Gisbert Kranz: Warum wurden sie Despoten?

Warum wurden sie Despoten?

Verlag: Casimir Katz Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-925825-57-6

Preis: 2,35 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Gisbert Kranz hat hier eine meisterhafte Schilderung von acht Despoten (so die Neuausgabe 2000) vorgelegt. Er geht der Frage nach, warum Herodes, Nero, Richard III., Iwan der Schreckliche, Robespierre, Stalin, Ceausescu und Hitler Diktatoren geworden sind.

Allen Diktatoren gemeinsam ist die Gier nach Macht. Alle kennen keine moralischen Skrupel, ihre Ziele zu erreichen. "Lebendige Darstellung in gepflegter Sprache, gründliche Beherrschung der Quellen, Verwertung des wesentlichen Schrifttums" - so das historisch-politische Buch - zeichnen in der Tat diese biographischen Essays aus.

Schon bei Herodes dem Großen wird deutlich, dass er in seiner Machtgier nicht vor Verbrechen zurückschreckt. Deutlich wird, dass der Antrieb seiner schon in der Bibel beschriebenen Verbrechen vor allem die Furcht ist, die Macht zu verlieren. Außerdem war er Araber und hatte keinen Tropfen jüdischen Blutes in seinen Adern. Er war daher gezwungen, eine romfreundliche Politik zu betreiben und fürchtete immer Attentate.

Vergleichsweise sympathisch wirken Nero und Richard III. Kranz teilt nicht die Ansicht eines neueren Nero-Biographen, Massimi Fini, der Kaiser sei "Opfer einer zweitausendjährigen Verleumdung" gewesen, da er Politik für das Volk und gegen den Adel betrieben habe. Nein, Neros Regentschaft sei in zwei Phasen einzuteilen: eine vergleichsweise "gute", in der der Philosoph Seneca seine Entscheidungen bestimmt habe und die Periode, in der nach Senecas Tod Nero keinen Widerspruch mehr duldete und schließlich größenwahnsinnig wurde.

Auch bei der Biographie Richards III. hält sich Gisbert Kranz an die klassische Geschichtsschreibung. Richard habe in der Tat seinen Neffen Eduard V. nicht nur absetzen, sondern ermorden lassen, um selber an die Macht zu kommen. Neuere Deutungen, etwa von Josephine Tey, Richard III. sei ein Opfer gefälschter Geschichtsschreibung der Tudors geworden, hält er für falsch.

Robespierre kennzeichnet vor allem Unduldsamkeit und ideologische Verbohrtheit. Er war in der Tat zutiefst überzeugt, nur er könne eine "tugendhafte Republik" schaffen. Er sei im Grunde ein unpolitischer Schwärmer gewesen, der durch seine Reden wirkte. Aber sein verstiegener Moralismus ließ ihn blind werden für die Tatsache, dass der von ihm stammende Satz:: "Die Demokratie kann zugrundegehen durch die Überheblichkeit derer, die sie regieren" auf ihn selber zutraf. Es zeigt sich, wie ein "tugendstolzer Weltverbesserer" in seiner Egozentrik die Welt nur noch in Schwarz-Weiß-Kategorien erleben kann - und dies führt nie zu gutem - es führte zu seinem Sturz, seiner Hinrichtung und dem Ende der Schreckensherrschaft. Intoleranz und ideologische Verbohrtheit führt zum idealisierten Ziel, sondern zu Diktatur und Terror. Dennoch zeigt Kranz gerade an Robespierre deutlich auf, dass es gut ist, sich von dem überkommenen Bild von Robespierre als blutrünstigem Ungeheuer zu verabschieden und in ihm das zu sehen, was er war: ein tugendstolzer Weltbesserer.

Am ehesten kann man Iwan den Schrecklichen und Stalin. Beide litten unter Verfolgungswahn. Stalin verehrte Iwan den Schrecklichen. Doch auch hier zeigt Kranz eindrucksvoll seine Fähigkeit zur differenzierten Analyse auf. Beides waren Verbrecher, aber auch zwiespältige Charaktere. Iwan war fromm und voll intellektueller Neugier, allerdings auch - durch furchtbare Kindheitserlebnisse - grausam und tyrannisch. Die von ihm eingerichtete Terrorgruppe - der späteren Tscheka vergleichbar - bedeutete soziologisch gesehen eine Hebung und Bereicherung des Dienstadels, führte jedoch zum katastrophalen Niedergang des Bauerntums. Beide - sowohl Stalin als auch Iwan, hatten Minderwertigkeitsgefühle, die sie durch Grausamkeit kompensieren wollten. Beide führten furchtbare Säuberungen durch, wobei Iwans Verbrechen dennoch nicht an den "großen Terror" (Robert Conquest) eines Stalin heranreichten. Stalin war durch außerordentliche Zielstrebigkeit und Härte seines Willens geprägt. Seine stählerne Entschlossenheit richtete sich ausschließlich auf Macht. Aber er wurde in seiner Anfangszeit auch unterschätzt. Sein Rivale Trotzki galt als gefährlicher. Infolgedessen kam nach Lenins Tod ein Bündnis gegen diesen - und nicht gegen Stalin, der von der Mehrheit der Parteiführung unterschätzt wurde, zustande. Doch Kranz zeigt auch hier die Zwiespältigkeit seines Charakters auf. So schrieb Stalin Gedichte, liebte die Natur, liebte seine beiden Frauen abgötisch und seine Dienstboten und auch seine Tochter liebten ihn sehr. Und dennoch brachte dieser Mensch rund zwanzg Millionen Menschen durch Säuberungen um. Man sollte Anatolij Rybakows: "Kinder vom Arbat" lesen, um einen authentischen Eindruck dieser machtgierigen und grausamen Persönlichkeit zu bekommen, die die Grundsätze von Machiavellis: "Der Fürst" bis in die letzte, äußerste Konsequenz, umgesetzt hat.

Grausam war auch Nicole Ceaucescu. Ähnlich wie Stalin und Hitler kam er aus bescheidenen Familienverhältnissen, einer armen Bauernfamilie. Wie bei keinem anderen der portraitierten Diktatoren wird bei Ceaucescu der Mangel an Moralität und der Einfluß des Größenwahns deutlich. Sein Kult war "quasireligiös", seine Bauten gigantisch. Immer stärker wurde seine Furcht, die Macht zu verlieren. Wie die anderen Despoten war Ceaucescu ein extrem ängstlicher und misstrauischer Mann. Die Passagen über einen Besuch Gorbatschows in Rumänien bieten ein finsteres Portrait dieses Mannes, der jeglichen Blick für die Realitäten verloren hatte. Besonders deutlich wurde dies bei seinem Sturz 1989. "Was Ceaucescu seinen Untertanen an Leid zumutete, ist ungeheurlich." Dieses Fazit ist korrekt und führte schließlich zu seinem Sturz, als das Fass nach den Unruhen in Temeschwar das Fass zum Überlaufen brachten. Als die den Machthaber stützenden Militärs, der Geheimdienst und die Polizei sich weigerten, auf die demonstrierende Menge zu schießen, war das Ende der Ceaucescu-Diktatur gekommen. Ceaucescu wurde gestürzt und hingerichtet. Ein grausamer Diktator hatte sein Ende gefunden.

Zu Adolf Hitler ist enorm viel geschrieben worden. Wie in dem Film: "Der Untergang" gerade dokumentiert worden ist, zeigte Hitler im persönlichen Umgang keineswegs - so Kranz korrekt - das Gesicht eines Räuberhauptmanns. Er gab sich verbindlich und gewinnend. Wie bei Stalin war seine persönliche Lebensführung bescheiden. Hitler war die ersten elf Jahre seines Lebens ein normaler, bescheidener Junge. Erst in der Pubertät kam es zu Schulversagen und Leistungsabfall. In diese Zeit fällt auch Hitlers Bruch mit dem Christentum. Ähnlich wie bei Robespierre entwickelte sich bei Hitler, der mehr und mehr in phantastische Scheinwelten flüchtete, eine rigorose Weltanschauung, die die Vernichtung der Juden und die Weltherrschaft einer Herrenrasse als entscheidende Grundlagen hatte. Dies wurde von Eberhard Jäckel gut herausgearbeitet. "WEr einen Glauben aufgibt, empfindet ein Vakuum, das er bald mit einem anderen Glauben füllen muss, und wenn es ein Aberglaube oder ein Götzendienst ist. Ein Apostat benötigt eine Ersatzreligion, zumindest einen Religionsersatz." Diesen Ersatz fand Hitler in seinem Judenhass. "Ich vermute, die Ursache von Hitlers manisch bis zum äußersten Exzess betriebenen Judenhaß liegt nicht, wie er in "Mein Kampf" glauben machen will, in eigenen Erfahrungen. Sie liegt im Abfall vom christlichen Glauben." Jegliche moralischen Hemmungen fielen. Die Juden waren bequemes Feindbild, auf sie konnte er bequeme Ausreden für eigenes Versagen finden. Wie konnte dieser Phantast zu Macht kommen? Seine Ideologie war die von Hirnverbrannten, seine unrealistischen Ziele, die er - an der Macht - gleichwohl konsequent umsetzte, waren die eines Gröüpenwahnsinnigen. Aber seine Methoden, seine Taktik waren psychologisch und trechnisch nahezu perfekt. Dazu verfügte er - wie auch Stalin - über eine überragende Intelligenz. Doch es war die Krise der Weimarer Republik, die Wirtschaftskrise, aber auch die Sehnsucht der Deutschen nach einem "starken Mann", die Hitler, der über die Fähigkeit verfügte, Kontakt zu den Massen zu finden, zum Aufstieg verhalf. Er wurde von Goebbels und anderen Nationalsozialisten, zielstrebig zum Messias aufgebaut. Hitlers Aufstieg war immer - so Karl Dietrich Bracher - die Geschichte seiner Unterschätzung. Er wurde - dies ist alles bekannt - zum größten Verbrecher der Weltgeschichte. Er führte das deutsche Volk in den Abgrund - bis zum berüchtigten Nero-Befehl vom März 1945, in dem er die Vernichtung der Lebensgrundlagen des deutschen Volkes beim Rückzug der Truppen befahl. Bis in die letzten gespenstigen Tage im Führerbunker in der Reichskanzlei hinein klammerte er sich an weltfremde Illusionen, etwa eine Wunderwaffe oder eine Wende.

Was ist das Fazit dieses spannenden Buches?

"Kein Tyrann" - so Kranz - "ist grausam aus purer Grausamkeit. Er verübt seine Verbrechen stets mit dem besten Gewissen. Denn er handelt aus Staatsräson, und diese gründet auf einer Ideologie"; einer Ideologie des Königtums, des Kaisertums, des Imperiums, der Nation, der idealen Republik der Zukunft, der klasssenlosen Gesellschaft oder des Vorrangs der arischen Rasse. Kein Mensch will das Böse, weil es böse ist. Er will das Böse, weil er es für etwas Gute hält und sich etwas von ihm verspricht. Deshalb zeigt die Bibel den Verführer als Lügner, der das Böse als etwas Gutes, Erstrebenswertes erscheinen lässt."
Fazit
Kranz zeigt auf, dass der völlige Mangel an Moralität, an Gewissen, an Achtung vor Mitmenschlichkeit zu Größenwahn, Egozentrik, ungezügelter Machtgier führt. Die Angst, diese Macht zu verlieren, führt zu gesteigerter Grausamkeit. Karl-Dietrich Bracher sprach vom "Zeitalter der Ideologien". Hanna Arendt von der "Banalität des Bösen". Diese eindringliche Studie von Kranz, die aus Verbrechern Menschen werden lässt, zeigt in ihrer wohltuenden Differenziertheit auf, dass auch die moderne Demokratie kein Garant ist, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und es zu neuem Aufstieg der Diktatoren kommen kann. Insbesondere in Krisenzeiten sehnen sich die Menschen nach Halt - und sind anfällig für alle diejenigen, die "einfache Lösungen" suggerieren - Demagogen, Ideologen, Verbrecher. Dies ist die Lehre dieses eindrucksvollen Buches.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 17. Oktober 2004

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