Hans-Ulrich Wehler: Das Deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918

Das Deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918

Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-525-33542-1

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Hans-Ulrich Wehlers Darstelung über das Deutsche Kaiserreich ist nach wie vor ein Klassiker zum Thema, obwohl er schon 1973 erschienen ist. Dies sagt alles. Das Buch hat Massstäbe gesetzt. Es ist seinem Anspruch gerecht geworden, enie problemorientierte historische Strukturanalyse des deutschen Kaiserreiches zu liefern. Geschichtswissenschaft wird hier als kritische Gesellschaftswissenschaft verstanden. Wie es Wehler in seinem neuen hervorragenden Band über die deutsche Gesellschaftsgeschichte noch pointierter darlegt, wird hier der Zusammenhang zwischen politischer, sozialer und gesellschaftlicher Geschichte gut dargelegt.
Daher ist dieses Buch bis heute unübertroffen in dieser Hinsicht.

Kritische Anmerkungen sind allerdings in anderer Hinsicht angebracht:

Der personale Faktor in der Geschichte wird vernachlässigt. Wie John C.G. Röhl in seinem Werk: "Kaiser, Hof und Staat" richtig schreibt, kann das politische System des wilhelminischen Kaiserreiches in seiner Essenz nur als Monarchie begriffen werden und dies bedeutet, dass mithin der Kaiser, die kaiserliche Familie, der Freundeskreis, die kaiserliche Umgebung und der Hof im Mittelpunkt des Systems standen, von dem - unter Wilhelm II. - selbst die höchsten Reichs- und Staatsbeamten mental und machtpolitisch abhängig waren. In diesem ganz entscheidenden Punkt unterscheidet sich das Regierungssystem unter Wilhelm II. von der sogenannten "Kanzlerdiktatur" Bismarcks, auch wenn es 1890 nicht zu einer formalen Verfassungsänderung kam. Insofern kann das wilhelminische Kaisertum, welches als eigenständige Eoche mit eigenen Gesetzmäßigkeiten in die Verfassungsgeschichte des deutschen Nationalstaates einzuordnen ist, nicht als Fortsetzung der "bonapartistischen Kanzlerdiktatur" Bismarcks verstanden werden. Hier hat Röhl, dessen Darstellung ich für die beste Publikation über Wilhelm II. und seinen Hof halte, durchaus recht.

Man muss die Publikation Wehlers allerdings im Kontext der deutschen Geschichtsschreibung über das Kaiserreich nach 1945 begreifen. Darauf hat Wilfried Loth, dessen Darstellung zum Kaiserreich zu den besten gehört, die ich gelesen habe, dankenswerterweise deutlich hingewiesen. Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Darstellungen, die betonten, dass das Kaiserreich eine Gründung gegen den Geist der Zeit gewesen, weil es das politische Pendant zur wirtschaftlichen Modernisierung verweigert habe, zunächst nicht beachtet. Ereignisgeschichtliche Darstellungen, die sozialgeschichtliche Deutungen ausklammerten, standen im Mittelpunkt der Darstellungen. Erst nach der Publikation der Werke von Fritz Fischer: "Griff nach der Weltmacht" und "Krieg der Illusionen" von 1961 und 1969 setzte eine breite Diskussion der Linien ein, die das Kaiserreich mit dem Dritten Reich verbanden. Sie verquickte sich mit Bemühungen um eine methodische Erneuerung der deutschen Geschichtswissenschaft, ihre Öffnung für Fragestellungen, Methoden und Ergebnisse der systematischen Sozialwissenschaften und führte zu einer lebhaften, oft polemischen und verwirrenden, aber insgesamt doch ertragreichen Debatte. Wehlers Publikation ist als Höhepunkt dieser Debatte zu betrachten. Der Form nach handelt es sich - wie Loth treffend bilanziert - um eine einführende Darstellung im Rahmen einer modernen "Deutschen Geschichte", tatsächlich stellt sie aber ein Kompendium analytischer Thesen zur Struktur des Kaiserreiches dar. Das Reich erschien darin bis 1890 "als ein plebiszitär gekräftigtes, bonapartistisches Dikatroialregime im Gehäuse einer die traditionellen Eliten begünstigenden, aber rapider Industrialisierung und mit ihr partieller Modernisierung unterworfenen, halbabsolutistischen und pseudokonstitutionellen, vom Bürgertum und Bürokratie teilweise mitbeienflußten Militärmonarchie", danach als "autoritäre Polykratie ohne Koordination", der die "traditinellen Oligarchien" nach wie vor ihren Stempel aufdrückten.

Dieses ungemein anregende und dichte, aber nach Meinung Loths nicht immer konsistente Überangebot von Deutungen und Wertungen rief zahlreiche Kritiker auf den Plan. So meinte Lothar Gall, das Bonapartismus-Paradigma sei auf das Kaiserreich nicht anwendbar, da dieses das Vorhandensein einer "postrevolutionären Gesellschaft" nach französischem Muster voraussetze. Thomas Nipperdey kritisierte "fatale Eindeutigkeit", unzulässige Vermischung von Analyse und Anklage, einseitige Perspektive auf das Dritte Reich, Überschätzung der Einheit der herrschenden Schichten und Unterschätzung der Leistungen des Systems. Geoff Eley und David Blackbourn, zwei britische Historiker, wandten gegen die in der Tradition der liberalen Kritik stehende These eines deutschen "Sonderwegs" in die Moderne ein, dass von einem westeuropäischen "Normalweg" zur Demokratie nicht die Rede sein könne, und behaupteten gegen die Kritik an der Konservierung der Machtstellung der traditionellen Eliten, dass auch in Deutschland eine "bürgerliche Revolution" stattgefunden habe; diese Revolution und nicht etwa der Mangel an Bürgerlichkeit, sei auch für die autoritären Zuspitzungen des Kaiserreiches verantwortlich. Loth bilanziert zu recht, dass diese Einwände zwar Schwächen der vorliegenden Publikation benennnen, jedoch den Erklärungswert, den die Übertragung des Bonapartismus-Modells auf das Kaiserreich bietet, außer Acht ließen. Zum Teile unterschätzten sie auch die Beharrungskraft, die die traditionalen Gewalten ganz offensihtlich entwickelten, und unterließen es, die Kosten des deutschen Weges in die Moderne klar zu benennen. Dies ermöglichte es Wehler, der Kritik unter Modifierung einiger seiner Thesen eine hervorragende Replik im "Merkur" von 1981 (Merkur 35 (1981), S. 478-487) entgegenzusetzen.

Mich haben dennoch einige Fragen nicht mehr losgelassen: einerseits wird in dem vorliegenden Werk konstatiert, dass wichtige ökonomische, gesellschaftliche und politische Entscheidungen im Interesse der agrargesellschaftlichen Führungseliten gefällt worden sind (S. 15). Andererseits hat die Forschung - etwa Volker Ullrich - hervorragend herausgearbeitet, dass gerade diese traditionellen Eliten der "Welt[macht]politik" Kaiser Wilhelms II. äußerst reserviert gegenüberstanden. Bismarcks Reserve gegenüber einer solchen Politik wird mit seiner entsprechenden Prägung durch diese agrarischen Eliten, die bis in die Weimarer Republik die Geschicke des Kaiserreiches bestimmten, dominiert.

Die Politik des Kaiserreiches ist also ohne die entscheidenden Persönlichkeiten, die seine Entscheidungen geprägt haben, Bismarck von 1871 bis 1890 und Wilhelm II., nicht zu verstehen. Gerade Wilhelm II. bestand mehrfach darauf, er allein sei Herr im Reich und dulde keinen anderen. Dem Prinzen von Wales sagte er: "I am the sole master of German policy and my country must foloow me whereever I go." Wilhelm II. verkörperte zwar Sehnsüchte, insbesondere im Bürgertum, nach "Weltmachtstreben". Diese hätten aber niemals zu der "Urkatastrophe" des ersten Weltkrieges geführt, wenn die Reichsleitung, u.a. Wilhelm II. und die Militärs, fatale Fehleinschätzungen unterlegen wären, die zu der fatalen Kettenreaktion im Juli 1914 führten. Dieser personelle Aspekt, der Einfluss Wilhelms II. und des Hofes, kommt bei Wehler eindeutig zu kurz.
Fazit
Dennoch: eine interessante und provokante Geschichte des Kaiserreiches, die bis heute von ihrer Frische nichts verloren hat. Uneingeschränkt empfehlenswert.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 27. Dezember 2004

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