Bowering Sivers: Kleine Diebe in großer Gefahr

Kleine Diebe in großer Gefahr

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Kinder- und Jugendliteratur
ISBN-13 978-3-499-21328-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Die Brüder Jem, Ned und Billy haben es faustdick hinter den Ohren, streunen jeden Tag durch die Straßen Londons und nehmen es mit "mein" und "dein" nicht immer so ganz genau. Ihr tägliches Leben ist ein Kampf ums Überleben, denn die Familie Perkinski ist arm, stammt von Zigeunern ab und lebt in zwei alten, herunter gekommenen Wohnwagen in einem ärmlichen Stadtteil Londons. Wie ihnen geht es zur Regierungszeit Königin Viktorias im 19. Jahrhundert - der Handlungszeit des Romans - vielen Menschen in England, und so wundert es auch nicht, dass Armut das beherrschende Thema des Buches "Kleine Diebe in großer Gefahr" von Bowering Sivers ist.
Bei einem der kindlichen Streifzüge durch die Stadt wird Billy, der jüngste der drei Brüder, entführt. Er findet Unterkunft bei einem Schornsteinfeger, der sich auf diese "ungewöhnliche" Art immer wieder neue Lehrlinge für sein schmutziges Handwerk sucht: Er raubt kleine Kinder - Billy ist gerade einmal fünf Jahre alt - schlichtweg von der Straße. Um ihr bisschen Essen zu verdienen, müssen die Kleinen dann tagein, tagaus Kamine hoch- und runterklettern und diese säubern. Eine verdammt schmutzige Arbeit, die mit vielen Gefahren verbunden ist.
Dass dabei nämlich mancher immer wieder schwer verletzt wird und sogar zu Tode kommt, erfährt Billy gleich am ersten Abend im Hause seines neuen Lehrmeisters. Denn hier leben noch einige andere Jungen, nur ein wenig älter als er selbst, aber mit sehr viel Erfahrung, was das Schornsteinfegerhandwerk betrifft. Ihr Anführer ist Pete, ein Junge mit großem Herzen und viel Sinn für Gerechtigkeit.
Zeitgleich macht sich Billys Familie am anderen Ende der Stadt natürlich große Sorgen um den verschwundenen Filius. Die Suche nach dem jüngsten Spross der Familie beginnt, jeder versucht sein Bestes, doch schließlich haben Jem und Ned die zündende Idee. Sie befragen einfach ihre "Gran", die Großmutter, nach dem Verbleib des Bruders. Gran ist nämlich Hellseherin und Hexe in einer Person.
Natürlich glauben alle, dass Großmutters Fähigkeiten reiner Schwindel sind, doch dieses Mal scheint sie tatsächlich Recht zu haben. In ihrer Glaskugel sieht sie Billy in den Händen von Terror, einen gefürchteten und maßlos brutalen Mann, der im Londoner Stadtteil Walworth wohnt.
Ihm wird nachgesagt, dass er Kinder raubt und tötet - aber natürlich erzählt man sich in London diese Geschichten nur hinter vorgehaltener Hand. Denn niemand möchte etwas mit Terror zu tun haben.
Doch Jem und Ned sind tapfer. Sie wollen ja schließlich ihren kleinen Bruder retten. Und so begeben sie sich tatsächlich in die Höhle des Löwen, eine Gastwirtschaft namens George & Dragon, wo Jim Rippen alias Terror sein Lager aufgeschlagen hat. Terror kann es dann auch kaum fassen, dass gleich zwei Jungen freiwillig zu ihm kommen! Er nimmt sie natürlich in seinen Dienst, sperrt sie aber genauso wie alle anderen Jungen im Keller ein, wo sie wie Tiere gehalten werden.
Billy gelingt derweil die Flucht von Mr. B, dem Schornsteinfeger. Denn der geht noch einer Nebenbeschäftigung nach: Nachts, wenn alle schlafen, bricht er in die Häuser seiner Auftraggeber ein, um deren Wertsachen zu stehlen. Bei einer seiner Diebestouren, zu denen Mr. B die Kinder ebenfalls als Handlager missbraucht, geht etwas schief. Glück für Billy, so will es scheinen, zumindest auf den ersten Blick, denn er kann entkommen.
Doch der Junge ist alleine und fürchtet sich. So ist Billy froh, dass er diesem feinen Pinkel begegnet. Den kennt er von einem Besuch bei Gran und vertraut sich ihm an. Doch dieser junge Mann, der sich als Sohn eines Herzogs ausgibt, ist niemand geringerer als der Neffe von Terror, dem Mann, den alle fürchten. Und genau bei dem liefert er Billy dann auch ab.
So finden die Brüder schließlich in einem dunklen Kellerloch wieder zusammen. Und noch zwei Kinder gesellen sich dazu, Pete und Clem, die Tochter des Schornsteinfegers, werden Opfer eines ziemlich miesen Tricks. Denn natürlich hat Terror so seine Gehilfen in der Stadt, und gerade die haben Pete und Clem mit einem fingierten Unfall auf den Leim geführt.

Ein düsterer Roman für Kinder? Mitnichten! Ein Roman, so spannend wie ein Roman für Kinder nur sein kann. Fans von Oliver Twist und Huckleberry Finn kommen hier voll auf ihre Kosten. Die englische Schriftstellerin Bowering Sivers, die mit bürgerlichem Namen Brenda Bowering heißt, hat den Spagat geschafft, die brutale Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts im viktorianischen England in eine Handlung zu betten, die spannungsgeladener kaum sein kann, hat dabei nichts von der Härte der Zeit weggenommen und es dennoch geschafft, sie kindgerecht zu präsentieren.
Die beiden Parallelhandlungen - Billys Leben nach der Entführung und die Suche seiner Brüder nach ihm - geben eine große Bandbreite dessen wieder, was zu dieser Zeit in einer Großstadt wie London tatsächlich hätte passieren können.
Die Autorin zeigt Alltägliches, ohne es zu verschönern, lässt aber auch den Hoffnungsschimmer durchblicken, den vielleicht jeder Mensch braucht, um in einer solchen Wirklichkeit zu überleben.
Diese positive besetzte Figur ist Clem, ein Mädchen, das dank einer Fuß-Verkrüppelung selbst ein hartes Schicksal zu meistern hat. Sie ist das Bindeglied zwischen Gut und Böse, zwischen Schicksal und Hoffnung. Clem hilft den Kindern, die im Dienste ihres Vaters, dem Schornsteinfeger Mr. B stehen, wo sie nur kann. Gibt ihnen Essen und Liebe - und ist dabei doch selbst noch ein Kind.

Ein Roman nur für Kinder? Mitnichten! Ein Buch, das Eltern wahrscheinlich aus einem ganz anderen Blickwinkel lesen werden als ihre Sprösslinge. Die jungen Leser werden die atemberaubend spannende Geschichte in den Vordergrund rücken. Erwachsene aber werden mehr dahinter hinter dem Buch sehen (wollen) - und sicher das ein oder andere Mal über die Brutalität erschrocken sein, die zwar niemals direkt ausgeübt, aber immer wieder verbalisiert wird. Aber so war sie nun einmal die Zeit, und auch Oliver Twist, an dessen Geschichte "Kleine Diebe in großer Gefahr" mehr als einmal erinnert, ist heute längst ein Klassiker der Weltliteratur, mehrfach verfilmt. Charles Dickens, der das Buch 1838 auf den Markt brachte, übte hier Gesellschaftskritik pur und prangerte die Missstände seiner Zeit literarisch an.
Fazit
"Kleine Diebe in großer Gefahr" - ein Buch, das sicher von sich reden machen wird. Allerdings, so ein kleiner Kritikpunkt an diesem ansonsten fantastischen Werk, hätte das Buch einen aussagekräftigeren Titel verdient. "Kleine Diebe in großer Gefahr" trifft die Geschichte zwar quasi "in des Pudels Kern", doch ist er nicht unbedingt ein Magnet, um junge Leser in die Geschichte zu ziehen. Zumal die "kleinen Diebe", heißt die Leser, die das Buch ja erstrangig ansprechen soll, mindestens schon zehn Jahre alt sein sollten - und da lässt man sich eben nicht mehr so gerne als "klein" ansprechen.
Dem puren Lesegenuss allerdings steht dieser Titel nicht im Wege...
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Martina Meier [Profil]
veröffentlicht am 17. Oktober 2005

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