Wilhelm von Sternburg: Adenauer: eine deutsche Legende

Adenauer: eine deutsche Legende

Verlag: Aufbau Verlagsgruppe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-7466-1714-5

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Nach dem Erscheinen der "Anmerkungen zu Adenauer" von Hans-Peter Schwarz habe ich Wilhelm von Sternburgs biographischen Essay erneut gelesen und muss konstatieren: Sternburgs Deutung, obwohl 1987, also vor der Wiedervereinigung erschienen, hat mich eindeutig mehr überzeugt als Hans-Peter Schwarz apologetische Bemerkungen.

Sternburgs Feststellung, Adenauer habe aufgrund anti-preußischer Einstellungen die Wiedervereinigung letztlich nie gewollt, ist besoners nach Veröffentlichung der russischen Akten nach 1990, auf die Sternburg in seiner 2001 überarbeiteten Neuauflage eingeht, meines Erachtens korrekt. Nach dem Auffinden des sogenannten Kirkpatrick-Dokuments vom 16.12.1955 dürfte in der Tat feststehen, dass für Adenauer Westintegraton eindeutig Vorrang vor der - von diesem nicht gewünschten - Wiedervereinigung hatte. Sternburgs Feststellungen: "Daß jeder Schritt zur Westintegration die Grenzpfähle zwischen beiden Teilen Deutschlands fester einrammte, haben viele Zeitgenossen dieses Kanzlers mit aller Deutlichkeit gesehen und gesagt...Wie tief er das Scheitern seiner Deutschlandspolitik...empfunden hat, darauf deutet seine Reaktion auf den Bau der Berliner Mauer im August 1961 hin. Der Kanzler verstummte...Bis in die letzten Lebensjahre hinein hat Adenauer versucht, an der Legende seiner Wiedervereinigungs-Strategie zu stricken. Die "Erinnerungen", nach dem Abschied aus dem Amt geschrieben...,sind durchzogen von Bekenntnissen zur "Politik der Stärke", die allein die Sowjetunion zur Umkehr in der Deutschland-Frage bewegen könne. Die verzweifelten Wiederholungen dieser These nehmen schon beinahe pathologische Züge an. Er hat vielleicht gespürt, daß das Urteil der Geschichte über seine Kanzlerschaft gerade in diesem Punkt wenig schmeichelhaft ausfallen würde. Denn wer die öffentlichen Reden Adenauers durchblättert,...dem wird deutlich, welch tiefe Unwahrhaftigkeit die politische Auseinandersetzung der Adenauer-Zeit um die Einheit beherrscht hat. Daß sie dann ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod doch Wirklichkeit wurde, hatte weniger mit deutscher Politik als vielmehr mit innersowjetischen Entwicklungen zu tun."

Genauso war es. Die ungeprüfte Ablehnung der sowjetischen Noten-Offensive von 1952, der sogenannten Stalin-Note von 1952, ist Adenauer - meines Erachtens völlig zu recht - schon von Paul Sethe, Jakob Kaiser oder Kurt Schumacher zum Vorwurf gemacht worden. Adenauer-Apologeten wie Schwarz erklären unverdrossen, letztlich habe Adenauers "Politik der Stärke" ja Erfolg gehabt, nur habe sich Adenauer eben im Zeitrahmen geirrt: die Sowjetunion sei eben später zusammengebrochen, als von ihm prognostiziert. Dies stimmt zwar, kann aber keine Rechtfertigung für Adenauers Umgang mit der Wahrheit - nicht nur in diesem Punkt - sein. Denken in Freund-Feind-Kategorien, Verächtlichmachung der politischen Gegner, sein Verhältnis zu den Medien,das Vorgehen des Staates in der sogenannten "Spiegel"-Affaire: in dieser Biographie werden die Schattenseiten dieses Politikers deutlich angesprochen, jedoch seine unbestreitbaren Verdienste ebenso gewürdigt. Seine Bewunderung für die Person Adenauers verbirgt Sternburg keineswegs.
Fazit
So ist eine gut lesbare Darstellung über den Gründungskanzler erschienen, die von der feststellbaren Apologetik im Werk von Hans-Peter Schwarz entfernt ist und meines Erachtens ein zutreffenderes Geschichtsbild der Adenauer-Epoche gibt als Schwarz' "Anmerkungen" oder dessen umfangreiche zweibändige Adenauer-Biographie. Daher unbedingt als Ergänzung zu Schwarz' "Anmerkungen" zu empfehlen. Sehr lesenswert.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 23. September 2004

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