Um es gleich zu sagen: Unter den zahlreichen Neuerscheinungen zum Schillerjahr
2005 halte ich die vorliegende, reich bebilderte und fesselnd geschriebene
Biographie von Marie Haller-Nevermann für die beste Biographie des
"Dichters der Freiheit" überhaupt. Marie Haller-Nevermann gelingt es
nicht nur, Interesse für den Dichter zu wecken, sie bietet mit diesem Buch auch
eine fesselnde Geistes- und Gesellschaftsgeschichte an. In einer Einführung
unterscuht sie Geisteshaltung und Künstlerpersönlichkeit. Jedem Kapitel über
sein Leben wird ein "Portrait" hinzugefügt. Dieses untersucht
bestimmte Facetten seiner Persönlichkeit, etwa sein Interesse für Psychologie,
seine Freundschaften, sein Verhältnis zur Musik. Besonders interessant fand ich
aber auch die Wirkungsgeschichte Schillers und vor allem eine Rezeption seiner -
sehr unterschiedlichen - Wirkungsgeschichte in der Bundesrepublik und der DDR.
Der Vereinnahmung des Dichters durch beide Länder widersetzte sich Thomas Mann
mit seiner "Rede über Schiller", die er gleichlautend in West und Ost
im Mai 19855 - also kurz vor seinem Tode hielt. Kritisch geht die Autorin auf
die Entscheidung der Kultusminister von 1972 ein, im Rahmen der Oberstufenreform
die Lektüre von Schillers Werken nicht mehr zum obligatorischen Unterrichtsstoff
zu machen. Was den Schülern hier entgeht, wird in dieser hervorragenden
Biographie deutlich. Schiller war - wie es "Damals", das Magazin für
Geschichte im Mai 2005 in seinem Titelthema zu recht konstatierte, der
"Dichter der Freiheit", der im 19. Jahrhundert - sicherlich zu recht -
zum Nationaldichter der Deutschen wurde. Auch Frau Haller-Nevermann bilanziert:
"Wenn im Jahre 2005 aus Anlaß des 200. Todestages nach der Bedeutung
Schillers für das 21. Jahrhundert gefragt wird, so ist eines festzuhalten. Auch
im Zeitalter der Globalisierung wird Schiller nicht nur als Klassiker Geltung
beanspruchen können. Die Figuren eines Franz und Karl Moor, eines Ferdinand,
eines Karlos und Marquis Posa, der Jungfrau von Orleans, einer Maria Stuart und
eines Wallenstein sind von aktueller Bedeutung. Ihre Niederlagen und ihre Siege
vermitteln eine aufklärerische Botschaft. Das in den "Briefen zur
ästhtetischen Erziehung" entworfene konzept einer ganzheitlichen Humanität,
Schillers Glaube an die Entwicklungsfähigkeit des Menschen, hat eine den
Kriterien der Aufklärung verfplichtete Aussagekraft. In seinem Werk finden wir
nicht nur die Postulate humaner Menschlichkeit, es gibt auch Auskunft über die
Psychologie politischer Konflikte und die sozialpsychologischen Dimensionen
historisch-politischer Kämpfe. Schiller wird auch für das 21. Jahrhundert der
moderne Klassiker bleiben" (S. 256/57). So ist es.
Fazit
Den Zugang zur Vielfältigkeit seines Wirkens dargeboten zu haben, darin liegt -
neben der wunderbaren bibliophilen Gestaltung durch den Aufbau-Verlag - die
große Leistung der promovierten Germanistin.
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