Johann Wolfgang von Goethe: Italienische Reise

Italienische Reise

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-423-12402-7

Preis: 16,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 02. Dezember 2016]
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Wenn ich an die Bücher denke, die mich tagelang und halbe Nächte hindurch fesselten und in Atem hielten, dann fällt mir sofort auch Goethes "Italienische Reise" ein, die ich wohl an die dutzendmal mit derselben Glut der Begeisterung und doch immer wieder auch mit neuen Eindrücken gelesen habe. Die Beschreibung seines Italien-Aufenthalts schließt an "Dichtung und Wahrheit", die Lebenserinnerungen des Weimarer Ministers und Geheimrates, an, und sie tut es auf die gleiche spannende und eindrucksvolle Darstellungsweise, die auch dem alten Goethe noch eigen ist und die in mir das längst vergangene XVIII. Jahrhundert lebendig werden läßt.
Wir wissen, daß es eine Flucht ist, die den 37jährigen Johann Wolfgang Goethe der kleinen Residenzstadt Weimar für anderthalb Jahre den Rücken kehren läßt, ein gewaltsames Losreißen von der höfischen Gebundenheit, ehe er im Dunst der Unproduktivität gänzlich zu versinken droht. Er will die Schaffenskrise überwinden, in die er der profanen Regierungsgeschäfte und der Provinzialität der Verhältnisse wegen geraten ist, will einen neuen Ansatz finden, um seinen Lebensplan zu erfüllen. Heimlich - einzig sein Diener und Freund Philipp Seidel ist eingeweiht - verläßt er am 3. September 1786 Karlsbad, wo er zur Kur weilt, und jagt mit schnellen Postpferden über den Brenner Italien entgegen. Vom Herzog hatte er sich vorsorglich für längere Zeit Urlaub erbeten. Und in der Tat ganz wie ein Flüchtender reist er unter fremdem Namen (Philipp Möller) und sendet lange keine Zeile nach Hause. Charlotte von Stein wird ihm das nie verzeihen können. Am Gardasee erlebt er zehn Tage nach seiner hastigen Abreise in der warmen italienischen Luft und in der Helle des Südens, wie er schreibt, eine "Wiedergeburt". In Verona, Vicenza und Venedig legt Goethe längere Aufenthalte ein, bevor es eilends dem eigentlichen Ziel seiner Sehnsucht zugeht: Rom. In der "Ewigen Stadt", der Hauptstadt der Antike, dem Zentrum der Renaissance soll sein Leben Anregungen erhalten für einen tiefen und umfassenden geistigen und seelischen Neubeginn. Am 29. Oktober 1786 trifft er dort ein und teilt daheim seine Ankunft mit. Er bleibt in Italien bis Ende Mai 1788 und kehrt, seinen Worten nach, als "neuer Mensch" zurück.
Immer wenn ich mich auf die Beschreibung dieser Reise einlasse, mache ich sie im Geiste gleichsam mit, denn ich kann mich, lesend, der Luft nicht entziehen, die er atmete, und ich wünschte, ich könnte tatsächlich einmal seinen Fußstapfen folgen, wenn auch das heutige Italien freilich ein ganz anderes geworden ist. Ich erinnere mich seines Reisebettes, seines Rasierzeugs und anderer Utensilien, die er mit sich führte und die ich im Goethe-Nationalmuseum Weimar betrachten konnte, ich sehe seine Zeichnungen vor mir und Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtes Ölgemälde von ihm, auf dem er mit weitkrempigem Hut auf einem umgestürzten Baumstumpf in der Campagna di Roma sitzend zu sehen ist, und seine Aufzeichnungen werden zu einem Film in meinem Kopf. Ich erlebe beim Lesen mit, wie befreiend es ist, wenn man aus der Enge in die Weite kommt; wenn man in eine neue Welt eintaucht, mit der man sich schon lange innerlich verbunden weiß; wenn man von neuen Lebensgeistern erfüllt wird, die man schon zu lange herbeisehnte. Und ich fühle es dem Autor auf jeder Buchseite nach, wie berauschend es für einen bildungshungrigen Menschen sein kann, an der Quelle unserer Kultur eine solche Fülle von Impulsen für das Aufladen einer fast leeren Batterie zu bekommen, wie es Goethe in seiner Italien-Zeit vergönnt war, die er später als die wichtigste seines Lebens bezeichnet hat.
"... habe ich genug Zeit, die Eindrücke der vergangenen Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem Behagen", schreibt Goethe auf seinem Heimweg nach Weimar. Und bedauernd fügt er hinzu: "Und doch tritt gar oft das Lückenhafte der Bemerkungen hervor, und wenn die Reise dem, der sie vollbracht hat, in einem Flusse vorüberzuziehen scheint, und in der Einbildungskraft als eine stetige Folge hervortritt, so fühlt man doch, daß eine eigentliche Mitteilung unmöglich sei. Der Erzählende muß alles einzeln hinstellen: wie soll daraus in der Seele des dritten ein Ganzes gebildet werden?" Trotzdem: Die "Italienische Reise" (mit ihrem Anhang "Zweiter römischer Aufenthalt") ist ein umfassendes Reise-Tagebuch, das dem, der nicht dabei war, sehr viel nacherlebbar macht. Die erste Eintragung ist vom 3. September 1786 datiert, und die letzte trägt das Datum vom 14. April 1788. Auf etwa 450 bis 500 Seiten (in Abhängigkeit von der jeweiligen Ausgabe) hält Goethe an vielen Tagen - zuweilen kurz und knapp, meist aber mit großer Ausführlichkeit und Anschaulichkeit - seine Erlebnisse fest. Er beschreibt den genommenen Weg, Land und Leute und die Stationen seiner Rast, schildert Begegnungen mit bekannten Zeitgenossen, erzählt in Rückblenden von früheren Erlebnissen, reflektiert über das Wetter, über seine unterwegs wachsende Gesteinssammlung, über das Leben der italienischen Weinbauern und Handwerker, über antike Bauwerke und Plastiken, über Fortschritte in der Arbeit an seinen Werken, über geographische, geologische, historische, meteorologische, philosophische, soziologische (wenngleich es diesen Begriff damals noch nicht gab), kunstgeschichtliche und kunsttheoretische Fragen - kurz über Gott und die Welt im großen wie im kleinen. Er flicht Episoden und Anekdoten, Gespräche und Betrachtungen, Briefe, Skizzen und Zeichnungen sowie naturwissenschaftliche Überlegungen ein, so z.B. einen von ihm entworfenen "Vergleichskreis der italienischen und deutschen Uhr".

Gegliedert ist das Tagebuch nach den Stationen seiner Reise:
- Karlsbad bis auf den Brenner
- Vom Brenner bis Verona
- Verona bis Venedig
- Ferrara bis Rom
- Rom
- Neapel - Sizilien und nochmals
- Neapel

Der Anhang enthält vor allem Korrespondenz, Berichte über Italien und seine Sitten und Bräuche, z.B über den römischen Karneval, Porträts über Zeitgenossen und historische Persönlichkeiten, so u.a. Philipp Neri. Das Buch bildet trotz einem großen Formenreichtum ein stilistisch einheitliches Ganzes, das durch eine große Lebendigkeit und Bildhaftigkeit der Sprache besticht.
Fazit
Die Befürchtung der heutigen jüngeren Generation, ein Text, der älter als zweihundert Jahre ist, müsse langweilig und schwierig zu lesen sein, ist spätestens nach den ersten Seiten verflogen, und Begeisterung tritt an ihre Stelle und das Wissen darum, daß der Leser/die Leserin ein Buch in den Händen hält, das - wie alle große Literatur - viel zeitlos Gültiges enthält und immer für einen hohen Lesegenuß und Erkenntnisgewinn sorgen wird.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Eberhard E. Küttner [Profil]
veröffentlicht am 27. November 2002

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