Nikola Hahn: Farbe von Kristall

Farbe von Kristall

Verlag: Marion von Schröder [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Krimi
ISBN-13 978-3-547-71003-8

Preis: 0,87 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Nikola Hahn hat einen neuen historischen Kriminalroman aus dem Frankfurt um die Jahrhundertwende vorgelegt. Er ist insgesamt gut recherchiert, hat in mir allerdings auch zwiespältige Gefühle hervorgerufen. Wie ihr erster Roman: "Die Detektivin", ist "Die Farbe von Kristall" zugleich Kriminal- und Gesellschaftsroman und als Fortsetzung zur "Detektivin" geschrieben. Ohne Kenntnis der Handlung der "Detektivin" ist er meiner Meinung nach jedoch nicht verständlich. Mit Victoria Biddling, Heiner Braun und Kommissar Richard Biddling sowie Victorias Familie tauchen die Protagonisten der "Detektivin" wieder auf. Wie im ersten Band spielt die Familie Victorias eine zentrale Rolle.
Im Frankfurt des Jahres 1904 geschieht ein Mord: Unbekannte erschlagen den bekannten Klavierhändler Hermann Lichtenstein. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Mit der Aufklärung des Falles beschäftigt sich die erste weibliche Polizeiassistentin Laura Rothe, die eigentlich ein anderes Aufgabengebiet zugewiesen bekommt. Sie soll sich als erste Frau im Polizeipräsidium um verwahrloste Kinder und Jugendliche kümmern. Laura Rothe ist der ersten weiblichen Stuttgarter Polizeiassistentin Henriette Arendt nachgebildet. Sie übernimmt hier einige der Funktionen, die Victoria in der "Detektivin" zugewiesen bekommen hatte. Der Preis dieser interessanten Frauenfigur ist leider der, dass die Rolle Victorias im Vergleich zur "Detektivin" deutlich reduziert ist und ihre "Ecken und Kanten" verloren gehen. Es gibt im Fall Lichtenstein Hinweise, dass eine Frau in den brutalen Mord verwickelt ist. Dieser hängt offensichtlich mit mysteriösen Drohbriefen zusammen, die Kommissar Biddling seit Jahren erhält. So ist es Laura Rothes detektivischem Spürsinn zu verdanken, dass Biddling bei seinen Recherchen und Ermittlungen einen entscheidenden Schritt weiterkommt. Doch die Spuren führen nicht nur zu Biddlings Familie, sondern in seine Vergangenheit...
Wie in der "Detektivin" zeigt sich, dass hinter einer angeblich heilen Familienfassade Hass, Eifersucht und Rache lauern. Besonders faszinierend an dem Band ist - neben den starken Frauenfiguren - erneut der Frankfurter Lokalkolorit (dieses Mal allerdings nicht in Sachsenhausen, sondern überwiegend im weiter westlich gelegenen Bockenheim spielend), der das Alltagsleben der Menschen in dieser Stadt um die Jahrhundertwende plastisch beschreibt.. Wurden die Kapitel in der "Detetektivin" jeweils mit Äusserungen des 1850 zum Leiter der Sicherheitspolizei ernannten späteren Kriminalpolizeidirektors Dr. Stieber eingeleitet, so sind es dieses Mal Zitate aus der "Frankfurter Zeitung". Die Kapitel spielen jeweils an dem Tag, an dem der Text im Original erschien." Ich möchte mehr als Kriminalromane schreiben", erklärte die Autorin. Ihre Romane versteht sie als Sittengemälde. Ein umfangreiches Literatur- und Quellenverzeichnis belegt, wie genau die Autorin recherchiert hat. Im Nachwort wird - wie in der Detektivin - die Polizeiarbeit um die Jahrhundertwende bis zum Ersten Weltkrieg dargestellt. Die Fortschritte in der forensischen Chemie und bei polizeilichen Fahndungsmaßnahmen werden beleuchtet.
Im Gegensatz zur "Detektivin" werden dieses Mal zwei authentische Fälle der Frankfurter Kriminalgeschichte zugrunde gelegt. So haben der ermordete Hermann Richard Lichtenstein oder der interessanteste Charakter des Buches, der mutmassliche Giftmörder Karl Emanuel Hopf (er erweist sich als Kenner von Sherlock Holmes, den Victoria Biddling mit Vorliebe liest und dessen Deduktionen bei der Aufklärung dieses Falles eine gewichtige Rolle spielen) wirklich gelebt. Natürlich ist die Verbindung zur Familie Victorias und Richard Biddlings fiktiv. Diese wirkt meines Erachtens zu konstruiert. Während die Beziehung sowohl der Familie Biddlings als auch des - hier nicht zu verratenden - Täters zu Hopf gut herausgearbeitet ist, scheint mir - vor dem Hintergrund der glaubhaften Charakterdarstellung Lichtensteins - dessen Beziehung zu Familie und Täter sehr weit hergeholt. Diese Feststellung gilt meines Erachtens jedoch insbesondere für das Ende; die Begegnung des Täters mit seinem Opfer. Die Motivation des Verbrechers für seine Handlungen wird auch in seiner Rechtfertigung meines Erachtens nicht hinreichend deutlich gemacht. Eine Antwort auf die Frage, warum er mehr als 20 Jahre verstreichen lässt, um sich für an ihm vermeintlich begangene Ungerechtigkeiten zu rächen, ist mir zu unwahrscheinlich und wirkt auf mich zu wenig plausibel. Insgesamt erscheint diese fast surreale Szene mir nicht realistisch, glaubwuerdig genug. Dadurch verliert der Roman fuer mich an dieser Stelle sehr stark an Niveau. Deutlich wird dies, als der Verbrecher seine Opfer mit Maske, Pistole und Reitpeitsche erwartet und sich sogar noch freut, sein Opfer mit einem Seil, mit dem es gefesselt wurde, würgen und zusätzlich noch auspeitschen zu koennen! Die Erklärung am Ende (in einem Brief am Ende des Romans angedeutet), diese Person sei wohl verrückt, relativiert meinen Eindruck in diesem Falle nicht. Mehr kann hier allerdings nicht verraten werden.
Daher gefällt mir die wesentlich kürzere "Detektivin", deren Handlung rein fiktiv ist, eindeutig besser als die "Farbe von Kristall". Hier ist der "Plot" meiner Meinung nach glaubwuerdiger und realistischer gestaltet. Ich hatte das Gefühl, die in der "Detektivin" geschilderten Geschehnisse hätten sich 1882 wirklich ereignen koennen. Bei dem fiktiven Teil der Handlung von der "Farbe von Kristall" im Jahre 1904 hatte ich diesen Eindruck allerdings nicht. Ich haette es auch besser gefunden, wenn die "Farbe von Kristall" ungefähr die Länge der "Detektivin" gehabt hätte, also ebenfalls rund 450 Seiten. Die Handlung ist - nach meiner Auffassung - insgesamt zu komplex und hat in der Mitte deutliche Längen, auch wenn das Buch insgesamt durchaus spannend geschrieben ist. Für mich war es jedoch aufgrund des mir persönlich zu verwirrenden Handlungsstranges daher recht schwer, bei den zahlreich angesprochenen Themen die Übersicht zu behalten, zumal nicht alles aufgeklärt wird. So bleibt die Frage offen, was letzten Endes mit der erkrankten Frau Heiner Brauns geschieht. Wird sie wieder gesund? Wird sie medizinisch behandelt? Bewaeltigt Braun das Problem? Hier hätte der Leser eine definitive Antwort erwartet. Pluspunkte: Auch "Die Farbe von Kristall" ist ein durchaus spannendes Buch. Neben den sehr gut gezeichneten plastisch-realistischen Charakteren (ein Pluspunkt des Buches!) wurde mir deutlich, dass die Wahrheit oft vielschichtig differenziert und nicht eindimensional ist - wie schon der Titel verdeutlicht. Ich habe noch nie so viel über Kriminalgeschichte erfahren wie in den beiden Buechern Nikola Hahns.
Fazit
Das Buch ist wesentlich schwächer als die "Detektivin". Leser dieses Buches werden meines Erachtens von der Fortsetzung enttäuscht sein.
5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. Dezember 2002

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