Richard J. Evans: Das Dritte Reich: Aufstieg

Das Dritte Reich: Aufstieg

Verlag: Deutsche Verlagsanstalt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-421-05652-8

Preis: 39,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. Dezember 2016]
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Richard J. Evans hat ein mit vielen Vorschusslorbeeren versehenes Buch über das Dritte Reich vorgelegt, welches den Anspruch erhebt, auf erzählende Weise eine Gesamtdarstellung des Nationalsozialismus zu liefern, wie sie Karl Dietrich Bracher mit seinem Standardwerk "Die deutsche Diktatur" (1969) oder William L. Shirer in seinem Werk "Aufstieg und Fall des Dritten Reiches" geliefert hat.
Ich habe das Buch gelesen und war äußerst enttäuscht. Der Autor, Professor für Moderne Geschichte an der Universität Cambridge ist Spezialist für die deutsche Mentalitätsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, etwa über die Frauenbewegung. Hauptziel des vorliegenden Buches und der geplanten zwei Folgebände sei, "möglichst viele wesentliche Aspekte der Geschichte des Dritten Reiches - nicht nur Politik, Diplomatie und Militärisches, sondern auch Gesellschaft, Wirtschaft, Bevölkerungspolitik, Antisemitismus, Polizei und Juytiz, Literatur, Kunst und Kultur - in einer Breite zu erfassen, die den früheren Ansätzen aus verschiedenen Gründen gefehlt hat, sie zu bündeln und zu zeigen, wie sie miteinander zusammenhängen."

Zielgruppe, so der Autor, sei der interessierte Laie, nicht der Wissenschaftler, dem er in der "erzählenden Darstellung" - die er in ausdrücklichen Gegensatz zur analytischen, von Sozialwissenschaftlern entlehnten Methode stellt - diese Aspekte vermitteln wolle.

Die Aufgabe, eine Mentalitätsgeschichte der Deutschen zwischen Bismarck und Hitler zu liefern und damit den Menschen in den Blickpunkt zu nehmen, ist dem Autor zwar gelungen. Gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Aspekte kommen in dieser Darstellung jedenfalls zu kurz. Plessners Verdikt von der "verspäteten Nation", bereits aus dem Jahre 1959 (Erstfassung 1935), die die kultur- und geistesgeschichtlichen Ursachen der deutschen Katastrophe, nämlich die Ungleichzeitigkeit der demokratischen Entwicklung untersucht, bleibt ausgespart. Der Gegensatz zwischen Aufklärung und Nationalsozialismus, bei Plessner hervorragend herausgearbeitet, kommt als geistesgeschichtliche Ursache des Nationalsozialismus nicht vor. Deutschland hatte - wie Heinrich August Winkler zu recht bemerkt - auch unter der Ungleichzeitigkeit der Demokratisierung zu leiden, da ein konstitutioneller Verfassungsstaat in Preußen aufgrund von Bismarcks Weigerung, die Macht des Kaisers zu beschneiden, im Gegensatz zu England nicht beschritten wurde. Andererseits verfügte Deutschland bereits auf nationaler Ebene seit 1871 über das allgemeine gleiche Wahlrecht.

Zu kurz kommt mir auch das "antidemokratische Denken in der Weimarer Republik", welches Kurt Sontheimer so hervorragend herausgearbeitet hat.

Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte, wie sie etwa bei Heinz Höhne: "Gebt mir vier Jahre Zeit" eindrucksvoll herausgearbeitet werden, fehlen völlig. Charakteristisch ist die kursorische Behandlung der deutschen Revolution 1918/19. Es war doch gerade die "Krux" der Republik von Weimar, dass sich auf wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ebene die alten Eliten in Weimar haben durchsetzen können und mit dem sogenannten Ebert-Gröner-Pakt die "Kompromisssituation" geschaffen wurde (politische Demokratisierung aber keine Entmachtung der alten Eliten des Kaiserreiches), die - neben Versailles - zur Zerstörung der Republik beitrugen.

Auch die Weimarer Kultur wird sehr einseitig betrachtet. "Die Weimarer Kultur war von Mord und Greueltat, Ausschweifung und Verbrechen geradezu besessen, zur Beunruhigung vieler Bürger." Dass in Weimar eine kulturelle Blüte entstand, die es zum Eldorado vieler Künstler machten (vgl. Jost Hermand/Frank Trommler: Die Kultur der Weimarer Republik), wird schlicht ausgeblendet.

Es gibt noch weitere unbegreifliche Fehler in diesem Buch. So scheiterte die Weimarer Koalition sowohl an der Intransingenz von DVP und SPD, die nicht bereit waren, den sogenannten "Brüning-Kompromiss" in der Frage der Arbeitslosenversicherung zu akzeptieren und nicht nur an einer Seite (hier der DVP, wenn diese auch sicherlich die treibende Kraft war). Die berühmte Kölner Unterredung von Januar 1933 zwischen Papen und Schröder, die "Geburtsstunde des Dritten Reiches" und Papens Rolle zur Machterschleichung Hitlers wird schlicht ignoriert.

Hier kommt noch etwas hinzu: eine kritische Analyse des Faschismus-Begriffes - seine Abgrenzung zum Nationalsozialismus - fehlt völlig. Nun muss man nicht Kühnls "Faschismustheorien" für der Wahrheit letzten Schluss in dieser Debatte halten und mag dessen Theorien kritisch gegenüberstehen. Dass es aber doch auffällig ist, dass überall in Europa gleichzeitig faschistische Bewegungen entstanden und gerade in rückständigen Ländern an die Macht kamen (vgl.: Wolfgang Wippermann: Europäischer Faschismus im Vergleich 1922-1982), darauf müsste doch ein Autor, der ein Standardwerk zum Dritten Reich auf dem neuesten Forschungsstand vorlegen möchte, eingehen. Die - lapidare - Äußerung aus dem Vorwort: "Neuere Historiker...haben erkannt, auf welche Schwierigkeiten es stößt, den italienischen Faschismus, den deutschen Nationalsozialismus und andere, ähnliche Bewegungen der äußersten Rechten in der Zwischenkriegszeit als SPiielarten eines einzelnen, allgemeien Phänomens des Faschismus aufzufassen, sobald man sich auf die soziale Basis oder auf die Weltanschauung dieser Bewegungen konzentriert" kann doch wohl nicht alles sein.

Dem Buch fehlt es außerdem vollkommen an einer chronologischen Struktur, welches gerade die Zielgruppe, den interessierten Leser, völlig verwirren dürfte. Heinrich August Winkler hat in seiner - hervorragenden - Rezension im "Spiegel" 12/2004 völlig zu recht von einem "Stolperweg" gesprochen.
Fazit
Auch als Einführung hält das Buch - mit Ausnahme von interessanten Aspekten der Mentalitätsgeschichte, etwa der Analyse des Antisemitismus - nicht, was es verspricht. Als Standardwerk sollten weiterhin Bracher, Shirer, Frey und Herbst sowie Thamer: "Verführung und Gewalt" herangezogen werden. Es bleibt zu hoffen, dass die folgenden Bände dem wissenschaftlichen Anspruch, den der Autor in seinem Vorwort aufstellt, besser gerecht werden.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 28. April 2004

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