Brigitte Seebacher: Willy Brandt

Willy Brandt

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-492-04383-1

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Brigitte Seebacher hat eine Biographie über ihren früheren Ehemann geschrieben, die ganz offensichtlich zwei Ziele hat: zum einen möchte die gelernte Historikerin - Spezialgebiet ist die Geschichte der Arbeiterbewegung - Willy Brandts Leben und Politik erläutern. Andererseits ist Frau Seebacher als letzte Ehefrau Brandts aber auch subjektiv an dem Geschehen beteiligt. Mit ihr hat Willy Brandt gesprochen, Frau Seebacher hat Willy Brandt seit 1978 stark beeinflusst und geprägt.
Beide Ansprüche sind meines Erachtens unerfüllbar. Die bemühte Sachlichkeit der Historikern - unter anderem verwaltet Frau Seebacher das Willy-Brandt-Archiv - kollidiert immer wieder mit den (verletzten?) Gefühlen der Ehefrau. Was soll aus mir werden? fragt sie zu Beginn des Buches um dann zu antworten: Dann schreibst Du ein Buch.

Die Subjektivität kommt insbesondere in den Betrachtungen über die Lebensgefährten zum Ausdruck - außer Helmut Kohl und Gorbatschow kommt niemand gut weg - insbesondere die "Enkel" und "Söhne", aber auch die Mitglieder der Troika - Schmidt und Wehner - bekommen ihr "Fett" ab.

Besonders einseitig aus meiner Sicht das Kapitel "Nach Moskau: Exkurs", in dem Wehner die Hauptschuld am Rücktritt Brandts zugeschoben wird. In Anlehnung an russische Quellen - die von ihr nicht bezweifelt werden - beschuldigt sie Herbert Wehner, mit Honecker und Moskau ein Komplott zum Sturz Brandts betrieben zu haben und wertet die ihr zur Verfügung gestellten Archive ziemlich unkritisch aus. Hermann Schreiber hat in seinem Buch "Kanzlersturz auf die begrenzte Aussagekraft der Moskauer Quellen hingewiesen. Ich kann dies selber nicht beurteilen, da ich die Quellen nicht kenne, bin aber der Auffassung, die Fokussierung auf Herbert Wehner, dessen Lebensleistung sie nicht gerecht wird - verstellt den Blick auf weitere Ursachen von Brandts Rücktritt, die Seebacher zwar benennt, aber doch nur am Rande erwähnt: die innenpolitische Krise nach 1972, der Ölpreisschock, die Desillusionierung über mangelnde Fortschritte der Ostpolitik, die Wahlen in Hamburg und der Streik von Fluglotzen und ÖTV. Schöllgen hat in seiner Brandt-Biographie zu recht erklärt, der Fall Guillaume sei doch nur der Anlass, nicht die eigentliche Rücktrittsursache gewesen.

Frau Seebacher kann ihre diesbezüglichen Anschuldigungen nicht belegen und arbeitet meines Erachtens mit dem Mittel der Unterstellung und Insinuation - ein harter Vorwurf, den aber andere Rezensenten der Autorin - meines Erachtens zu recht - ebenfalls gemacht haben.

Am meisten stört mich jedoch, dass die Autorin hier einen Absolutheitsanspruch erhebt, so - wie sie es schildere - seien die Ansichten Willy Brandts. Dass sie die Leistung von Rut Brandt, die insbesondere Peter Merseburger in seiner Brandt-Biographie lobend erwähnt, - Rut Brandt wird namentlich nur auf S. 165 und 166 erwähnt - nicht würdigt, mag aus der subjektiven Sicht Seebachers als neuer Ehefrau Brandts, die die Vorgängerin aus ihrer Erinnerung streichen möchte, nachvollziehbar sein; nicht aber aus Sicht der Historikerin.

Willy Brandt war eine differenzierte und - bei allen Grundsätzen in der Außen- und Ostpolitik - doch eine Persönlichkeit, die ihre Standpunkte veränderte - von Konstanz kann - so die Brandt-Biographen Schöllgen und Merseburger völlig zu recht - in seinen politischen Ansichten nicht gesprochen werden. Genau diesen Eindruck erweckt Brigitte Seebacher jedoch. Sie verabsolutiert Willy Brandt.

Warum etwa verweigerte sie Rut Brandt die Teilnahme an der Beerdigung ihres früheren Gatten - wie Merseburger treffend bemerkt? Warum durften bestimmte Personen nicht von ihm Abschied nehmen? Nur weil Willy Brandt nicht mehr die Kraft hatte, sie zu empfangen? Zweifel - im Sinne Merseburgers - scheinen mir hier angebracht zu sein.
Fazit
Die Schilderung erhebt den Anspruch der Objektivität, der nicht durchgehalten wird. Hätte Frau Seebacher ein Buch "Meine Jahre mit Willy Brandt" verfasst ohne Anspruch auf historische Wahrheit, wäre das Buch gelungen. So werden Erwartungen geweckt, die meines Erachtens nicht erfüllt wurden. "Armer Willy Brandt" schrieb Brandt-Biograph Gunter Hofmann in der "Zeit". Oh, wie hat er recht.
3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. Juni 2004

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