Uwe Tellkamp: Der Eisvogel

Der Eisvogel

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-87134-522-7

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der 30-jährige Wiggo Ritter ist zum Opfer des Nachtwachen-Drachen geworden: mit schweren Verbrennungen liegt er in der Berliner Charité. Sein Blick ist auf Baukräne gerichtet, sein Leben auf Arztvisiten und Verbandswechsel reduziert. In Rückblenden, Gesprächen mit Wiggos Verteidiger und schriftlichen Zeugenaussagen der Freunde Patrick und Jost entsteht Wiggos Geschichte und die seiner Verletzungen.
Sein Vater, der Bankier Stefan Ritter, hält die Zwillinge Wiggo und Dorothea für Vertreter einer Generation schlaffer Säcke. Er ist überzeugt, dass die verwöhnten Nesthocker nur dann etwas schaffen werden, wenn die ältere Generation ihnen den Weg frei schaufelt. Der Familientyrann kann es nicht lassen, seine Kinder und Mitarbeiter vor anderen zu demütigen, sich ständig einzumischen. Als Kind eines dominanten Erfolgsmenschen kann man sich dem Druck nur als Schreinermeister oder Binnenschiffer entziehen.

Wiggo studiert erfolgreich Philosophie und will als selbständiger beratender Philosoph arbeiten. Doch er muss einsehen, dass er philosophische Grundsatzdiskussionen nur Frauen aufzwingen kann; Männer fragen eher, womit er denn nun sein Geld verdient.

Durch Kaltmeister senior lernt Wiggo Mauritz und Manuela kennen, die in einer verstaubten Welt der Freitreppen und Chauffeure leben. Er findet sich in einer rechts-terroristischen Vereinigung mit merkwürdigem Elite-Verständnis. Die Gruppe ist entschlossen die Demokratie zu beseitigen und damit die Herrschaft des Mittelmaßes. Die Familie Kaltmeister besitzt das Gemälde eines Eisvogels, in den Alkyone von Zeus verwandelt wurde.

Tellkamps Roman spielt im wiedervereinigten Berlin zur Zeit der gerade geplatzten Internet-Blase. Die "Generation Aktien-Portofolio" begreift den Ernst der Lage erst langsam, während sie artig auf Partys im In- und Ausland parliert. Die Schilderung aktueller wirtschaftlicher Trends gerät an die Grenze zum Produkt-Placement. "Der Eisvogel" wird als das Buch in die Literatur eingehen, das die interkulturelle Ignoranz von Spachtelmasse-Fabrikanten gesellschaftsfähig machte.

Der Bachmann-Preisträger des Jahres 2004 reiht Schachtelsätze zu emotionslosen Schilderungen aneinander und besticht durch äußerst präzise Beschreibungen. Als gelernter Mediziner nimmt er gekonnt die Perspektive des Patienten ein: Wiggo kommuniziert mit einem Paar Augen und einer Nasenwurzel oberhalb eines Mundschutzes.
Fazit
Der strahlend blaue Eisvogel taucht überraschend auf, taucht ein, jagt seine Beute und verschwindet ebenso schnell wieder. Die Schilderung der konfliktreichen Beziehungen in Tellkamps Buch ist weniger farbenfreudig, sie bleibt grau. Statt sich auf die Beziehung zu Mauritz und Manuela zu konzentrieren und die Faszination durch die seltsame Organisation, mäandert die Handlung zwischen Südfrankreich, London und New York herum. Lesenswert.
5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 10. April 2005

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