Helmuth Plessner: Die verspätete Nation

Die verspätete Nation

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-518-27666-2

Preis: 40,98 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Seit den 1990-ger Jahren negieren Historiker und Politologen die These eines deutschen Sonderweges, der zum Aufstieg des Nationalsozialismus geführt habe. Bücher, die einen solchen Sonderweg postulierten, gibt es zwar - angefangen von Shirers "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches", Meineckes bereits 1946 publizierte "Die deutsche Katastrophe" bis hin zu Winklers "Der lange Weg nach Westen".

Helmuth Plessner hat in seinem Buch "Die verspätete Nation", welches bereits 1935 aufgrund von Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten an der Universität Gröningen entstand, die geistes- und philosophiegeschichtlichen Grundlagen für einen deutschen Sonderweg nachgezeichnet. Es gibt in Deutschland - wie Norbert Elias später ebenfalls postulierte - einen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation, die darauf zurückzuführen ist, dass die Deutschen eine "verspätete Nation" sind. "Die wesentliche Differenz zwischen den Deutschen und den Völkern des alten Westens, die ihre nationalstaatliche Basis im 16. und 17. Jahrhundert gefunden hatten und auf "goldene Zeitalter" zurücksehen können (was wir nicht können) liegt in dieser Zeitverschiebung, die eine innere Verbindung zwischen den Mächten der Aufklärung und der Formund des Nationalstaates in Deutschland verhindert hat." Dies ist die zentrale Feststellung in Plessners umfangreicher Philosophiegeschichte. In deutscher Perspektive habe die Blütezeit des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation die Stelle des Goldenen Zeitalters eingenommen. "Damit gewann die romantische Bewegung, in welcher die revolutionäre Phase der Aufklärung und der Emanzipation des Gefühls ihre Krönung und ihre Widerlegung fand, im Unterschied zu England und den romanischen Nationen an Bedeutung für die nationale Integration." Das Bürgertum sei unpolitisch und obrigkeitsstaatlich verhaftet gewesen.

"Wer die Probleme unserer politischen Kultur verstehen will, für den sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre gehören. Es vermittelt Einsichten, die über alle Patent-Erklärungen und Einweg-Formeln differenzierend und weit hinausführen." Dieses - auf dem Buchrücken abgedruckte - Plazet des Plessner-Schülers Christian Graf von Krockow kann ich nur bestätigen.
Fazit
Heute ist dies nach wie vor die meines Erachtens beste Geistes- und Philosophiegeschichte, die - neben dem umfangreichen Werk von Norbert Elias - in Deutschland erschienen ist.

Unbedingt lesenswert.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 22. Juni 2004

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