Marlen Haushofer: Die Wand

Die Wand

Verlag: Claasen Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-546-44184-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
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Die Ich-Erzählerin, seit zwei Jahren verwitwet, ist von ihrer Cousine und deren Mann eingeladen worden, drei Tage mit ihnen in einem Jagdhaus in den Bergen zu verbringen. Alle drei sowie der Hund Luchs sind guter Dinge. Am Nachmittag nach der Ankunft entschließt sich das Ehepaar, einen Spaziergang ins Dorf zu machen. Die Erzählerin bleibt im Haus, und bald trottet auch Luchs zurück zu ihr. Es wird Abend, es wird Nacht, aber die beiden Spaziergänger kehren nicht zurück. Auch als die Frau am Morgen erwacht, sind die Betten noch immer unberührt. Unruhig macht sie sich an diesem strahlenden Maimorgen mit dem Hund auf den Weg ins Dorf. Aber sie kommt nicht weit: Am Ende der Schlucht, durch die der Weg hindurch führt und sich zur Straße verbreitert, heult Luchs vor Schmerz auf, er jault und winselt, und die Frau sieht erschrocken seine blutende Schnauze. Er muß sich an etwas gestoßen haben. Aber es ist nichts zu sehen. Dann stößt auch die Frau an etwas Glattes, Kühles, das sie am Weitergehen hindert. Sie denkt zunächst an eine Sinnestäuschung, aber die schmerzende und anschwellende Beule auf ihrer Stirn belehrt sie eines Besseren: Da ist eine unsichtbare Wand, hinter der die Straße weitergeht, aber die ist völlig leer. Alles, was jenseits der Wand lebte, ist tot: der Vogel, der am Boden liegt, der Mann im nächsten Gehöft, der unbeweglich an seinem Brunnen steht, die gehöhlte Hand wie mitten in der Bewegung eingefroren, zum Gesicht erhoben. Die Frau hämmert mit den Fäusten gegen die Wand, aber die bewegt sich nicht und bleibt undurchlässig. Am Abend davor muß diese Wand dahin gekommen sein, die nun das lebendige Hier vom erstorbenen Drüben trennt, von jenem Drüben, in dem auch die Cousine und ihr Mann offensichtlich vom Tod überrascht worden sind.

In den folgenden Tagen macht sich die Frau mit Luchs, dem einzigen ihr noch verbliebenen lebenden Wesen, noch mehrfach auf den Weg, um die Wand zu erforschen und nach Fluchtmöglichkeiten zu suchen. Aber die Wand scheint in beiden Richtungen endlos zu sein, ihr Ende in der Höhe ist unerreichbar, und auch durch die Erde kann man sich nicht auf die andere Seite hindurchgraben. Irgendwann erkennt die Gefangene, daß es nicht möglich ist zu entrinnen, und also sucht sie sich nach und nach in ihrer begrenzten Welt einzurichten, so gut es geht. Glücklicherweise sind im Jagdhaus ausreichend Lebensmittelvorräte vorhanden und auch die wichtigsten Dinge des täglichen Gebrauchs wie Haushaltsgeräte, Kerzen, Zündhölzer usw. Natürlich hofft die Frau, daß die Wand, für deren Ursache und Herkunft es keinerlei Erklärung gibt, eines Tages ebenso plötzlich wieder verschwinden würde, wie sie gekommen ist, oder daß vielleicht ein zufällig auftauchendes Flugzeug die Rettung bringen könnte, oder daß noch ein anderer Mensch käme, mit dem gemeinsam sich ein Ausweg finden ließe. Aber zunächst findet sich nur eine Katze und eine Kuh, die ihr zulaufen und die gemeinsam mit Luchs, dem treuen Gefährten, für lange Zeit die einzigen Mitbewohner im Jagdhaus bleiben. Sehr viel später soll sich zwar auch die Sehnsucht nach einem menschlichen Wesen erfüllen, aber diese kurze Begegnung endet sehr tragisch.

Aus Wochen werden Monate und aus Monaten Jahre. Nach mehreren Sommern bekommt die Katze Junge, und die Kuh kalbt. Für die Tiere zu sorgen macht den Hauptinhalt des Alltags der Frau aus, gibt ihm Aufgabe und Struktur und erhält letztlich ihren Lebenswillen. Als sie fast alle verloren hat, greift sie schließlich zu den letzten Schreibgeräten, die ihr noch verblieben sind, einem fast ausgetrockneten Kugelschreiber sowie drei Bleistiftstummeln, und bringt ihre Geschichte zu Papier. Ob jemals ein Mensch sie lesen wird, weiß sie nicht.


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Die Autorin gibt der Ich-Erzählerin den Sprachstil einer praktisch veranlagten Frau unserer Tage im mittleren Lebensalter, die mit ihrer Natürlichkeit und Authentizität überzeugt. Einerseits glaubt man dieser Frau, daß sie bisher nicht zu schreiben gewohnt war und bescheinigt ihr gerade deshalb gern, daß sie es gut kann. Sie hat sich vor diesem tiefen Einschnitt in ihr Leben auch nie besonders mit philosophischem Denken beschäftigt und wohl auch kaum groß über fundamentale Lebensfragen reflektiert. Das wird ihr in der Jagdhütte auch deutlich bewußt: So vieles hat sie einmal gelernt, aber kaum etwas weiß sie wirklich. Das macht sie dem heutigen Leser sympathisch, weil er sich in ihr wiedererkennt. Daher paßt es auch sehr genau zu dieser Figur, daß der Text in einer einfachen, klaren Sprache geschrieben ist, die bescheiden wirkt, auf jedes Pathos verzichtet und frei ist von vordergründiger Psychologisierung ebenso wie von allzu leicht durchschaubaren Deutungsangeboten. Vor allem in diesem Stil offenbart sich die Meisterschaft der Autorin.

Deutungen vorzunehmen und Gefühle nachzuempfinden ist und bleibt die Sache des Lesers. Aber das dürfte ihm auch nicht schwerfallen, denn die Geschichte ist von Anfang bis Ende eine groß angelegte und bis ins kleinste Detail fein ausgearbeitete Parabel voller Metaphern. Da ist alles aufeinander abgestimmt und stimmig. Das zentrale Motiv ist die unüberwindbare Wand, die sich als unbarmherziges Schicksal plötzlich und unvorhersehbar vor uns auftut und unsere ganze Lebensplanung zunichte macht. Hinter dieser gläsernen Wand geht die Straße weiter - aber nicht mehr für uns. Das "Drüben", zum Greifen nah, ist uns mit einem Schlag unerreichbar geworden. Wir sind unentrinnbar gefangen in der Situation, wie sie nun ist, und nichts ist mehr so, wie es war. Nun müssen wir zusehen, wie wir damit fertig werden. Diese Erfahrungen können wir alle machen, und viele haben sie schon machen müssen. Aber die Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die Wand. Die einen können und wollen sich nicht mit ihr abfinden, und sie vergeuden ihre ganze Kraft in einem Kampf, den sie nicht gewinnen können. Damit aber zerstören sie letztlich ihr Leben und sich selbst. Die anderen lernen die Wirklichkeit zu akzeptieren, freilich ohne gänzlich hoffnungslos zu werden, und richten sich in der neuen Situation bestmöglich ein. So macht es die Frau in diesem Roman. In ihrer ausweglos scheinenden Lage könnte der Zweifel am Sinn des Weiterlebens die Oberhand gewinnen. Freilich hat auch sie mitunter den Gedanken gehabt, ob es nicht klüger wäre, sich beizeiten umzubringen, anstatt einem Dahinvegetieren ohne einen Menschen und - im Falle ernster Krankheit und Hilflosigkeit - ohne Arzt und Hilfe zu sein oder dem Verhungern entgegensehen zu müssen, wenn eines Tages alle Vorräte aufgebraucht sein würden. Aber da waren ja die Tiere. Für sie mußte sie leben. Als die Tiere dann bis auf eines nicht mehr da waren, war es das Aufschreiben ihres Berichtes, dessentwegen sie leben mußte. Danach würde es ganz sicher wieder etwas anderes sein, das sie am Leben hielt.

Die Existenz der Wand wirft also unter anderem solche Fragen auf wie:
- Wofür lebe ich eigentlich?
- Wofür lohnt es sich zu leben?
- Was gibt meinem Leben Sinn?
- Woraus schöpfe ich an jedem Morgen immer wieder neu den Willen und die Kraft zum Aufstehen?
- Welche Aufgabe stellt mir das Leben in einer scheinbar ausweglosen Lage?
- Welche Fähigkeiten sind mir geschenkt oder welche kann ich in mir entwickeln, damit ich diese Aufgabe zu lösen vermag?
- Kann ich auch dann noch eine Hoffnung haben, wenn es keine mehr zu geben scheint?

Der Roman gibt auf diese Fragen, ohne sie etwa in ihrer Schwere unzulässig zu verharmlosen, durchweg lebensbejahende Antworten und vermittelt damit eine natürliche optimistische Grundhaltung, eine positive Lebenseinstellung, die Mut und macht und Zuversicht gibt. Am Ende des Romans, als die Frau ihren Bericht vollendet, schreibt sie noch hinein:
"Jetzt bin ich ganz ruhig. Ich sehe ein kleines Stück weiter. Ich sehe, daß das noch nicht das Ende ist. Alles geht weiter."
Fazit
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Die Schriftstellerin Marlen Haushofer, geboren 1920 im oberösterreichischen Frauenstein und gestorben 1970 in Wien, ist eine bedeutsame Dichterin, in deren Prosawerk sich viel Poesie findet. Ihr gelang die literarische Gestaltung von Szenen stark einprägsamer Originalität, leidenschaftlicher Wahrheit und verblüffender Entfremdung. 1968 erhielt sie den österreichischen Staatspreis für Literatur. Ihr Thema ist der Mensch in seiner schicksalhaften Verflochtenheit mit den Gegebenheiten des vielgestaltigen und konfliktreichen Lebens und wie er sich und seiner Menschlichkeit aber stets treu zu bleiben versucht. So ist in Marlen Haushofers Werken ein tiefer Humanismus zu finden, wie er auch in der "Wand" deutlich zu erkennen ist.

Nicht nur, wer sich in einer Lebenskrise befindet, wird diesen Roman mit Gewinn lesen, er kann jedem Menschen etwas sehr Wertvolles geben: die Anregung, über sich selbst und sein Leben nachzudenken und möglicherweise bisherige Werte in Frage zu stellen. Darüber hinaus ist die Lektüre dieses Buches durch ihre Sprache und die Bilder, die sie in die Vorstellung des Lesers malt, ein ästhetischer Genuß. Obzwar der 234 Seiten lange fortlaufende und nicht in Kapitel unterteilte einschichtige Text (der übrigens wohl eher dem Genre der Erzählung zuzurechnen ist als dem des Romans) auf den ersten oberflächlichen Blick schwierig zu sein anmutet, hat er doch von der ersten bis zur letzten Seite eine Faszination auf mich ausgeübt, deren Spannung mich die ganze Zeit über in Atem hielt. Dieser Roman ist Marlen Haushofers Hauptwerk und, wie Eva Demski schrieb, eines der Bücher, "für deren Existenz man ein Leben lang dankbar ist".

Leider ist das erstmals 1968 beim Claassen Verlag GmbH Hildesheim erschienene Buch schon länger nicht mehr neu aufgelegt worden, es kann aber über Antiquariate bezogen werden. Auf den Netzseiten von www.amazon.de wird es beispielsweise als Gebrauchtexemplar für einen Preis zwischen 4,20 und 6,50 Euro angeboten.
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Vorgeschlagen von Eberhard E. Küttner [Profil]
veröffentlicht am 15. August 2005

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