Herfried Münkler: Imperien

Imperien

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-87134-509-8

Preis: 19,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Herfried Münkler ist wohl einer der bekanntesten Politologen Deutschlands. Mit seinem Buch "Die neuen Kriege" (Rowohlt: 2002) wagte er sich an ein Thema heran, welches in Deutschland lange Zeit kaum Beachtung gefunden hat. Ähnlich verhält es sich mit seinem neuen Buch "Imperien". Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion schien es so, als würden Imperien der Vergangenheit angehören. Dies änderte sich spätestens mit der Regierungszeit von G. W. Bush jr., der einer unilateralen Politik den Vorzug gab und die Rolle eines "gütigen Hegemons", den die USA lange Zeit im Westen ausgeübt hatten, eintauschte gegen die einer nur auf ihre eigenen Interessen bedachten Supermacht.

Münkler, ein Experte für den Bereich Ideengeschichte (war er doch Mitherausgeber von "Pipers Handbuch der Politischen Ideen") und hervorragender Machiavellikenner, versucht in komparativer Betrachtung vergangener Imperien (wie dem Imperium Romanum, dem chinesischen Kaiserreich, dem Steppenreich der Mongolen, den Seereichen der Portugiesen und Spanier, dem zaristischen Russland und dem Britischen Empire) Grundmuster für die Entwicklung von Imperien und ihren Mechanismen herauszuarbeiten. Vor allem interessiert ihn, wie denn diese Imperien ihre Macht erhalten konnten. In Anlehnung an Machiavelli und Polybios entwickelt Münkler ein zyklisches Geschichtsverständnis: Imperien durchlaufen Zyklen, mal kleinere, mal größere. Am Ende eines Zyklus kann ein Imperium zerbrechen oder aber es fängt sich und durchläuft erneut einen Zyklus. Als Sollbruchstelle erweist sich für Münkler die "augusteische Schwelle", eine Bezeichnung, die er dem in Princeton lehrenden Wissenschaftler Michael Doyle entlehnt hat. Die Bezeichnung leitet sich vom ersten römischen Kaiser Octavian, genannt Augustus ab. Sie bezeichnet den Punkt, an dem die langlebigen Imperien wie das Römische Reich und China die Expansion abschlossen und zur Konsolidierung des Imperiums übergingen, wobei es gelang, die Peripherie des Imperiums an den Früchten des Erfolgs des Zentrums teilhaben zu lassen und diese Gebiete somit stärker in das Imperium zu integrieren. Ein Musterbeispiel dafür ist die von Augustus begründete Pax Romana, der römische Frieden. Andere Imperien brachen nach einigen Generationen auseinander oder begnügten sich mit der Rolle eines kolonialen Ausbeuters, was ebenfalls zu deren Untergang führte.

Münkler bietet immer wieder Fallbeispiele aus der Geschichte, um seine Urteile zu unterfüttern, wie den Vergleich des delisch-attischen Seebunds im 5. Jahrhundert v. Chr. mit der heutigen Situation zwischen den USA und ihren Verbündeten: in beiden Fällen war die Hegemonialmacht bestrebt, ihre Macht über die Bündner auszubauen und unilaterale Entscheidungen zu treffen. Freilich darf man solche Beispiele nicht zu weit führen, was Münkler auch nicht tut, aber sie machen die Darstellung sehr plastisch, gerade wenn man das leider vorhandene geschichtliche Desinteresse weiter Teile der Bevölkerung in Rechnung stellt. Münkler versucht auch den Unterschied zwischen Hegemonie und Imperium rauszuarbeiten, was ihm relativ gut gelingt, vor allem wenn man in Rechnung stellt, dass in den vergangenen Jahrzehnten in der Forschung faktisch kein Versuch unternommen wurde, eine empirische Untersuchung dahingehend zu unternehmen, was überhaupt ein Imperium ausmacht; so erörterte der Althistoriker Meiggs in seinem Standardwerk "The Athenian Empire" (was leider in der vorzüglichen Literaturliste fehlt) an keiner Stelle, was denn Merkmale eines Imperiums seien. Münkler glorifiziert die Imperiumsbildung keineswegs, dämonisiert sie aber auch nicht. Er macht dem Leser außerdem plausibel, dass der Vergleich der USA mit dem Imperium Romanum keineswegs an den Haaren herbeigezogen ist, sondern durchaus seine Berechtigung hat, zumal die Amerikaner sich selbst bewusst in diese Tradition gestellt haben - wobei sie freilich eher als Erben der res publica libera gesehen werden wollen denn als Erben des Prinzipats.

Im letzten Teil wendet sich Münkler der aktuellen Weltlage zu. Die USA stehen seiner Meinung nach an der augusteischen Schwelle. Doch sind sie gleichzeitig in der Situation, einem Europa gegenüber zu stehen, welches militärisch nicht einmal ansatzweise an sie heranreicht, wirtschaftlich jedoch längst in Konkurrenz zu den Staaten getreten ist und zudem in Teilen über eine einheitliche Währung verfügt. Die USA müssten sich nun entscheiden: binden sie Europa stärker ein oder aber versuchen sie es zu spalten und so zu dominieren (was die Bush-Administration während des Golfkriegs 2003 recht erfolgreich tat). Für Münkler jedenfalls steht fest, dass die EU den Schritt zum Imperium machen muss. Tatsächlich würden bereits teils imperiale Aufgaben wahrgenommen, doch stünde das demokratische Selbstverständnis der EU (bzw. des europäischen Einigungsprozesses) diesem Prozess im Weg.
Fazit
Münklers Studie ist gut geschrieben und klug durchdacht. Er arbeitet die strukturellen Schwächen von Imperien und auch ihre Stärken gut verständlich auf, wobei jedoch die aktuelle Lage der Schwellenländer China und Indien leider nicht berücksichtigt wird. In Deutschland jedenfalls fehlte bisher ein derartiges Buch, wobei es auch als ein Leitfaden durch die Flut von Literatur und Forschungsmeinungen bezüglich der Frage dienen kann, ob die USA tatsächlich auf dem Weg zum Imperium Americanum sind, zumal Münkler die aktuelle Forschungsliteratur mustergültig rezipiert und ein breites Spektrum von geschichtlichen Beispielen anführt.

Ein großartiges Buch, das zum Nachdenken anregt und welches bereits für viel Diskussion gesorgt hat und auch in Zukunft sorgen wird.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 10. Oktober 2005

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