Jacques Le Goff: Die Geburt Europas im Mittelalter

Die Geburt Europas im Mittelalter

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-51762-4

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Jacques Le Goff ist einer der einflussreichsten noch lebenden Mediävisten. Seine Werke zeichnen sich meistens durch eine enge Vernetzung von Kultur- und Sozialgeschichte aus (beispielsweise sein Band in der Reihe "Fischer Weltgeschichte, Bd. 11, Das Hochmittelalter"). Im Rahmen der Reihe "Europa bauen", dessen Herausgaber er ist und das in Deutschland beim renomierten Verlag C.H. Beck erscheint, befasst er sich selbst in diesem Buch mit der "Geburt Europas im Mittelalter". Der Titel hat im Deutschen den Klang einer Feststellung - im Original war es noch als Frage formuliert.

Im vorliegenden Fall muss der Rezensent mehrere Vorbemerkungen machen. Es muss angemerkt werden, dass Le Goff selbst mit diesem Essay (gegliedert in sechs Kapiteln) keine erschöpfende Geschichte des Mittelalters schreiben wollte (S. 13) - was auch kaum möglich gewesen wäre, schon gar nicht in einem für den Laien nicht ermüdenden Umfang. Le Goff geht einer Grundfrage nach: wie entwickelte sich Europa in dem Zeitraum der endenden Spätantike und dem Beginn der Neuzeit, also zwischen dem 4. und dem Ende des 15. Jahrhunderts. Wer folglich Informationen über die ronkalischen Gesetze und die Wechselseitigkeit von Imperium und Sacerdotium, oder Antworten auf Fragen der Verfassungsgeschichte in diesem Buch sucht, der wird nicht fündig werden. Jeder aber, der sich Gedanken darüber macht, was Europa war und was es in Zukunft sein könnte, der wird gewiss einige Anregungen darin finden.

Im ersten Kapitel geht Le Goff zurück in die Zeit der Spätantike, dessen Rolle er für den Transformationsprozess des Mittelalters mit Recht hoch einschätzt (es sei in diesem Zusammenhang auch auf das Buch von einem der renomiertesten Historiker für die Zeit der Spätantike hingewiesen: "Peter Brown, Die Enstehung des christlichen Europas", ebenfalls beim Verlag Beck in der Reihe "Europa bauen"). Dabei wird vieles allerdings nur knapp skizziert, was aber durchaus dem Charakter des Buches und der Intention des Autors entspricht. Die Zeit der Karolinger, oft als eine Geburtstunde des abendländischen Europas gefeiert wird, wird relativ ausführlich abgehandelt, wobei sich der Rezensent gewünscht hätte, Le Goff wäre etwas näher auf Karl den Großen und den Mythos des "ersten Europäers" eingegangen.

Besonders anregend zu lesen waren allerdings die Kapitel IV. und V., wo das "feudale Europa" und das "schöne Europa" behandelt wird. Hier widmete sich Le Goff vor allem den sozialen Entwicklungen, wie der Entwicklung des Lehnswesens, der Expansion der Städte, der Zunahme der Wirtschaftskraft und den Universitäten - einer originären Schöpfung des Mittelalters. Wohltuend verzichtet Le Goff auf eine Abfolge von Königen und Schlachten, auch wenn dies vielleicht auf den Laien denn manchmal auch etwas unübersichtlich wirken mag. Gerade der Wandel der Werte und der Wandel Europas an sich, welches sich im 13 und 14. Jahrhundert immer mehr öffnet, ist anschaulich und gut leserlich beschrieben. Vor allem wird klar: es hat nicht ein Europa im Mittelalter gegeben, sondern eines der vielen Gesichter.

Den Abschluss bildet die überseeische Expansion die damit das Ende des Mittelalters einläutete. Dabei verzichtet Le Goff allerdings auf die Einbeziehung der Reformation, was sich allerdings mit Le Goffs Europabegriff erklären lässt (der vor allem eine territoriale Komponente beinhaltet, siehe S. 265). Es schließt sich ein (extrem) rudimentärer Anmerkungsapparat und eine recht gut sortierte Auswahlbibliographie an.

Die Grundthese von Le Goff, dass Europa von der Antike über das Mittelalter in die Neuzeit vermittelt wurde, bleibt aufgrund des kursorischen Charakters des Essays lückenhaft, aber dennoch eine höchst anregende Überlegung, die kaum weniger überzeugend ist als die Gegenthese, die von einem neuzeitlichen Europa als Kern unseres Europas ausgeht.
Fazit
Le Goffs Werk ist kein Meilenstein der Geschichtsschreibung - aber als solches war es auch nicht entworfen. Le Goff wollte Europas Entwicklung im Mittelalter skizzieren. Dies ist ihm auch meiner Meinung nach durchaus gelungen. Die Wesenszüge Europas werden gut sichtbar herausgearbeitet; zudem ist das Werk gut geschrieben. Allerdings wird weder die Bedeutung der Juden, die im Mittelalter eine bedeutende Rolle spielten, noch die Bedeutung der Muslims in Europa noch das Byzantinische Reich ausreichend gewürdigt. Zwar wollte Le Goff vor allem das abendländische Europa beschreiben, dennoch bleiben damit viele Erklärungen im Ansatz stecken. Als Denkanstoss ist Le Goffs Werk allerdings eine willkomene Bereicherung. Der interessierte Leser, der noch dazu ein interessierter Europäer ist, wird aus diesem Buch sicherlich Gewinn ziehen, sofern er keine erschöpfende und forschungsnahe Auseinandersetzung mit dem Europa des Mittelalters erwartet - aber für diesen Leser war das vorliegende Buch eben auch nicht bestimmt.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 06. August 2004

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