Walter Kempowski: Das Echolot: Abgesang '45

Das Echolot: Abgesang '45

Verlag: Albrecht Knaus Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-8135-0249-7

Preis: 49,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2016]
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Walter Kempowski hat mit dem vorliegenden Abschluss seines auf 10 Bände angelegten Projektes ein Meisterwerk geschaffen. Kempowski legt hier ein "kollektives Tagebuch" des Kriegsendes vor. Aus zahlreichen Quellen, Erinnerungen, Tagebüchern wird hier das Kriegsende aus unterschiedlichster Sicht dargelegt. Ansichten der politischen Führungen insbesondere im Führerbunker werden ebenso dargelstellt wie die Aufzeichnungen der zahlreichen namenlosen Leidenden und Opfer des Krieges: der Frontsoldaten, der Zivilbevölkerung, die - wie Marcuse es ausdrückt - sich "belogen und betrogen" fühlte (S. 425). Der lange geführte Streit, ob das Ende des Krieges als Befreiung oder Niederlage aufgefasst wurde, ist akademisch. Die vorliegenden Auszüge zeigen ganz deutlich: der Krieg wurde sowohl als Befreiung als auch als Niederlage aufgefasst - je nach Standpunkt des jeweiligen Betrachters. Die "historische Wahrheit" gibt es nicht - die Wahnvorstellungen Hitlers - mehrfach wird aus seinem "politischen Testament" zitiert - finden sich ebenso wie realitätsgetreue Schilderungen des Kriegsalltags. Viele konnten die Niederlage und den Verlust ihrer Wertvorstellungen nicht ertragen. So findet sich neben den Aufzeichnungen auch eine Aufstellung der Todesursachen auf einem Friedhof, die zeigt, wie viele Leute durch Freitod das Ende des furchtbaren Elends herbeisehnten. Am 30. April - dem Todestag Hitlers - findet sich lapidar folgende Feststellung: "Am 30. April starb ein Hausbewohner. Ein alter Herr. Er wurde in einen Teppich gewickelt, die Pflastersteine auf dem Hof gehoben, eine Kuhle geschaufelt und hinein mit dem armen Kerl. Er hatte es überstanden." (S. 299).
Das Tagebuch hat mich sehr an den Film: "Der Untergang" erinnert. Dieser wertet ähnliche Quellen aus (u.a. die Erinnerungen der Hitler-Sekretärin Traudl Junge). Wie ein szenischer Film laufen die sich überschlagenden Ereignisse ab. Dabei konzentriert sich diese 450-seitige Dokumentation lediglich auf vier Kriegstage: den 20. April (Hitlers Geburtstag, der zu widersprüchlichen Betrachtungen anregt: Durchhalteparolen in der Bevölkerung sowie in der nationalsozialistischen Führung finden sich in den fragmentarischen Darstellungen ebenso neben Eintragungen, etwa von Christian Graf von Krockow, die den Hass auf den "Verführer" Hitler deutlich anzeigen), den 25. April und den 30. April sowie die beiden Tage des Kriegsendes, 8./9. Mai.
Fazit
Ein beeindruckendes Buch, sicherlich - wie zahlreiche Rezensionen schreiben - das "literarische Ereignis" dieses Jahres. Ähnlich wie die Tagebücher von Victor Klemperer, Mikhail Sebastian und zahlreichen weiteren Publikationen dieser Art machen sie Geschichte "lebendig". Das Buch wird mich nicht mehr loslassen. Es ist ein beeindruckendes Zeitdokument.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. März 2005

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