußerst komplexe Fantasywelt aufgebaut, die ihresgleichen sucht. In Martins Welt fliessen viele historische Elemente ein: So dienen für den Konflikt zwischen den Adelshäusern Stark, Lannister, Baratheon und Targaryen, offenbar die Rosenkriege zwischen den Häusern York und Lancaster des 15. Jahrhunderts in England als Hauptmotiv, wobei Martin dies aber nur als Folie nutzt und ansonsten völlig eigenständig agiert - und dadurch eine sehr viel komplexere Handlung ausbreitet.

Nach langer Wartezeit ist nun endlich der vierte Band von Martins "A Song of Ice and Fire"-Reihe erschienen: "A Feast for Crows", wobei Martin nicht alle gewünschten Elemente unterbringen konnte. Über Jahre verzögerte sich das Erscheinen, weil Martin Passagen ändern und Storyentwicklungen neu konzipieren musste. Die Fans waren relativ geduldig, obwohl diese Verzögerung zu wilden Spekulationen in diversen Internetforen führte. Eingefleischte Fans wissen schon seit einiger Zeit (dank dem Internet), dass Martin viele Handlungsstränge in das nächste Buch der Reihe, "A Dance with Dragons", ausgliedern musste. Das vorliegende Buch behandelt deshalb nur einen Teil der bekannten POVs (Charaktere, aus deren Blickfeld die Story beschrieben wird). Da das Buch bisher nur im Vereinigten Königreich erschienen ist (in den USA wird es erst im November veröffentlicht), und da außerdem bis zur deutschen Übersetzung noch einige Zeit verstreichen wird, andererseits aber sicherlich einige Fans sehr ungeduldig warten, werden in dieser Rezension nur einige allgemeine Punkte angesprochen, die aber dennoch m. E. nach hilfreich bei einer Kaufentscheidung sein können.

Die Handlung knüpft da an, wo das letzte Buch "A Storm of Swords" sein Ende genommen hat: Die sieben Königreiche von Westeros sind von dem Krieg der fünf Könige in weiten Teilen verwüstet. Robb Stark, Lord of Winterfell, King in the North and King of the Trident, ist tot, ermordet während der "Red Wedding", als er entgegen des Gastrechts von seinen ehemaligen Verbündeten verraten wurde. Aber auch Tywin Lannister, die Hand des Kindkönigs Tommen, ist nicht mehr unter den Lebenden, ermordet von seinem Sohn Tyrion, genannt der Gnom, der in den Osten geflüchtet ist. Währenddessen reist die totgeglaubte Arya Stark in die Freie Stadt Braavos, wobei ihr einziger Gedanke ist, Rache zu nehmen für den Mord an ihrem Bruder Robb und dem Tod ihrer Eltern, Eddard Stark und Catelyn Tully. Auch wenn sie nichts davon ahnt, sind ihre anderen Geschwister aber noch am Leben: Während Bran erst im nächsten Buch vorkommen wird (und Rickon erstmal außen vor bleibt), befindet sich Sansa Stark unter dem "Schutz" des dubiosen Petyr Baelish, genannt "Littlefinger", der versucht, die Macht im Tal von Arryn an sich zu reißen und der dabei Interesse an Sansa zeigt, die seiner Jugendliebe Catelyn immer mehr ähnelt.

Währenddessen verliert sich die königliche Regentin Cersei Lannister (die für den Tod ihres Mannes, König Robert Baratheon und somit für die faktische Machtübernahme durch das Haus Lannister gesorgt hat; siehe Martin: "A Game of Thrones" sowie "A Clash of Kings" und "A Storm of Swords") in der Hauptstadt King's Landing immer mehr in ihren Wahnvorstellungen, nur sie könnte das Reich regieren - wobei Cersei die große Allianz mit dem mächtigen Haus Tyrell immer mehr in Gefahr bringt. Ihr Zwillingsbruder Jaime, genannt der "Königsmörder", mit dem sie vorher ein inzestuöses Verhältnis gepflegt hatte, wendet sich immer mehr von ihr ab und begibt sich schließlich in die Flusslande, um dort den letzten verbliebenen Widerstand von Stark-Loyalisten zu brechen. Brienne von Tarth, neben Cersei ein neuer POV-Charakter (einige, ursprünglich für den Prolog gedachte POVs, wurden über das Buch verteilt), hat sich derweil auf die Suche nach Sansa Stark gemacht, um damit ihr Versprechen gegenüber Lady Catelyn zu erfüllen.

Samwell Tarly, ein Mann der Nachtwache, welche seit Jahrhunderten die durch eine gewaltige Eismauer befestigte Nordgrenze der Sieben Königreiche schützt, und, wie er selbst von sich sagt, ein Feigling ist, macht sich auf Befehl des Lordcommanders Jon Snow auf den Weg nach Oldtown, um dort in der Citadel unterrichtet zu werden, während die Nachtwache sich für den bevorstehenden Kampf mit den "Others" rüstet - einer rätselhaften, fremden Rasse, die auch in alten Erzählungen erwähnt wird und denen Stahl nicht anhaben kann. Kaum jemand im Reich nimmt die Warnungen der Nachtwache ernst, und selbst Stannis Baratheon, einer der Anwärter auf den Thron, der sich nach seiner Niederlage gegen die Lannisters an die Mauer geflüchtet hat, plant vor allem sein weiteres Vorgehen im Norden, um die Initiative wieder zu gewinnen.

Die an Wikinger erinnernden Ironmen hingegen planen ebenfalls ihre nächsten Schritte: Nun befehligt von Euron Greyjoy, fallen sie in die "Weite" ein (den reichen Territorien des Hauses Tyrell), die bisher von dem Krieg weitgehend verschont wurde. Im südlichsten der sieben Königreiche, Dorne, brodelt es nicht minder: Die Rufe, Rache an den Lannisters zu üben, die Jahre zuvor, während des Bürgerkriegs gegen das damals herrschende Haus Targaryen, auch Mitglieder der dornischen Prinzenfamilie umbrachten, und die nun für den Tod von Oberyn Martell verantwortlich gemacht werden, werden immer lauter. Doran Martell, Prinz von Dorne, scheint fast phlegmatisch geworden zu sein - doch er verfolgt, ebenso wie viele andere, weitreichendere Ziele. Währenddessen gelangen nach Westeros immer mehr Geschichten von einer Königin im Osten, die drei Drachen besitzen soll - Daenerys Targaryen, das letzte überlebende Kind des letzten Königs aus dem Hause Targaryen, Aerys II., der nun vor gut 17 Jahren von Jaime Lannister ermordet worden ist.

Der Stil Martins ist gewohnt erstklassig: Vor allem vielen kleineren Erzählungen wird deutlich mehr Platz eingeräumt, wobei der gewohnte, eher düstere Grundton beibehalten wurde. Gleichzeitig wird die Haupthandlung aber weniger als erhofft vorangetrieben, wenngleich Martin durchaus die eine oder andere Überraschung parat hat. Cersei und Brienne haben mir persönlich insgesamt weniger zugesagt, was aber freilich Geschmackssache ist. Viele Handlungen sind auch weniger miteinander verknüpft, als dies in den vorherigen Büchern der Fall war; auch mag man sich darüber streiten, ob denn nun das Buch unbedingt nötig gewesen ist und es nicht vielleicht doch sinnvoller gewesen wäre, eine zusammenhängende und gestrafftere Darstellung aus den Büchern "Feast" und "A Dance with Dragons" zu schreiben. Doch sei es drum: das Buch ist keinesfalls schlecht, sondern wirkt im Gegenteil an einigen Stellen deutlich ruhiger als die vorherigen Bände, wodurch die Handlung teils intensiver auf den Leser einwirkt. Ein Leser, der sich ein zweites "Storm of Swords" erhofft hat, wird sicherlich enttäuscht sein. Dennoch wäre es auch unfair, Martin an seinem wohl bisher besten Buch zu messen, welchem, daran sollte man sich erinnern, auch eine gewisse "Vorlaufszeit" durch "A Clash of Kings" zur Verfügung stand. Daran gemessen dürfen wir für "A Dance with Dragons" Großes erwarten - wie diverse Preview-Kapitel bereits deutlich machen. Störender ist da schon eher das Fehlen von lieb gewonnen Charakteren wie Tyrion und Dany sowie Jon (der im vorliegenden Buch nur kurz und am Rande vorkommt). Dennoch ist eine Trennung nach Handlungsorten - wenn man schon die Handlung aufsplitten will - auch m. E. sinnvoller.
Fazit
Wie bereits gesagt: das Buch ist kein Meilenstein, aber sicherlich eine hervorragend durchdachte und glänzend erzählte Geschichte, die sich kein Fan entgehen lassen sollte, wenngleich die Handlung sicherlich nichts für Kinder ist. Für den Einsteiger ist der Band ebenfalls kaum geeignet - ihr/ihm dürften viele Nuancen entgehen, selbst wenn der Einstieg in die Handlung gelingen sollte. Zwei äußerst ärgerliche Punkte sollen zum Schluss noch angesprochen werden: Zum einen sind die der UK-Version beigefügten Karten ein deutlicher Rückschritt gegenüber "Storm", zudem hätte die Erklärung Martins, weshalb "Feast" nun das Buch ist, was es ist, eindeutig nach vorne gehört. Beides ist schlechter Stil, mindert freilich den Lesegenuss nur am Rande.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 19. Oktober 2005

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