Herfried Münkler, Rüdiger Voigt, Ralf Walkenhaus: Demaskierung der Macht: Niccolo Machiavellis Staats- und Politikverständnis

Demaskierung der Macht: Niccolo Machiavellis Staats- und Politikverständnis

Verlag: Nomos Verlagsgesellschaft [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-8329-0708-2

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Das Staatsverständnis hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder grundlegend gewandelt. Der klassische moderne Staat, der sich spätestens mit der französischen Revolution ausgebildet hat, scheint sich inzwischen in Auflösung zu befinden, wenn man die zahlreichen politischen, historischen und soziologischen Publikationen zu diesem Themenkomplex sieht. Wer war der Vater des modernen Staatsbegriffes, der einen "starken Staat" als unbedingte Notwendigkeit erkannte und pries? Dies war kein anderer als der - häufig zu Unrecht - verleumdete Niccolo Machiavelli. Sein Staats- und Politikverständnis wird in diesem Band der interessanten Reihe (die auch weitere politische Denker von Thomas Hobbes bis Karl Marx portraitiert. Als (Mit-)herausgeber fungiert mit Herfried Münkler einer der besten Kenner Machiavellis in Deutschland. Er hat die meines Erachtens fundierteste und umfangreiche deutschsprachige Biographie über Niccolo Machiavelli verfasst.
Wem jedoch diese Biographie zu umfangreich ist und wem andererseits die - knappe - Skizze des politischen Denkers Machiavelli durch Herfried Münkler in "Klassiker des politischen Denkens Band 1" (herausgegeben von Hans Maier und Horst Denzer) zu kurz ist, der ist mit dem voriegenden Sammelband meines Erachtens hervorragend bedient.

Zunächst arbeiten die Herausgeber (neben Münkler, Rüdiger Voigt und Ralf Walkenhaus) die Modernität Machiavellis heraus. Er war der Ahnherr einer empirisch-pragmatischen Politikwissenschaft, was sich vor allem durch sein Hauptwerk "Il Principe" (Der Fürst) belegen lässt.

Zunächst arbeiten die Herausgeber im einleitenden Kapitel biographische Stationen Machiavellis, sein politisches Umfeld im Florenz der Medici, seinen Aufstieg nach Vertreibung der Medici 1498 und sein Wirken bis zu seinem Sturz 1512 nach Rückkehr der Medici an die Macht heraus. Hierbei wird auf seine Tätigkeit als politischer Beamter, als Militärreformer (er war Befürworter einer Bürgermiliz und lehnte die bisherigen Söldnerheere der Condottieri ab) sowie als Diplomat unter der Regierung Piero Soderinis heraus.

Seine bedeutendsten Leistungen vollbrachte Machiavelli als Schriftsteller nach seiner Verbannung nach 1512 bis zu seinem Tode 1527. Seine Rezeption und Wirkungsgeschichte wird in dieser Einleitung kurz gestreift. Dabei wird zutreffend herausgearbeitet, dass im Gegensatz zur politischen Philosophie des Altertums und des Mittelalters nicht die Erkenntnis der guten Staatsform und des moralisch guten Regierens die Bedeutung und Modernität Machiavellis ausmacht: "Der Machiavellismus überwindet diese pejorative Auffassung und stellt die machtmäßige Bewältigung der Gegenwart in das Zentrum des Politischen." (S. 22). Genau dies macht seine Bedeutung bis heute aus. Er ersetzt das christliche Vertrauen in den Sinn der Geschichte durch eine säkularisierte Sicht der Dinge, die nüchtern und realistisch den "Nutzen" kühler Machtpolitik im Sinne eines "Utilitarismus" wertneutral darlegt. Daher sind seine Schriften bis heute vielfach gelesen und - durchaus unterschiedlich und kritisch, jedenfalls häufig zu undifferenziert und einseitig - rezipiert worden, wie das Kapitel "Rezeption und Wirkungsgeschichte" deutlich macht. Am Beispiel der Machiavelli-Rezeption Friedrichs des Großen im "Antimachiavell" wird dies von Peter Nitschke in einem eigenen Aufsatz hervorragend verdeutlicht. Es zeigt sich, dass Machiavelli ein uneingeschränkter Befürworter des starken Staates ist, dessen Interesse absoluten Vorragen vor den Interessen der Religion und Moral habe. Daher gilt Machiavelli auch als der Begründer des Begriffes der "Staatsraison", wie Rüdiger Voigt in einem eigenen Aufsatz: "Im Zeichen des Staates" gut herausarbeitet. Zweifellos ist dieser Ansatz das "Neue", das "Moderne", ja das "Umstürzlerische" am Denken Machiavellis.
Fazit
Die Aufsätze des vorliegenden Werkes machen dem Leser eindringlich klar, dass es sich bei Niccolo Machiavelli um einen der umstrittendsten, aber auch modernsten Staatsdenker handelt. Nicht umsonst formulierte Theodor Schieder im Jahre 1970, Machiavelli sei der eigentliche Begründer einer "Wissenschaft von der Politik". Ebenso wie Platon strebte Machiavelli nach allgemeingültigen Erkenntnissen und analysierte vor allem die Erfolgsbedingungen politischen Handelns vor dem Hintergrund von Politik und Geschichte. Im Gegensatz zu Platon - dies wird von den Herausgebern völlig korrekt bilanziert - stellte Machiavelli die politischen Verhältnisse so dar, wie er er sie vorfand, ohne philosophische oder theologische Überhöhung. Insofern kann sein Realismus in der Tat als Begründung einer modernen, empischen Politikwissenschaft betrachtet werden - und dies macht ihn meines Erachtens zum wichtigsten politischen Denker der Neuzeit.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 22. Juli 2004

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